Meinung

Schöne "grüne" neue Welt: Wenn die Umwelt zerstört wird, um das Klima zu retten

"Klimaschutz" genießt in blumigen Reden von Politik und Wirtschaft oberste Priorität. Weniger Ansehen verdienen die Schattenseiten der "green economy", denn allzu deutlich wird: Die Probleme werden durch die ausgerufene "Energiewende" gar nicht gelöst, sondern nur verlagert. Ein Teufelskreis.
Schöne "grüne" neue Welt: Wenn die Umwelt zerstört wird, um das Klima zu rettenQuelle: AFP © Martin Bernetti

von Kani Tuyala

Saftige Wiesen, üppige Wälder und eine Natur, in der man wieder wohlig durchatmen kann. Die sogenannte Green Economy verspricht vieles: Die Unternehmen erhalten neue Märkte, die Beschäftigten attraktive und bestens sinnstiftende Arbeitsplätze und die Länder des Globalen Südens erhalten ihre Chance, in den "grünen Sektoren" dieses expandierenden Weltmarkts mitzumischen. Alle profitieren also – und die Umwelt blüht auf. Soweit die Theorie.

Doch irgendwann fällt auf, dass das Label "grün" ja schon längst vor allem für "Klimaschutz" steht. Das Thema Umwelt spielt dabei nur noch die zweite Geige. Trotz gewisser Schnittmengen sind Umweltschutz und Klimaschutz jedoch keinesfalls als Synonyme gleichzusetzen. Während Umweltschutz – oder auch Ökologie – die Gesamtheit aller Maßnahmen zum Schutze der Umwelt meint – übrigens auch, um die Gesundheit der Menschen zu bewahren und zu befördern – meint Klimaschutz alle jene Maßnahmen, die einer Klimaänderung, also derzeit der globalen Erwärmung entgegenwirken und mögliche Folgen einer globalen Erwärmung abmildern (engl.: Mitigation) oder solche Folgen gar verhindern sollen.

Nach einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts geriet die Klimapolitik vor wenigen Tagen wieder in die Schlagzeilen. Ende März hieß es in einer Pressemitteilung des Gerichts, "dass die Regelungen des Klimaschutzgesetzes vom 12. Dezember 2019 über die nationalen Klimaschutzziele und die bis zum Jahr 2030 zulässigen Jahresemissionsmengen insofern mit Grundrechten unvereinbar sind, als hinreichende Maßgaben für die weitere Emissionsreduktion ab dem Jahr 2031 fehlen".

Allgemein verpflichtet das sogenannte Klimaschutzgesetz dazu, die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2030 um 55 Prozent zu senken. Und das ginge nur mit innovativer GreenTech, lautet jedenfalls seit Jahren das Mantra von Politikern und Wirtschaftsmanagern.

In Zukunft sollen nun vor allem angeblich "grüne" Elektrofahrzeuge durch die digital vernetzten "smart cities" fahren. Deren Batteriespeicher für den Elektroantrieb sind jedoch leider alles andere als "grün" im Sinne von Umwelt- und Sozialverträglichkeit. Das wird vielen schon zu Ohren gekommen sein, doch die tatsächliche Dimension der Umweltzerstörung durch die sogenannten "grünen Technologien" wird selten öffentlichkeitswirksam beleuchtet. Dafür, dass auf der Nordhalbkugel schicke E-Autos die Straßen bevölkern, drohen dem Globalen Süden neue und zwar massive ökologische und soziale Probleme.

Denn dank dem Trend zur E-Mobilität haben vor allem die Metalle Lithium und Kobalt in den vergangenen Jahren enorm an wirtschaftlicher Bedeutung gewonnen. Hinzu kommen noch Graphit und Nickel, die ebenfalls in großen Mengen in den Akkus verarbeitet oder verbraucht werden. Auch dabei handelt es sich nicht um "nachwachsende" Rohstoffe.

Laut der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) als Beratungsplattform der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe wird sich der Lithium-Bedarf bis 2025 mutmaßlich verdoppeln. Die Autokonzerne fragen demzufolge derzeit mehr nach als die Minenbetreiber abbauen können. Was bedeutet das konkret? Die Organisation Agora Verkehrswende, ein Ableger der Agora Energiewende, kam zusammen mit dem sogenannten Öko-Institut in einer Studie zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2030 für die viel gepriesene Elektromobilität zusätzlich 260.000 Tonnen Kobalt, 160.000 Tonnen Lithium, 830.000 Tonnen Nickel und 1,4 Millionen Tonnen Graphit benötigt werden.

