Meinung

Babelturm des Imperiums: Putins Kommentar über US-Parallelen zum Zerfall der UdSSR

Wladimir Putins Aussage, die USA folgen heute dem Weg der UdSSR und vervielfachen Probleme nur, kam von China besonderer Aufmerksamkeit zu. Die Reime auf die Zerfallszeit der UdSSR klingen schon lange – und am deutlichsten heute, zum 30. Jahrestag ihres Zusammenbruchs.
Babelturm des Imperiums: Putins Kommentar über US-Parallelen zum Zerfall der UdSSRQuelle: AP © David Zalubowski, File/Wladimir Semenjuk/RIA Nowosti

Kommentar von Andrei Rudaljow

"Das macht einen sehr nachdenklich."

So reagierte der Sprecher des chinesischen Außenministeriums Wang Wenbin auf Putins Parallelen zwischen dem Finale der UdSSR und den heutigen Vereinigten Staaten. Auch er wies auf die dramatischen Veränderungen in der heutigen Welt hin, in der sich die Frage nach der Verantwortung der großen Staaten besonders akut stellt – denn:

"Wie sie andere Staaten behandeln, wird nicht nur über den Aufstieg und Fall dieser Großmächte entscheiden, sondern auch über die Zukunft und das Schicksal der Menschheit."

Das Problem liegt jedoch auch darin, dass das Denken vieler maßgeblicher Weltakteure nicht nur nicht mit diesen Veränderungen Schritt hält, sondern zum Haupthindernis für Entwicklung und globale Stabilität wird. Die besagten Vereinigten Staaten zeigen nicht nur keine Spur von neuem Denken, sondern verharren in dieser Hinsicht in einer langwierigen Stagnation. Sie schauen sich ständig im Spiegel an und wiederholen endlos denselben Satz: "Spieglein, Spieglein an der Wand ..."

Offenbar kommt hier die noch nachklingende Euphorie nach dem "Sieg" im Kalten Krieg zum Zuge. Deswegen träumt man in den USA ja auch davon, dass diese Freude ewig dauern und die Weltordnung, wie sie sich nach einer der größten geopolitischen Katastrophen – dem Zusammenbruch der UdSSR und des Ostblocks – entwickelt hat, unverändert bleiben möge. Damals zwangen die USA allen die schöne neue Welt des unipolaren Formats auf: Diese ähnelt sehr einem babylonischen Turm in Kasernenausführung, auf dessen Spitze sich die allseits bekannte exzeptionelle "leuchtende Stadt auf dem Hügel" befindet – mit dem Welt-Gendarmen in der Kemenate.

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Der besagte Gendarm genießt seine Macht und seine Spitzenposition. Die Welt nimmt er gewohnheitsmäßig lediglich als Arena zur Demonstration dieser Macht und für allerlei Manipulationen wahr. Eigens dafür errichtet er eine "Krisenfabrik": Er spielt Dritte gegeneinander aus, intrigiert, stiftet Unruhen, schüchtert ein und straft ab – alles im Glauben, das Recht zum Teilen und Herrschen innezuhaben. Gleichzeitig bewegt er sich gleichsam in einem gänzlich aparten Koordinaten-, Werte- und Ethiksystem, das er als einzig und allein für (und von) sich selbst gepachtet sieht und das den Rest der Welt ausschließt. Die USA assoziieren sich somit fest mit dem vorchristlichen alten Rom. Vor ein paar Jahren erklärte der frühere amerikanische Präsident Trump allen Ernstes, dass die Vereinigten Staaten seit der römischen Antike ein Verbündeter Italiens gewesen seien. Was soll man da sagen – außer "Stellung verpflichtet".

Ebenfalls Teil des Problems ist, dass die USA aufgrund eines derart rigiden dogmatischen Weltbildes niemanden als einen gleichberechtigten Partner akzeptieren. Nicht nur das: Sie werden alles tun, um eine derartige Situation zu verhindern. Daher sieht man dort ja auch die Hauptgefahr in souveräner Politik der Anderen, wenn diese keine Oberhoheit anerkennen, wer diese auch für sich beanspruchen möge. Solche Politik wird als eklatante Flegelei, als feindseliger Übergriff und als hingeworfener Handschuh empfunden. Daher rührt auch die Haltung der Marke "Karthago muss zerstört werden" gegenüber jeglichen Trägern solcher Politik.

Exzeptionalistischer Neokolonialismus der USA und "Freundschaften" gegen Dritte

Der Imperialismus hat sich in den USA längst zum Amerikanismus entwickelt – wenn man so will, zu einem Imperialismus hoch drei. Der russische Denker Alexander Panarin (ein Vertreter des Neo-Euroasianismus) interpretierte dieses Konzept als "unbändige ideologisierte Lobpreisung [der Vereinigten Staaten von] Amerika als einer unbestreitbaren Autorität und eines unübertroffenen Vorbildes für die ganze Menschheit". Dabei soll idealerweise die ganze Welt zu einem nationalen Interessengebiet Amerikas werden, denn sie ist ja dazu berufen, "mit all ihrem Reichtum dem 'amerikanischen Traum' zu umdienen". Es ist klar, dass sich in einer solchen Lage irreversible mentale Auffälligkeiten einstellen – und zwar ziemlich gemeingefährliche.

