Deutschland

Chemie: Die bekanntesten Unglücke

Immer wieder kam es zu Unglücken in der chemischen Industrie. Die Explosion in Leverkusen ist auf dieser Skala ein kleiner Vorfall; sie hätte aber, wie meist in diesen Fällen, ein größerer werden können.
Chemie: Die bekanntesten UnglückeQuelle: www.globallookpress.com © S. Ziese via www.imago-images.de

Auch wenn die jüngste Explosion in Leverkusen in einer Anlage zur Sondermüllvernichtung stattfand und nicht in einer chemischen Produktionsanlage, so gehört sie doch in die lange Liste der Chemieunfälle, die die Geschichte dieser Industrie begleiten. Currenta, die Firma, der die Anlage gehört, war lange Teil des Bayer-Konzerns und wurde von diesem 2019 an den australischen Finanzinvestor Macquarie verkauft.

Die deutsche Chemieproduktion konzentriert sich weitgehend an zwei Standorten: in Ludwigshafen/Mannheim (BASF, weltgrößter Chemiekonzern, und Hoechst, heute Teil von Aventis) sowie Leverkusen (Bayer). Alle diese Unternehmen waren von 1926 bis 1945 Teil der IG Farben.

Die frühesten Produkte der chemischen Industrie im ausgehenden 19. Jahrhundert waren Farben und Dünger; dann kamen die Sprengstoffproduktion und die Chlorchemie. Inzwischen reicht die Spanne von der Pharma- über die Kunststoff- bis zur Herbiziderzeugung.

Das größte Chemieunglück in der bisherigen deutschen Geschichte ereignete sich 1921 in dem Ludwigshafener Vorort Oppau in einer Düngemittelfabrik der BASF. Die dort gelagerten Ammoniumsalze, die stark Wasser ziehen und zur Verklumpung neigen, wurden regelmäßig durch Sprengungen aufgelockert. An jenem 21. September sollte die Mischung aus Ammoniumnitrat (das im letzten Jahr erst die Explosion im Hafen von Beirut auslöste) und Ammoniumsulfat, die allgemein als explosionssicher galt, erneut durch eine Sprengung aufgelockert werden. Spätere Untersuchungen ergaben das neue Produktionsverfahren, das die Salze in Lagen aufeinander sprühte, als wahrscheinlichste Unglücksursache.

An der Stelle der Produktionshalle befand sich nur noch ein Krater von 165 Metern Länge und 95 Metern Breite. Die Explosion war über Hunderte von Kilometern zu hören, zerstörte in Oppau über tausend Gebäude vollständig und hob selbst im 25 Kilometer entfernten Heidelberg noch eine Straßenbahn aus den Schienen. Über 500 Opfer waren zu beklagen. In der Folge wurde die Produktion von Kunstdünger in Oppau für zwei Jahrzehnte eingestellt.

Das zweite Chemieunglück in der Weimarer Republik betraf die Chemiefirma Stoltzenberg in Hamburg. Aus einem Kesselwagen der Firma entwich 1928 das darin transportierte Phosgen; ein Gas, das im Ersten Weltkrieg als Kampfgas eingesetzt worden war. Es zog in einer Wolke durch ein Wohnviertel; die Folge waren zehn Tote und ein politischer Skandal. Es wurde vermutet, dass das Giftgas illegal, nämlich unter Verletzung des Versailler Vertrages, im Auftrag der Reichswehr produziert worden war. Stoltzenberg war außerdem an der Produktion von Giftgas beteiligt, das die spanischen Kolonialtruppen in Marokko eingesetzt hatten. Die Reichsregierung gab sich Mühe, den Skandal zu vertuschen. Dennoch wurde in einem Lied aus der Zeit gespottet: "Mit dem Gas, das macht Spaß, weil's noch keiner kennt,/ Phosgengas, das ist das neuste Friedensinstrument./ Gasgefüllte Fliegerbomben nur für den Sport./ Wirklich denkt niemand an Massenmord."

Mit dem Machtantritt der Nazis fand auch die deutsche chemische Industrie zurück zur Sprengstoffproduktion; aus den Folgejahren sind zwar berüchtigte Produkte wie Zyklon B bekannt, aber selbst während der Fliegerangriffe des Zweiten Weltkriegs gab es keine größeren Unglücke; weniger aus Menschenfreundlichkeit der US-Amerikaner, eher wegen der engen Verbindungen der IG Farben zu den US-Konzernen Rockefeller und DuPont – keines der IG-Farben-Werke wurde bombardiert.

Die chemische Produktion jener Jahre findet sich bis heute an ehemaligen Standorten im Erdreich und führt dazu, dass dort, wo einst Munitionsfabriken standen, meist die Erde bis in mehrere Meter Tiefe abgetragen werden muss, damit eine erneute Bebauung ohne Gesundheitsgefährdung möglich und eine Verunreinigung des Grundwassers ausgeschlossen ist.