Dieser gigantische Bedarf auf der Nordhalbkugel unserer einen Erde hat im Süden vor Ort massive negative Auswirkungen. So berichtete die Rosa-Luxemburg-Stiftung mit Bezug auf das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK), dass allein im Jahr 2016 bereits 98 Konflikte einen Bezug zur Verknappung von Wasser, Metallen und Mineralien oder zum für den Agraranbau geeigneten Boden hatten.

"67 Prozent dieser Konflikte beinhalten gewalttätige Auseinandersetzungen, darunter neun Kriege."

Ein Beispiel aus der Demokratischen Republik Kongo: Mit aktuell 48 Prozent verfügt das riesige Land im Herzen Afrikas über die größten bis dato bekannten Kobaltreserven der Welt – einem der Schlüsselelemente für die E-Mobilität. Gleichzeitig toben seit Jahren durch die "internationale Gemeinschaft" offensichtlich nicht beherrschbare oder gänzlich zu beendende kriegsähnliche Konflikte um die Bergbauregionen im Osten des Landes. Gleichzeitig steht aber das bettelarme Land angeblich "im Fokus der internationalen Aufmerksamkeit". Bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) heißt es:

"Die Kupfer-Kobalt-Förderung in der DR Kongo steht weiterhin im Fokus der internationalen Aufmerksamkeit, einerseits bezüglich der Kobaltversorgung der Industrie (beispielsweise E-Mobilität), andererseits bezüglich der Risiken der Sorgfaltspflicht in der Kobaltlieferkette (Nachverfolgbarkeit, Kinderarbeit)."

Auch Kinderarbeit in den Lieferketten zur Produktion von Elektro-Akkumulatoren ist dabei nur eines der offenbar völlig unbeachteten Probleme. Immer wieder werden außerdem ganze Dörfer und Gemeinden zwangsumgesiedelt, um Platz für neue Minen zu schaffen. Umweltstandards sind ohnehin nur etwas für die kritische und gesättigte Öffentlichkeit der nördlichen Industrieländer. Laut Philip Schütte von der BGR haben sich aber auch die "industriellen Bergbaufirmen (…) längst die Filetstücke bei den Abbaugebieten gesichert".

Der Kobalt-Anteil in einer Lithium-Ionen-Batterie beträgt bis zu 20 Prozent. Die bislang größten bekannten Vorkommen dieses für die sogenannte "Energiewende" derzeit unverzichtbar benötigten Leichtmetalls Lithium schlummern demzufolge im Boden des Dreiländerecks Bolivien, Chile und Argentinien. 70 Prozent der weltweiten Lithium-Vorkommen sollen dort lagern. Längst ist Lithium auch als "weißes Gold" bekannt. Das Leichtmetall ist ein wichtiger Bestandteil der aufladbaren Batterien von E-Bikes, E-Scootern und E-Autos, aber genauso in Handys, Tablets und PCs zu finden. Der Abbau der lithiumhaltigen Minerale sorgt jedoch vor Ort für immer größer werdende, enorme Umweltprobleme.

Beispiel Chile: Die Atacama-Wüste in Chile gilt als die trockenste Wüste der Welt. Mehr als ein Viertel der weltweiten Lithium-Reserven sollen in dieser Salzwüste beherbergt sein. Chile ist dabei mit 34 Prozent, nach Australien mit 40 Prozent, heute der zweigrößte Produzent weltweit. Die drei Salzseen der Atacama-Wüste bilden ein riesiges Lithium-Reservoir. 2018 schloss die weltweite Nummer 2 der Lithiumproduzenten SQM (der chilenische Chemie- und Bergbaukonzern  Sociedad Química y Minera) ein Abkommen mit der chilenischen Regierung. Ziel war es, die Produktion in der Atacama-Wüste weiter zu steigern. Deren indigene Bewohner sehen seither aufgrund der mit dem Abbau einhergehenden Wasserverknappung ihre Lebensgrundlage bedroht.

So werden für die Gewinnung einer Tonne Lithiumsalz demzufolge zwei Millionen Liter Wasser benötigt. Dadurch sinkt rund um die Atacama-Wüste der Grundwasserspiegel immer weiter. Ganze Flussläufe sind bereits komplett ausgetrocknet. Unter dem Wassermangel leidet vor allem die ansässige Bevölkerung. Als Atacama Indigenous Council's (CPA) bilden die Ureinwohner der Region nun seit einigen Jahren eine Interessengemeinschaft, um gegen die übermächtigen Konzerne nach Möglichkeit bestehen zu können.