In China versteht man sehr gut, wovon Präsident Putin gesprochen hat. Dieses Land wird zunehmend einer extrem eifersüchtigen und voreingenommenen Haltung seitens der Vereinigten Staaten ausgesetzt, die keine Konkurrenz dulden.

Keineswegs zufällig betonte daher der Vertreter des chinesischen Außenministeriums die Kriterien für Beziehungen zwischen den wichtigsten Akteuren der Welt und allen anderen Ländern. Die Zeit des Diktats hat in der Vergangenheit zu bleiben. Der chinesische Diplomat äußerte daneben auch die Hoffnung, dass die Länder der Welt an dem internationalen System festhalten, das "nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde – mit den Vereinten Nationen in der führenden Rolle". Ebendieses System ist ein Impfstoff gegen die Willkür seitens Einzelner.

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Die Worte des russischen Präsidenten über die imperiale Illusion der Allmacht "Wir werden [die oder] diese kaufen, jene einschüchtern, mit den dritten kungeln, den vierten Glasperlen schenken, die fünften mit Kriegsschiffen bedrohen" wurden von fast allen chinesischen Medien zitiert. Die Schlussfolgerung war stets in etwa, dass ein solches Verhaltensmodell den Aufbau einer Konfrontationsstrategie bedingt. Der Stil ist "anti". So wird beispielsweise angemerkt, dass die USA die G7 "in einen beschränkten und veralteten anti-chinesischen und anti-russischen Club" verwandeln wollen. Was soll man sich da schon über die Umformatierung etwa der Ukraine zu einem Anti-Russland wundern?

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Fügen wir hinzu: Auch die engsten Verbündeten der USA werden des lästigen US-Imperialismus langsam überdrüssig. In der EU werden immer mehr Stimmen über die Gefahr der Dominanz der USA laut, die eine Konfrontation mit Russland erzwungen haben und nun versuchen, die Beziehungen zu China auf einfache Punkte einer ähnlichen Tagesordnung herunterzubrechen. Derlei Stimmen sind noch etwas zaghaft – schließlich wirkt die Gewohnheit der US-Hörigkeit noch nach. Es ist äußerst schwierig und oft beängstigend, auf einmal eigenständige Schritte unternehmen zu müssen – zumal in einer Lage, in der die eigenen Eliten sich wie bei einer Flaggenparade zackig an den Vereinigten Staaten ausrichten.

Ebenso wichtig: Der gegenwärtige hemmungslose US-amerikanische Imperialismus trägt den Geist der Apokalyptik in der wörtlichen Auslegung Dostojewskis in seinen "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch", frei nach dem Motto "Ich aber will meinen Tee trinken". Und das ist kein Zufall: Die Führungsrolle der USA in der westlichen Welt wurde im Laufe zweier Weltkriege errungen, in denen die Vereinigten Staaten doch recht weit von den Epizentren der Schlachten standen. Durch die Illusion einer unipolaren Welt ließen sich die USA aber erst nach dem Kalten Krieg bezirzen – sie lösten damals den "ihrigen" Block nicht auf, sondern zurrten den Zaum des Vasallentums, den sie anderen umgelegt hatten, fester zu, nannten es Freiheit und Demokratie und begannen alsbald, deutlich in Richtung Diktatur abzudriften. Derartige Tendenzen, wenn Weltumwälzungen einem immer wieder zum Schmeißen der privaten "Tea Party" gereichen und somit eine Gewohnheit entsteht, von ihnen zu profitieren, sind immer sehr beunruhigend.

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"Aber die Zahl der Probleme nimmt zu. Es kommt ein Zeitpunkt, an dem man ihrer nicht mehr Herr wird. Und die Vereinigten Staaten gehen selbstbewussten Ganges und festen Schrittes den Weg der Sowjetunion."

So wertete Wladimir Putin auf dem diesjährigen Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg. Diese Parallelen sind alles andere als zufällig. Vor dem Treffen mit US-Präsident Joe Biden erinnerte der russische Staatschef an das Jahr 1985, als das erste Treffen zwischen dem sowjetischen Generalsekretär Gorbatschow und dem damaligen US-Präsidenten Reagan stattfand – bezeichnenderweise auch noch ebenfalls in Genf. Davor befanden sich die Beziehungen UdSSR-USA an ihrem kalten Pol – doch was folgte, war die kollapsträchtige sowjetische Perestroika, ihre Beschleunigung und schließlich der Zusammenbruch der Sowjetunion nur sechs Jahre später. So beobachten wir auch jetzt den "festen Schritt" der Vereinigten Staaten auf dem gleichen Pfade. Jegliche Häme liegt hier fern: Russland warnt vor den Gefahren – Hauptsache ist doch, dass das Beben dieser Schritte nicht die ganze Welt zum katastrophalen Einsturz bringt.

Übersetzt aus dem Russischen.

Andrei Rudaljow ist ein russischer Schriftsteller, Journalist, bedeutender Literaturkritiker (vor allem des "neuen Realismus" in Russland) und Publizist. Chefredakteur der russischen Nachrichtenagentur IA Belomorkanal. Führt eine Kolumne bei der russischen Ausgabe von RT.

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