Nordamerika

Nach Streit um Sorgerecht für Teenagerin: Inhaftierter US-Hacker erhebt Vorwürfe gegen Behörden

Ein US-Gericht hatte den Marty Gottesfeld zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, weil er in das Computernetzwerk eines Krankenhauses eingedrungen war. Er rechtfertigte seine Aktion damit, dass das Krankenhaus versucht habe, eine Teenagerin ihren Eltern zu entreißen.
Nach Streit um Sorgerecht für Teenagerin: Inhaftierter US-Hacker erhebt Vorwürfe gegen Behörden© @FreeMartyG

Der Journalist, Computeringenieur und mutmaßlicher Anonymous-Hacktivist Marty Gottesfeld sitzt in den Vereinigten Staaten eine zehnjährige Haftstrafe ab. Gottesfeld wurde im Januar 2019 verurteilt wegen einer Cyberattacke auf ein Krankenhaus. Zudem muss er Schadensersatz in Höhe von fast 450.000 US-Dollar zahlen, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete.

Gottesfeld wollte mit der Aktion gegen die Behandlung einer Jugendlichen in einem Sorgerechtsstreit protestieren.

Drei Jahre zuvor hatte er versucht, mit einem Boot aus den Vereinigten Staaten zu flüchten. Der Motor seines Bootes versagte jedoch, und er wurde anschließend vor der Küste Kubas von einem Kreuzfahrtschiff gerettet. Damals sagte der Richter zu Gottesfeld:

"Ihr Verbrechen war verachtenswert, niederträchtig und abscheulich."

Die Staatsanwaltschaft argumentierte, seine Cyberattacke habe das Leben von Kindern gefährdet. Er könne wieder zuschlagen, sollte er aus dem Gefängnis entlassen werden. Den Staatsanwälten zufolge wurde Gottesfeld auf den Sorgerechtsstreit um die Teenagerin Justina Pelletier Ende 2013 aufmerksam.

Das Kinderkrankenhaus in Boston, das Pelletier zu jenem Zeitpunkt behandelte, entschied, dass ihre Gesundheitsprobleme psychiatrische Ursachen hätten und ihre Eltern einen negativen Einfluss auf die Behandlung hätten. Daher wurde das Mädchen von seinen Eltern getrennt. Zuvor war eine seltene Blutkrankheit diagnostiziert worden. Nach einem sechzehnjährigen Streit um das Sorgerecht wurde Pelletier mit ihren Eltern wiedervereint.

Gottesfeld habe im März 2014 eine sogenannte DDoS-Attacke auf das Rehabilitationszentrum gestartet, in das Pelletier nach der Entlassung aus dem Krankenhaus eingewiesen worden war. Bei einer DDoS-Attacke versucht der Hacker, das Datennetz des Ziels mit Anfragen zu überlasten, um es so zu blockieren. Im April soll er einen zweiwöchigen Angriff auf das Netzwerk des Krankenhauses selbst gestartet haben. Das Netz sei unter anderem für die Behandlung von Patienten benutzt worden, so die Staatsanwälte.

In einem Beitrag für RT, der im Juli veröffentlicht wurde, rechtfertigte Gottesfeld seine Aktionen und verteidigte sich gegen die Vorwürfe. Er habe ein Kind zu einem Zeitpunkt verteidigt, zu dem viele befürchteten, dass Pelletier durch Behandlungsfehler ihr Leben verlieren könnte. Er warf dem Krankenhaus "Folter" vor. Zudem seien die Behörden zu korrupt gewesen, um dagegen vorzugehen.

"Ohne jemanden zu verletzen, habe ich ihr Leben auf eine Weise verteidigt, wie es nur wenige andere können. Dafür wurde ich 2018 verhaftet und angeklagt."

In seinem Artikel berichtete er zudem über angebliche Misshandlungsfälle im Hochsicherheitsgefängnis des Typs Communication Management Unit, in dem er inhaftiert ist, während der Corona-Pandemie. In dem Gefängnis, in dem die gesamte Kommunikation der Insassen kontrolliert und massiv eingeschränkt wird, sitzen unter anderem Terroristen und Mafia-Mitglieder.

Dana Gottesfeld, die Frau des Hacktivisten, erklärte in einem Interview mit RT, dass es im Gefängnis, in dem sich ihr Mann befindet, derzeit Probleme mit Überbelegung gebe. Zu viele Menschen würden auf zu engem Raum eingesperrt.

