Europa

Revolution in Mode: Wie junge Menschen mit westlichem Geld für Staatsstreiche fit gemacht werden

Im Rahmen des Kampfes gegen einen vermeintlichen russischen Einfluss finanzieren die USA unter anderem Schulungen für Jugendliche mit dem Ziel, weitere Farbrevolutionen vom Zaun zu brechen. Armenien wurde jüngst zum Veranstaltungsort eines solchen Seminars.
Revolution in Mode: Wie junge Menschen mit westlichem Geld für Staatsstreiche fit gemacht werden

In Jerewan fand das sogenannte CampCamp-Seminar des Prague Civil Society Centre statt. Es handelt sich hierbei um eine Organisation, die gemäß dem US-Gesetz "Countering America's Adversaries Through Sanctions Act (Deutsch etwa: Gesetz zur Abwehr der Feinde Americas durch Sanktionen)" von den Vereinigten Staaten finanziert wird. Artikel 254 des Dokuments sieht für die Jahre 2018 und 2019 Geldmittel in Höhe von 250.000 Dollar für die "Bekämpfung des russischen Einflusses" vor. Der angebliche "russische Einfluss" soll sich nach Ansicht der US-Politik auf die Länder der NATO und ihre potenziellen Mitglieder - Georgien, Moldawien, Kosovo, Serbien und die Ukraine erstrecken.

Das Treffen in Jerewan hat gezeigt, dass das Geld des US-Außenministeriums nicht sinnlos ausgegeben wird. Die Meister des Protestmarketings setzen die Gelder sehr geschickt um und locken das aktive Publikum nach den Regeln des Network-Marketings in ihren Einflussbereich.

Armenien wurde nicht umsonst als Veranstaltungsort für das CampCamp-Seminar gewählt. Nach dem Sturz des armenischen Präsidenten Sersch Sargsjan schauten Oppositionelle aus allen ehemaligen GUS-Ländern nach Jerewan, um Anregungen für Proteste zu erhalten.

Modisch, stilvoll und preiswert

Das Forum besuchten 150 Gäste, deren Anreise überwiegend aus Prag übernommen wurde. Lokale Redner wurden als Helden geehrt. Junge Menschen aus anderen postsowjetischen Ländern, die mit ihrer Energie infiziert wurden, waren zuversichtlich, dass auch sie Erfolg haben würden.

Die Organisatoren setzten auf ein junges Publikum, Leichtigkeit, Stil und Hightech. Nikolai Artjomenko, Leiter der Sankt Petersburger Bewegung "Wremja" (zu Deutsch: Zeit), erklärte während eines Schulungsseminars, das er leitete:

Der Kampf gegen die Machthaber muss in Mode sein.

Zu Nikolais Portfolio gehören Banner auf der Isaakskathedrale gegen die Rückgabe des Bauwerks an die Russisch-orthodoxe Kirche, das Schreddern der Verfassung der Russischen Föderation à la Banksy, aufblasbare Enten gegen Korruption und "Diktator"-Aufkleber mit einem Bild von Putin im Stil des berühmten Obama-Wahlplakats.

Er lehrte während des Seminars, wie man ein solches Protest-Know-how entwickelt, das die Old-School-Demos mit ihren Protestplakaten ersetzen soll. Die Phantasie müsse angeregt werden, da der Aktivistenmarkt zurzeit ein Problem hat. Der Aktivist erklärte:

Es ist teuer geworden, Demos zu veranstalten.

Doch Eugen aus Sibirien weiß, wie man Geld spart. Er ist vor kurzem 18 Jahre alt und bereits zum Star des lokalen Aktivismus geworden: Immer wieder dekorierten Fotoberichte über seine einzelnen Streikposten die Printmedien der Stadt. Jeder Streikposten von Eugen ist ein Theaterstück mit nur einem Schauspieler und einem auffälligen Requisit. Das Thema seines "Auftritts" wählt der junge Aktivist jedes Mal unter Berücksichtigung der eisernen Logik des Verwaltungsgesetzbuches. Während der Schulung betonte er:

Man muss gegen verschiedene Artikel verstoßen, um die Strafe nicht zu verdoppeln.

