Meinung

Dauerhetze gegen Ungeimpfte: Mainstream-Medien im Gefängnisexperiment

Alle sind sie gegen "Hass" und "Hetze", aber gegen Ungeimpfte geht das in Ordnung. Da darf man das auf allen Kanälen. Der "Spiegel" und die "Zeit" liefern dafür treffende Beispiele. Sie verhalten sich wie in einem gigantischen Milgram-Experiment.
Dauerhetze gegen Ungeimpfte: Mainstream-Medien im GefängnisexperimentQuelle: www.globallookpress.com © Christophe Gateau

von Dagmar Henn

Inzwischen sind alle Hemmungen gefallen. Das zeigt schon der Teaser eines neuen Spiegel-Kommentars: "Impfgegner verschicken Morddrohungen, die Intensivstationen quellen über, die Politik aber beschwört weiter den 'Zusammenhalt' und die Gefahr einer 'gesellschaftlichen Spaltung'. Damit muss Schluss sein."

Es ist nicht allzu mühsam, dieses Stück Text zu zerlegen. Zum einen ist der Ton in beide Richtungen bösartig, allerdings muss man nur eine davon mit Leserbriefen belegen, wie es der Spiegel-Autor tut; die andere kann man in den Artikeln und den Verlautbarungen offizieller Stellen finden. Das Überquellen von Intensivstationen hat nur bedingt mit Corona, aber mindestens ebenso viel mit einer verfehlten, profitorientierten Gesundheitspolitik zu tun, und von Beschwörung eines Zusammenhalts zwischen Geimpften und Ungeimpften ist mir jedenfalls nichts bekannt.

Aber wie kommt es dazu, dass Personen, bei denen man doch ein gewisses Maß politischer und sozialer Bildung voraussetzen müsste, derart auf Abwege geraten? Zwei Kommentare, im Spiegel  und in der Zeit, greifen zum selben Trick, um aus der amorphen Masse der Ungeimpften einen feindlichen Block zu formen. Im Kommentar in der Zeit, der letztlich empfiehlt, die "Impfgegner" massiv auszugrenzen, wird er so definiert: "Die Ablehnung von Regierungsmaßnahmen respektive des Staates als solchem auf Grundlage – oder eben Nichtgrundlage – wissenschaftlicher oder juristischer Erkenntnisse sind die Hookline der Hits, die jeder von ihnen mitsingen kann." Im Spiegel lautet sie: "Auch solche, die anonymen Behauptungen in irgendwelchen Telegram-Kanälen mehr Glauben schenken als dem Robert Koch-Institut oder der Ständigen Impfkommission, haben den Boden gemeinsamer Werte aber längst verlassen."

Regierungsmaßnahmen ablehnen oder anderen Quellen als dem Robert Koch-Institut zu glauben, ist also von Übel und macht denjenigen als Verfassungsfeind kenntlich. Ja, so weit gehen diese Herren. Weshalb natürlich Maßnahmen wie das reichlich irre 3G im Nahverkehr, das tatsächlich die Lebensgrundlagen von Menschen bedroht, völlig in Ordnung sind, denn es trifft ja nur Verfassungsfeinde.

Nein, es macht nicht viel Sinn, hier über Wissenschaftlichkeit zu diskutieren und darauf hinzuweisen, dass zum einen der "Stand der Wissenschaft" immer nur eine Momentaufnahme in einem fortlaufenden Gespräch zwischen verschiedenen Positionen ist und zum anderen "die Wissenschaft" im Laufe der Geschichte schon öfter auf fatalen Irrwegen wandelte; dazu muss man nur die Stichworte "Volksgesundheit", "Eugenik" und "Euthanasie" ins Gedächtnis rufen. Man kann es besser wissen, und man kann erkennen, wenn man sich zur Seite in einem bösartigen Spiel macht.