1976 kam es in einer Tochterfirma des Schweizer Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche in einer Produktionslinie für Desinfektionsmittel im italienischen Seveso zu einer Explosion, die eine große Fläche mit Dioxin vergiftete. In diesem Fall kam es zu keinen nachweisbaren direkten Todesfällen; Dioxine können allerdings Krebs auslösen und Missbildungen verursachen. Das Seveso-Unglück löste damals eine breite Debatte über die Gefahren der chemischen Industrie aus. Die schlimmsten Schäden haben Dioxine allerdings weder in Italien noch durch versehentliche, sondern durch absichtliche Freisetzung ausgelöst – durch das Versprühen von Agent Orange durch die US-Armee in Vietnam, unter deren Folgen bis heute Millionen Vietnamesen leiden. An der Produktion von Agent Orange war Bayer in Kooperation mit Monsanto beteiligt.

Im Zuge strengerer Vorschriften begann nach dem Zweiten Weltkrieg die Verlagerung chemischer Produktion ins Ausland; eine Tendenz, die sich bei deutschen wie bei US-Unternehmen findet. Der weltweit größte Chemieunfall fand am 3. Dezember 1984 im indischen Bhopal statt, in einer Pestizidproduktion des US-Unternehmens Union Carbide. Methylisocyanat reagierte mit Wasser, trat als Wolke aus und verbreitete sich über ein neben der Fabrik gelegenes Elendsviertel; da die Einwohner nirgends registriert waren, gibt es bis heute nur Schätzungen über die Zahl der Opfer, die zwischen 3.000 und 25.000 schwanken.

Äußerst auffällig war der Brand bei der Schweizer Firma Sandoz im November 1986. Das verseuchte Löschwasser gelangte in den Rhein, färbte ihn rot und tötete auf mehreren hundert Kilometern die Fische. Viele Städte, die dem Rhein Wasser zur Trinkwasserversorgung entnahmen, mussten diese wochenlang abstellen. Das Nachbarunternehmen Ciba-Geigy, mit dem Sandoz inzwischen zu Novartis verschmolzen ist, nutzte die Gelegenheit, um vermeintlich unbemerkt das Herbizid Atrazin in den Rhein zu leiten.

Löscharbeiten in chemischen Produktionsanlagen sind keine Aufgabe für die freiwillige Feuerwehr; wie der Fall Sandoz beweist, ist selbst dann, wenn mit Wasser gelöscht werden kann, dass Wasser selbst womöglich gefährlich und sollte nicht einfach abfließen. Bei Bränden oder Explosionen in solchen Anlagen muss genau bekannt sein, mit welcher Substanz man es zu tun hat, damit das richtige Löschmittel zum Einsatz kommt.

Einige, aber nicht alle der erwähnten Unglücke waren die Folge unzureichender Wartung und schlecht ausgebildeten Personals. Diese Risikofaktoren zumindest lassen sich durch öffentliche Kontrolle verringern. Allerdings bleibt die Tatsache, dass oft viele gefährliche Zwischenprodukte Teil der Produktionsverfahren sind, das oben erwähnte Phosgen beispielsweise bei der Produktion von Schaumstoffen. Diese Zwischenprodukte und ihre Gefahren sind der Bevölkerung in der Umgebung meist weder bekannt noch bewusst.

Ausgesprochen schwierig ist es meist, die Betreiber zur Verantwortung zu ziehen. Union Carbide hatte 1989 ganze 470 Millionen Dollar an den indischen Staat gezahlt; erst 2010 wurden acht leitende Angestellte wegen fahrlässiger Tötung zu Bewährungsstrafen verurteilt. Der Boden ist nach wie vor nicht saniert, weil sich das Unternehmen Dow Chemical, das inzwischen Union Carbide übernommen hat, für nicht zuständig erklärt. Die Prozesse wegen des Unglücks von Seveso endeten ebenfalls mit Bewährungsstrafen; die gezahlten Entschädigungen beliefen sich auf insgesamt rund elf Millionen Euro. Das Sandoz-Unglück hatte gar keine juristischen Folgen; die entstandenen Schadstoffe sind teils bis heute nicht beseitigt.

Das sind nur die bei uns bekanntesten Fälle; es gab weltweit eine ganze Reihe weiterer schwerer Unglücke und eine Reihe kleinerer in der jüngeren Geschichte der Firma Bayer. Sie alle belegen, dass die chemische Produktion zwar sehr nützlich ist, aber niemals risikofrei, und bei zu hohen Gewinnerwartungen und zu geringer öffentlicher Kontrolle sogar höchst gefährlich werden kann.

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