Zudem werde ihm der Zugang zu seinen Anwälten verwehrt. Die Gefängnisverwaltung habe erklärt, dass Gottesfeld nur bei anstehenden gerichtlichen Terminen mit seinen Anwälten Kontakt aufnehmen dürfe. Diese Regelung gelte jedoch nur für ihn – für die Kontaktaufnahme anderer Insassen mit ihren Anwälten werde das nicht verlangt. Dana Gottesfeld sprach von einem mutmaßlichen Rechtsbruch der Gefängnisverwaltung. Die Verwaltung und Regierung strapazierten die Grenzen des Machbaren so lange, bis ihnen Widerstand geleistet wird.

Die Frau des Hacktivisten beklagte sich zudem darüber, dass ihr Mann in ein Gefängnis für Terroristen geschickt wurde, obwohl der Richter in dem Fall die Bezeichnung "Terrorist" für Marty Gottesfeld eindeutig abgelehnt hatte.

Das Urteil gegen Gottesfeld sei deswegen so hart ausgefallen, weil das Krankenhaus einen Ausbildungsvertrag mit der Harvard-Universität habe. Dana Gottesfeld bezeichnete die Hochsicherheitsgefängnisse als Ort, an denen die US-Regierung versuche, Menschen zu verstecken. Angesichts des Verhaltens des Krankenhauses gegenüber Pelletier, das eine akute Gefahr dargestellt habe, sei das Verhalten ihres Mannes berechtigt gewesen, so Dana Gottesfeld.

Auch zeigte sie sich enttäuscht vom negativen Ausgang einer Klage von Pelletiers Familie gegen das Krankenhaus, obwohl Anwälte von Klienten und ehemalige Mitarbeiter des Krankenhauses die Zustände dort schwer kritisiert hatten.

Gottesfelds Ehefrau beklagte sich über einen Interessenkonflikt des Richters im ersten Verfahren gegen ihren Mann. Der Richter habe oft an eine Vermittlungsstelle für Adoptionen gespendet, die auch vom Krankenhaus Geldspenden erhalten hatte. Die Adoptionsorganisationen erhielten für jede erfolgreich vermittelte Adoption Geld vom Staat. Dadurch gebe es einen Anreiz, Kinder ihren Familien zu entreißen, insbesondere Kinder mit sehr seltenen Krankheiten, da die Möglichkeit bestehe, ihre Familien dafür verantwortlich zu machen.

Das Revisionsverfahren fand im Sommer dieses Jahres statt. Gottesfeld und seine Ehefrau erwarten derzeit das Urteil in diesem Verfahren.

Während Human Rights Watch gegenüber RT angab, sich aufgrund mangelnder Kapazitäten nicht zu dem Fall äußern zu können, war Paul Wright, Direktor des Human Rights Defense Center, einer US-Organisation für Gefangenenrechte, zu einem Gespräch bereit.

Der Menschenrechtsaktivist erklärte, dass in den USA regelmäßig der Zugang von Gefängnisinsassen zu ihren Anwälten behindert werde, sowohl vor der Verurteilung als auch danach. Die COVID-19-Pandemie habe diese Tendenz verstärkt.

Die Gefängnisse des Typs Communication Management Unit (CMU) dienten vor allem dazu, "politische Dissidenten" einzuschüchtern. In der Anfangszeit seien vor allem Personen mit arabischem und islamischem Hintergrund im Rahmen des sogenannten Krieges gegen den Terror dort untergebracht worden. Nachdem kritisiert worden war, dass in den CMU vor allem schwarze und arabisch/islamische Insassen gab, habe die US-Regierung sich darum bemüht, die Anzahl der weißen Gefangenen dort zu erhöhen, um sich gegen diese Kritik zu wehren – was Wright "eine äußerst bizarre Form der positiven Diskriminierung" nannte.

Wright beschwerte sich, dass der Prozess eine Heuchelei darstelle, da die US-Regierung selbst regelmäßig Computersysteme hacke, sowohl im Inland als auch im Ausland, wie die Enthüllungen von Edward Snowden belegt hätten.

Auch kritisierte er die Länge von Haftstrafen in den Vereinigten Staaten, die er als "Polizeistaat" und später als "autoritäres Regime" bezeichnete. In den USA würden sehr häufig lebenslängliche Haftstrafen verhängt, als ob sie "Süßigkeiten" wären. Die Gefängnispopulation in den USA betrage derzeit 2,5 Millionen Menschen. Die Verlängerung der Haftstrafen sei eine relativ neue Entwicklung ab den 1980er-Jahren.

Mehr zum Thema – US-Gefängnisse als Epizentrum in der Corona-Krise: Eine Ärztin berichtet

 

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