Der Aussage folgte eine längere Diskussion darüber, für welche Art von "Aktion" man eine geringere Geldbuße erhält und wie diese "Kosten" weiter gesenkt werden können. Ein gewisser Alexander aus Sankt Petersburg präsentierte sich mit mehr Erfahrung in dieser Angelegenheit. Schließlich ist er Jurastudent und weiß, wie man demonstrieren muss, um mit einer "Minimalstrafe davonzukommen".

Kleine Schritte und US-Gelder

Ein wichtiger Aspekt der Popularisierung von Protesten sei, dass sie nicht als eine Errungenschaft angesehen werden und nicht mit schweren Verlusten verbunden sein sollten. Als Beispiele fallen: das Aufbringen eines Aufklebers im Eingangsbereich eines Wohnhauses, das Verbreiten von Memes, das Besuchen einer nicht angemeldeten Demonstration inklusive Selfies während des Polizeigewahrsams. In der Welt der Social Media könne jeder Journalist, Experte, Kritiker, Fernsehmoderator sein, somit könne jeder auch ein Revolutionär sein.

Mikael Zoljan, Experte des Prague Civil Society Centre, betonte in einem Gespräch mit Polina, einer Aktivistin aus Omsk:

Es ist nicht schwer, ein Stipendium zu bekommen. Für einen Monat kann man auch einen Job in der Tschechischen Republik bekommen, bei Radio Liberty oder in einem politischen Zentrum.

Mikael wurde von den CampCamp-Organisatoren als Frontmann der armenischen "Samtrevolution" vorgestellt. Dass er auch ein Experte des Prague Civil Society Centre ist, war nichts weiter als ein Zufall.

Die aktivste Gruppe auf dem CampCamp-Forum kam aus Kirgisistan. Junge Journalisten und Aktivisten unter der Leitung von Bektur Iskender, dem Gründer der Oppositionswebseite Klaoor.kg.

Bektur verschwieg nicht, dass das Geld für seine Veröffentlichungen aus dem Prague Civil Society Centre kommt. Während einer Pause gab er offen zu:

Wir haben eine Beziehung auf Augenhöhe. Sie verhalten sich nicht wie Bosse, damit bin ich einverstanden.

Kampfmittel, die man mag

Bekturs Seminar trug den Titel: "Wie man gegen das kämpft, was einen ärgert, indem man das nutzt, was man mag"

Er selbst scheint diese Kunst meisterhaft zu beherrschen: Ihm bereitet es ein großes Vergnügen, ein Medium in Kirgisistan mit Geld aus den Vereinigten Staaten zu betreiben.

Zuerst erinnert die Veranstaltung an eine Selbsthilfegruppe, in der man seine Probleme erkennen und auf ein Blatt Papier schreiben muss. Doch die Teilnehmer schreiben nicht ihre Gewichtsprobleme, oder Beziehungsschwierigkeiten auf, sondern die "Probleme" ihres jeweiligen Heimatlandes. Man kann folgende Punkte lesen:

Korruption / Totalitarismus / Putin / Fake News / Kinder gelten nicht als Menschen.

Weiter sollen Wege gefunden werden, diese Probleme zu lösen, indem man das verwendet, was man mag. Innerhalb von 15 Minuten arbeiteten die Teams von Eugen aus Sibirien und Boris aus Duschanbe einen Weg heraus, die Macht zu stürzen, indem sie auf Bäumen liegen. Erst klang das komisch, doch dann erklärten die Jungaktivisten ihre Idee. Dabei betonten sie, dass sie nicht davor zögern würden, in ihrem Kampf aktiv Falschmeldungen und Manipulationen einzusetzen. Sie schlugen vor:

Verbreiten wir die Information, dass die Behörden vorhaben, die Bäume zu fällen. […] Natürlich ist es nicht gut [zu lügen], aber wenn die Menschen Angst haben, dass ihnen etwas vorenthalten wird, dann fangen sie erst wirklich an, der Regierung Fragen zu stellen.

Modische Bilder für den Kampf

Daria Sosanowitsch brachte den Forum-Teilnehmern den Einsatz modischer Bilder im Kampf gegen die Machthaber bei. Sie hob hervor:

Die visuelle Rotte arbeitet für das Gute und das Böse. […] Die unglaubliche Kampagne des Islamischen Staates ist ein Beispiel für die Arbeit des Grafikdesigners für die Kräfte des Bösen.