Aber um zu verstehen, was mit diesen Herrschaften geschieht, muss man zwei soziologische Experimente ins Gedächtnis rufen, die augenblicklich beide im Großmaßstab abzulaufen scheinen. Das erste, frühere der beiden ist das bekanntere: das Milgram-Experiment. Dabei wurden die Testteilnehmer vor eine Apparatur gesetzt, die einer in einem anderen Raum befindlichen Person vermeintlich Elektroschocks zufügte; im anderen Raum saß, nicht sichtbar, ein Schauspieler, der auf die "Elektroschocks" mit Schreien reagierte. Die Probanden sollten nun diese unsichtbare Person für Fehler beim Lösen von Aufgaben bestrafen. Mit ihnen im Raum befand sich ein "Wissenschaftler", der sie ermunterte, härter zu bestrafen.

Das schockierende Ergebnis dieses Experiments war, dass die meisten Teilnehmer bereit waren, selbst als tödlich ausgewiesene Schocks auszulösen, solange der "Wissenschaftler" ihnen dies anwies. Es genügte, dass eine Autorität anwesend war, damit die Versuchspersonen bereit waren, zivilisatorische Grenzen wie das Tötungsverbot zu überschreiten. Zwei Drittel taten dies.

Das Experiment wurde in unterschiedlichen Konstellationen wiederholt; dabei erwies sich, dass zwei Faktoren zu früheren Abbrüchen führten: wenn unmittelbarer Kontakt zwischen "Folterer" und "Gefoltertem" bestand und wenn es zwei Versuchsleiter gab, die unterschiedliche Positionen vertraten. Sobald nur "der Wissenschaftler" anwesend war und kein unmittelbarer Kontakt zwischen Täter und Opfer bestand, blieb es auch bei Wiederholungen bei den besagten zwei Dritteln.

Eigentlich müsste man aus dem Milgram-Experiment eine Konsequenz ziehen: wie gefährlich es ist, von "der Wissenschaft" zu reden. Denn mit dieser (faktisch unsinnigen) Vereinfachung wird eine Situation erzeugt, die fatal an das Experiment erinnert. Wenn "die Wissenschaft" eine Handlung legitimiert, gleich, wie verhängnisvoll, unmoralisch oder grenzüberschreitend sie ist, werden zwei Drittel bereit sein, sie auszuführen.

Im Zuge der Corona-Politik ist aber das Gegenteil geschehen. Es wurde viel Mühe darauf verwendet, einzelne Institutionen als "die Wissenschaft" zu etablieren; ein sich wechselseitig verstärkender Block aus Robert Koch-Institut, Ehtikrat und Leopoldina, alles drei Institutionen, die noch vor zwei Jahren den wenigsten überhaupt bekannt waren geschweige denn als Referenz für eigene Überzeugungen gedient hätten. Dieser Block ist die Quelle aller Aussagen, die als "wissenschaftlich" akzeptiert werden; jeder, der davon abweicht, gerät unvermeidlich in die Rolle des Milgram-Opfers; nur dass diesmal die Handlungen real sind.

Aber das ist noch nicht alles. Es gibt ein zweites sozialpsychologisches Experiment, das in diesen Zusammenhang gehört, das Stanford-Prison-Experiment. Im Gegensatz zu jenem von Milgram musste dieses Experiment vorzeitig abgebrochen werden.

In diesem Experiment wurde eine Gruppe von Studenten vergleichbarer sozialer Herkunft geteilt; ein Teil wurde zu "Gefängniswärtern" und ein Teil zu "Gefangenen". Die Gefangenen wurden in Anstaltskleidung gesteckt und mit Nummern versehen statt mit Namen. In diesem "Gefängnis" gab es viele Regeln, die sie befolgen sollten, und die "Wärter" hatten das Recht, sie für Verstöße zu strafen.

Der Abbruch des Experiments erfolgte, weil die Wärter zunehmend brutaler mit den Gefangenen umgingen. In der Auswertung kam man zu folgenden Schlüssen: Die Wahrscheinlichkeit von Misshandlungen steigt durch Depersonalisierung (Kleidung, Nummern) und mit der Komplexität der Regeln, gegen die verstoßen werden kann. Die Teilnehmer, die sich zuvor nicht kannten und die einander ähnelten, soweit das bei der Zusammenstellung einer solchen Versuchsgruppe möglich ist, verschwanden hinter den ihnen zugeteilten Rollen. Auch sie verhielten sich anders, als sie es im Alltag für möglich gehalten hätten.