Doch nicht nur Lithium wird in Chile produziert. Das Land liefert auch circa ein Drittel des Weltkupferbedarfs in Form von Erzen und Kupferkonzentraten und verfügt mit 27,9 Prozent auch über die derzeit größten bekannten Kupferreserven der Welt. Auch Kupfer ist unabdingbar für die Produktion der Mobilität von morgen. Der weltgrößte Kupfertagebau ist nach der inzwischen verlassenen Stadt Chuquicamata benannt. In der Wirtschaftswoche hieß es dazu im August 2018 – trotz einiger Bemühungen, wie sie etwa vom Autobauer BMW demzufolge in die Wege geleitet worden seien:

"Ökologisches Kupfer ist eine fast unmögliche Mission."

Dies liegt beispielsweise ebenfalls am massiven Verbrauch von Wasser zur Gewinnung des Kupfers. Und der beim Abbau erzeugte Staub enthält obendrein toxische Schwermetalle. Das ohnehin knappe Wasser ist verseucht. Laut Goldman Sachs sei Kupfer jedoch sinngemäß das neue Öl. Demzufolge gebe es "keine Dekarbonisierung ohne Kupfer". Die Investmentbank war sich vor wenigen Tagen demzufolge sicher, dass "die entscheidende Rolle, die Kupfer bei der Erreichung der Pariser Klimaziele spielen wird, (…) nicht unterschätzt werden" dürfe.

Inzwischen klärt das Umweltnetz Schweiz darüber auf, dass der Kupferabbau "in vielerlei Hinsicht problematisch" sei.

"Die Minen im Tagebau hinterlassen tiefe Wunden in der Landschaft, der Abraum hinterlässt riesige Berge, der große Wasserverbrauch führt zu Wasserverknappung in der Region und bei der Verhüttung entstehen hochgiftige Toxine (insbesondere Schwefeldioxid)."

Doch nicht zuletzt sind auch die heimischen Windkraftanlagen und Solarzellen für die "Energiewende" ebenfalls auf endliche Ressourcen wie etwa von Eisen, Aluminium und auch Kupfer angewiesen. Die Rhein-Neckar-Zeitung wies Ende März darauf hin, dass für ein modernes, möglichst wartungsarmes und daher getriebeloses Offshore-Windrad jedoch eine Tonne des Metalls Neodym aus der Reihe der "Seltenen Erden" benötigt werde. Dieser Rohstoff stammt wiederum größtenteils aus dem nordchinesischen Baotou.

"Rund um das Abbaugebiet ist bereits eine Mondlandschaft mit einem riesigen schwarzen See voller giftiger Schlacke entstanden (…) Den Preis für unsere grüne Wende zahlt die Natur dort."

Längst würden Studien auf "eine massiv erhöhte Krebsrate" in dieser Region verweisen.

China ist auch das weltweit größte Abbaugebiet des Minerals Graphit – ebenfalls unverzichtbar für die Batterien sämtlicher E-Fahrzeuge – das mutmaßlich neue "schwarze Gold". Der Entwicklungsfonds Seltene Erden weist dabei auf folgenden Umstand hin:

"In China wird ein relativ kostengünstiges Verfahren angewendet, das aber für Umwelt, Gesundheit und Sicherheit der Arbeiter katastrophal ist. Die steigende Nachfrage nach Elektrofahrzeugen könnte diese schmutzige Produktionsweise jedoch aufgrund fehlender Alternativen verlängern."

Die Bundesregierung ist sich trotz alledem keinerlei Mitverantwortung für die massiven Schäden an Umwelt und Gesellschaft in den Förderländern von Kobalt, Lithium, Graphit, seltene Erden oder auch Nickel bewusst. Die Rohstoffe würden ja "nicht in Deutschland, sondern auf Hoheitsgebieten anderer Ländern abgebaut". In der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage von FDP-Abgeordneten hieß es zum Thema beschwichtigend:

"Die Bundesregierung unterstützt betroffene Länder bei der Vermeidung von Umweltschäden, z. B. im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit."

Außerdem sei bereits eine Vielzahl unterschiedlichster Projekte zur Verminderung negativer sozialer- und umweltpolitischer Folgen im Rohstoffbereich durchgeführt worden. Auch durch weitere Aktivitäten werde man aktiv, um die katastrophalen Auswirkungen der Energiewende auf Mensch und Umwelt zu minimieren.

Soweit also alles im "grünen" Bereich?

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