Meinung

Frieren gegen den Klimawandel

Kaum eine Bewegung der letzten Jahre wurde von Staat und Medien so hofiert wie Fridays for Future. Die Ziele der Klimabewegten wurden zu einem Leitfaden der Politik. Warum? Weil es hier nicht um eine Agenda der Unterdrückten, sondern der Besserverdiener geht.
Frieren gegen den KlimawandelQuelle: www.globallookpress.com © Alexander Pohl / Keystone Press Agency

von Rüdiger Rauls

Die Klimapolitik, die nun den Lebensstandard der unteren Schichten bedroht, wäre ohne den politischen Druck der klimabewegten Oberschüler und ihrer erwachsenen Anhänger aus dem Mittelschichten-Milieu nicht vorstellbar gewesen. Nun ist der Mittelstand nicht gerade bekannt für umstürzlicherische Bewegungen. Empörung, Protest vielleicht auch ein bisschen Revolte – aber Umsturz? Nein, das ist aus dem Umfeld der Besserverdiener nicht zu erwarten.

Warum aber, so stellt sich die Frage, konnte eine Oberschüler-Bewegung wie Fridays for Future solch einen großen Einfluss auf die Politik ausüben und deren Themen und Entscheidungen so nachhaltig beeinflussen? Wieso setzten Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dieser relativ unbedeutenden Bewegung so wenig Widerstand entgegen? Ist das alleine mit dem Wirken des Kapitals zu erklären?

Fridays for Future: Ein Produkt der herrschenden Ideologie

Die Kids von Fridays for Future, die weitgehend aus den oberen Schichten der Gesellschaft stammen, setzen nichts anderes um als das, was ihnen die herrschende Ideologie über Jahre eingetrichtert und vorgelebt hatte: Sie setzen sich ein für Werte. Sie machen sich stark für das Gute schlechthin. Und dazu gehört ganz besonders der Kampf für die Umwelt und, seit Greta Thunbergs Schulstreik, besonders gegen den sogenannten Klimawandel. Was hätte die herrschende Wertepolitik ihnen da entgegensetzen sollen? Schlagstöcke?

Wer hätte das verstanden? Diese Jugendlichen traten doch gerade für dieselben Werte ein, mit denen die offizielle deutsche und westliche Politik mit ihren Idealen sich so gerne von den Schurkenstaaten dieser Welt abgrenzte. Auch große Teile der ebenso denkenden Elternschaft standen doch hinter diesem Gedankengut und damit hinter ihren engagierten Sprösslingen.

Schlagstöcke gegen die eigenen Kinder, die Missionare der eigenen Wertvorstellungen? Undenkbar! Damit hätte man die eigenen Überzeugungen ad absurdum geführt. Damit hätte man sich doch die Häme all jener Schurkenstaaten zugezogen, von denen man sich bisher so gerne durch die sogenannten westlichen Werte abgegrenzt hatte.

Das waren doch keine antiautoritären Studenten, die gegen die Nazivergangenheit der herrschenden Politprominenz demonstrierten, oder gegen die Massaker des Vietnamkriegs. Mit den langhaarigen Gammlern von damals hatte man kurzen Prozess machen können. Schließlich waren die für die falschen Werte auf die Straße gegangen, für die der Kommunisten. Da konnte man schon mal die Gummiknüppel tanzen lassen.

Die Kids von Fridays for Future sind auch nicht die besorgten Bürger, die sich gegen Atomkraftwerke zur Wehr setzten, gegen langzeitstrahlende Endlager, gegen hochriskante Schnelle Brüter oder Wiederaufarbeitungsanlagen. Dieser Protest berührte damals die vitalen Interessen der deutschen Energiewirtschaft und behinderte Aufschwung und Ausbau der deutschen Wirtschaft. Fridays for Future ist auch nicht das wehrkraftzersetzende und pazifistische Volk, das gegen die Auftstellung von Mittelstreckenraketen Menschenketten bildete und US-Basen blockierte.

Nein, die hier freitags demonstrieren, treten für die richtigen Werte ein, die westlichen, die einzig gültigen und wahren. Hier demonstrieren die Wertegetriebenen, die moralisch Empörten, die Missionare einer besseren Welt, das Fleisch vom eigenen Fleische. Da geht die Saat der Empörung auf, die die Moralisten selbst ausgesät hatten. Die kann man nicht zusammenknüppeln.

Angesichts dieser Umstände wusste die herrschende Politik sich nicht anders zu helfen, als ihnen nachzugeben, weil man ihnen sonst nichts entgegenzusetzen hatte. Denn die Werte, die diese jungen Leute vertreten, sind ja keine anderen als die eigenen.