Zwei weitere Faktoren stärkten die Tendenz der "Wärter" zu inhumanem Verhalten: der Konformitätsdruck, also das Bedürfnis, anerkannter Teil der Gruppe zu sein, und die kognitive Dissonanz. Letztere kann sogar ein paradoxes Handeln auslösen – weil jemand wahrnimmt, gegen seine eigenen moralischen Maßstäbe zu verstoßen, die Gruppe und die Umgebung aber ein Handeln gegen diese verlangen, führt das negative Gefühl, das dieser Verstoß auslöst, dazu, nicht nur das Gefühl zu verdrängen, sondern sogar besonders deutlich dagegen zu handeln.

Und jetzt stellen wir uns einmal vor, die gesamten vergangenen zwei Jahre wären ein gigantisches Experiment, und suchen, welche Elemente der beiden Versuchsanordnungen vorhanden sind.

Der erste Faktor ist einfach. "Die Wissenschaft." Die Autorität, die dazu beiträgt, persönliche moralische Maßstäbe zu ignorieren, ist bereits im Raum.

Wie steht es nun mit der Distanz, die im Milgram-Experiment wichtig war? Nun, die deutlichste Bereitschaft, das Experiment abzubrechen, bestand, wenn "Täter" und "Opfer" Körperkontakt hatten. Sichtkontakt hatte keine so klare Auswirkung. Nun leben wir seit 18 Monaten unter Regeln von "sozialer Distanz", also jede Form von Körperkontakt wurde reduziert.

Nicht nur das. Die Verringerung sozialer Kontakte im Alltag über einen derart langen Zeitraum hinweg führt zu einer grundlegenden sozialen Desorientierung. Denn Menschen entwickeln die Maßstäbe ihres sozialen Verhaltens nicht als Einzelpersonen in einem Vakuum, sondern nur im Kontakt mit anderen, in der Gruppe. Gleiches gilt für ihre Selbstwahrnehmung. Wenn über einen längeren Zeitraum hinweg die soziale Erfahrung im Nahraum entfällt, dann wird der eigene innere Maßstab im Verhältnis zu jedem von außen vorgegebenen geschwächt. Es wird niemand durchführen, aber nach achtzehn Monaten Corona-Maßnahmen dürfte das Ergebnis des Milgram-Experiments noch erschreckender ausfallen als im Original.

Und das Gefängnisexperiment? Nun, es gibt eine Unmenge einzuhaltender Regeln, die ständig geändert und verschärft werden. Die Politik forciert eine Teilung der Bevölkerung in Geimpfte ("Gefängniswärter") und Ungeimpfte ("Gefängnisinsassen"); die gesamte Rhetorik rund ums Impfen drehte sich darum, einen Gruppendruck aufzubauen ("unsolidarisch", "egoistisch" etc.) und es wurde beträchtliche Mühe darauf verwendet, aus der sozial, politisch und psychologisch amorphen Gruppe der Ungeimpften ein klares Feindbild zu schaffen (wie an den obigen Zitaten zu sehen).

Dass viele der Begegnungen im öffentlichen Raum mit Maske erfolgen, also in Anwesenheit eines Mittels, das deindividualisiert, muss man als verstärkenden Faktor mit einbeziehen. Gleichzeitig ist die Konstruktion der Gruppe von "Impfverweigerern" selbst ein Mittel, das zum einen Gruppendruck aufbaut und erhöht (unter den Konformen) und zum anderen zur Deindividualisierung der Angehörigen der anderen Gruppe beiträgt. Wie der Zeit-Autor meinte, sie singen alle dasselbe Lied, oder in der Spiegel-Version, sie hören auf die falschen Quellen und haben damit den Boden gemeinsamer Werte verlassen.

Dazu kommt noch eine Motivation, die das Stanford-Prison-Experiment nicht kannte, der Rollenwechsel vom Gefangenen zum Wärter. Nachdem mit dem ersten und zweiten Lockdown alle gleichermaßen zu Gefangenen gemacht wurden (ein "Lockdown" ist ursprünglich die Einschließung aller Gefangenen in ihren Zellen in einem Gefängnis), wurde öffentlich das Versprechen abgegeben, die Impfung würde vor erneuter Gefangenschaft bewahren (also ermöglichen, die Rolle des Gefangenen zu verlassen). Mit der Erzählung von der "Pandemie der Ungeimpften" wurde dann signalisiert, die zweite Gruppe in der Gesellschaft, die Ungeimpften, sei daran schuld, wenn die Geimpften, denen der Aufstieg vom Gefangenen zum Wärter gelungen zu sein schien, wieder zum Gefangenen herabgestuft würden.

Soziale Rollen übrigens, das darf man auch nicht vergessen, sind stärker als Informationen. Wenn letztere mit ersteren in Konflikt geraten, werden sie meist ignoriert. Weshalb ein Verweis auf Fakten wie die Zahl der "Impfdurchbrüche" oder der extreme Unterschied zwischen der im Frühjahr versprochenen und der tatsächlichen Wirksamkeit der Impfung auch bei den beiden Autoren nichts bewirken dürften. Schließlich droht ihnen im Fall der Abweichung die Herabstufung zum Gefangenen.

Und wie wenig erstrebenswert diese Stellung ist, können sie an ihren eigenen Fantasien ermessen. Christian Stöcker im Spiegel beispielsweise meint, mehr und viel frühere 2G-Regeln und Impfpflichten in bestimmten Berufen wären angebracht gewesen, um die "Katastrophe auf den Intensivstationen" zu verhindern, und gießt seine Aufforderung zu (nicht näher ausgeführtem) schärferem Vorgehen gegen Ungeimpfte in den Satz "Gesellschaftliche Konflikte zu ignorieren, um den 'Zusammenhalt' nicht zu gefährden, hilft in einer Demokratie nicht weiter".

Dabei ist selbst die vermeintliche Gegenposition, nicht gegen Ungeimpfte vorzugehen, um den 'Zusammenhalt' nicht zu gefährden, ein Popanz, den sich Stöcker selbst errichtet; mir zumindest ist nicht bekannt, dass in der Bundes- oder einer der Länderregierungen irgendjemand mit diesem Argument Maßnahmen abgemildert hätte. Diese Scheinposition wird nur deshalb aufgebaut, weil er gegen irgendjemanden argumentieren muss, aber die Ungeimpften für ihn ja bereits in der Rolle der Nicht-Bürger, der Gefangenen sind, mit denen man, so die Summe seiner Suada, viel zu viel Nachsicht gezeigt habe. Ein rhetorischer Kniff übrigens, der seit Ciceros "quo usque tandem" (wie lange willst du noch unsere Geduld missbrauchen, Catilina?) der politischen Verfolgung unmittelbar vorhergeht.

Diesem Muster folgt auch der zweite Gefängniswärter, Christian Vooren, in der Zeit, selbst wenn bei ihm die Gewalt zumindest in den Metaphern bereits durchbricht. Auch er konstruiert sich eine Gruppe der "Impfgegner," die natürlich rechts, antisemitisch und auch sonst verwerflich ist, und beklagt dann die "auf Verständnis konditionierte Mehrheit". Nicht, dass so etwas in den vergangenen Monaten irgendwo in diesem Land wahrzunehmen gewesen wäre. Aber der Appell an das, was einmal unter "gesundem Volksempfinden" bis hin zu "berechtigtem Volkszorn" lief, muss ja noch etwas verkleidet werden.

"Was es jetzt braucht, ist nicht mehr Offenheit, sondern ein scharfer Keil." Und: "Ein Anfang wäre ja schon, alles nicht faktenbasierte, unwissenschaftliche und staatsfeindliche auszuschließen." Er sagt wohlweislich nicht, wovon. Vom gesellschaftlichen Leben? Von der Arbeit? Von Nahrung? Vom Sein? Die 3G-Regel im Nahverkehr kommt dem Entzug der Lebensgrundlagen schon ziemlich nahe. Was im Kopf des Herrn Vooren sonst noch vorgeht, möchte ich gar nicht genauer wissen.

Beide Herren sind gut funktionierende Wärter/Täter. Was nicht erstaunt, wenn man betrachtet, wie viele Faktoren der beiden Experimente gegenwärtig sind, und dass die meisten Menschen unter solchen Voraussetzungen eben genau solches Verhalten liefern. Leider gibt es nur, im Gegensatz zum Originalexperiment in Stanford, niemanden, der diesen Versuch abbrechen wird.

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