Andererseits können auch nicht auf der Stelle neue Werte aus dem Hut gezaubert werden, mit denen man diesen entgegentreten und sie unschädlich machen könnte. Und vor allem hat man nicht mehr das politische Personal, das den Sichtweisen der Protestierenden argumentativ und weltanschaulich gewachsen wäre. So ist die herrschende Wertepolitik Opfer der eigenen Ideale geworden. Sie ist gefangen in den Werten, mit denen sie eigentlich die politischen Gegner hatte knebeln wollen.

Die Stärke von Fridays for Future? – Die Schwäche ihrer Gegner

Aber all das ist nicht entscheidend für den Erfolg von Fridays for Future und der Wertemissionare. Ihr Erfolg liegt nicht in ihrer Überzeugungskraft. Sie haben nicht die besseren Argumente, die höheren wissenschaftlichen Erkenntnisse. Ihre Stärke kommt nicht aus irgendeinem höheren Bewusstsein. Ihre Macht kommt aus ihrer Organisierung. Fridays for Future und deren Anhänger handeln organisiert. Damit machen sie einem Staat Druck, der zerfressen ist von den Interessen der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, und dadurch ist er gelähmt und handlungsunfähig.

Aber auch das wäre nicht ausschlaggebend für den Erfolg der Klimabewegten. Denn bei Fridays for Future und deren Anhängern handelt es sich um eine gesellschaftlich eigentlich nicht sehr mächtige Kraft. Oberschüler, Studenten, Alternative und Intellektuelle  als wesentliche Träger dieser Bewegung haben für das Funktionieren der Gesellschaft keine allzu hohe Bedeutung.

Die eigentliche Stärke von Fridays for Future liegt in der Schwäche derer, die diese Klimapolitik ablehnen. Das sind nicht Staat und Politik. Damit sind vielmehr jene gesellschaftlichen Gruppen gemeint, die in den öffentlichen Diskussionen sich kaum noch zu Wort melden, obwohl gerade diese unter den Maßnahmen der Klimapolitik besonders zu leiden haben.

Das sind nicht die großen Parolenschwinger und Theoretiker. Das sind die einfachen, proletarisch geprägten Leute, die jeden Tag zuverlässig und bescheiden ihre Arbeit machen und damit die Gesellschaft am Laufen halten. Das sind die Leute der Tat, die zupacken und ohne langwierige Diskussionen erledigen, was getan werden muss.

Das sind die Geringverdiener, denen jede Strom- und Heizkostenerhöhung Löcher ins Portemonnaie reißt. Das sind die Pendler, die bei jedem zusätzlichen Euro an der Zapfsäule überlegen müssen, wo sie den wieder einsparen können. Das sind die Leute, für die der Billigurlaub übers Jahr angespart werden muss und der in einem arbeitsreichen Leben eine willkommene Abwechselung darstellt. Das sind die Menschen, die wenig beachtet werden und doch über eine gewaltige gesellschaftliche Kraft verfügen, wenn diese denn gebündelt wird.

Das sind die Leute, die wissen, dass diese Klimapolitik nicht in ihrem Interesse ist. Aber sie haben kein Sprachrohr, das ihrem Unmut eine Stimme gibt, und sie verfügen über keine Organisation, die ihren Protest bündeln und auf die Straße bringen könnte. Das sind die Leute, die ahnen oder wissen, dass das Klima-Idyll der Besserverdienenden auf ihre Kosten geht. Denn Strom- und Gaspreise explodieren, und damit auch die Inflation. Und zusätzlich treibt der Anstieg der Kohlendioxid-Zertifikate an den Börsen die Preise für die Energie. Ihre Notierungen haben sich zwischenzeitlich vervierfacht.

Aber dieser Teil der Bevölkerung findet keinen Rückhalt und keine Orientierung bei denen, deren eigentliche Basis er sein sollte, den Linken und solchen, die sich als Kommunisten bezeichnen. Deren Aufgabe wäre es, diese gesellschaftlich bedeutenden Menschen zu organisieren, um einer verfehlten Klima-Politik durch Dekarbonisierung entgegen zu treten.

Die Gelbwesten in Frankreich hatten Macron und seine Pläne zu Fall gebracht. Es war der organisierte Protest der arbeitenden Menschen. Wer fasst den Ärger derer zusammen, die der Entwicklung im Moment noch hilflos gegenüber stehen? Wer organisiert jetzt den Protest gegen die viel weiter gehenden Maßnahmen der aktuellen Klimapolitik?

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Mehr zum Thema - Klimawandel hat wieder Konjunktur: Teil 1 und Teil 2

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