Daria arbeitete an einer multimedialen Präsentation darüber, wie viel Geld aus dem kasachischen Budget für die Aufrechterhaltung der staatlichen Sender ausgegeben wird. Durch ihre Bilder wurde der Vortrag viel interessanter. Auf einem Podium stehend betonte die Künstlerin, dass alle, die dieses Projekt realisiert haben, durch das Prague Civil Society Centre zusammengebracht wurden.

Die Künstlerin setzt ihr Talent dazu ein, den Zuschauern in Kasachstan klarzumachen, dass es falsch ist, öffentliche Gelder für Medien auszugeben. Dass ihre Arbeit, inklusive aller Reisekosten, Unterkünfte und Mahlzeiten aus dem US-Budget bezahlt werden, scheint sie persönlich aber wenig zu stören.

Zwei weitere Künstlerinnen gestalteten Plakate über die Auftritte der Redner im modischen Scribing-Stil. In einem dieser Comics war ein Zitat von Dawid Sansarjan, einem weiteren Stern der armenischen Revolution, zu lesen, in dem die Künstlerin wohl einen tieferen Sinn sah:

Vor elf Jahren beschloss ich, Aktivismus zu betreiben. Alles begann auf der Polizeistation.

Soziale Netzwerke als Werkzeug

Während des Forums blieben auch die sozialen Netzwerke nicht außen vor. Den jungen Aktivisten wurde erklärt, dass sie es mit echten Medien zwar nicht aufnehmen können, es aber lohnenswert sei, die sozialen Netzwerke Odnoklassniki, VKontakte, Facebook in ihrem Sinne zu nutzen. Die Hauptaufgabe bestehe darin, Resonanz zu schaffen und die Leute dazu zu bringen, einen Repost zu machen, oder eine Diskussion in den Kommentaren anzuregen.

Vor allem würden die Stimmen der Vertreter aus Russland und Weißrussland laut, die davon träumen würden, die Protesterfahrung erfolgreicherer Kollegen zu wiederholen. So äußerte sich ein gewisser Ivan aus Perm begeistert am Mikrofon. Er sei um des "Exportes der Revolution" wegen nach Jerewan gekommen. Wie man einen Export des Jerewaner Erfolges möglich macht, erklärten Vertreter des europäischen demokratischen Denkens sowie die "Freunde" und Partner der Organisation aus Prag den jungen Aktivisten ganze vier Tage lang. Der allgemeine Protestimpuls wurde jedoch gleich von der Hauptveranstalterin der "Zusammenkunft", Maria Sereda, abgekühlt. Sie bat die Teilnehmer darum, an die Sicherheit zu denken und den unerwartet geborenen Slogan über den "Export" nicht sofort per Twitter zu posten:

Sonst kommen Menschen mit russischen Kameras zu uns.

Sammlung der Empörung der Kleintiere

Im Rahmen des Forums gab es mehrere Schulungen zur Förderung von Proteststimmungen in der Masse. So wurde den Teilnehmern am Beispiel von Märchenhelden beigebracht, Beziehungen zu den Behörden (als Grauer Wolf bezeichnet) aufzubauen. Separat dazu gab Frau Sereda ihre persönliche Einschätzung über den Sturz des weißrussischen Wolfes bekannt:

Da hilft nur eine Option – die Sammlung der Empörung von Kleintieren über Jahre hinweg. […] Sie sammeln die Empörung der Kleintiere, bis es zur Amtsenthebung kommt. […] Dieser Fall ist perfekt für Weißrussland. Und in der Ukraine hat dieses Szenario funktioniert!

Die Gastgeberin des Forums sprach außerdem über verschiedene Strategien zum Kampf gegen die Behörden und verwies dabei auf mehrere in diesem Bereich erfolgreiche Organisationen: Amnesty International und die International Crisis Group, deren Geschäftsführer George Soros ist. Dieser sagte:

Sie arbeiten leise und hinter den Kulissen. […] Sie gehen diskret mit den lokalen Behörden um.

Den jungen Aktivisten wurde weiter beigebracht, wie sie sich ihr Publikum richtig auswählen sollen. Sie sollen sich auf Menschen, die für die liberalen Werte am empfänglichsten sind, konzentrieren. Diejenigen, die weder an Menschenrechtsveranstaltungen noch an Kundgebungen teilnehmen, werden als nutzloses Publikum bezeichnet. Wenn eine Person sich positiv oder neutral zur Rückkehr der Krim zu Russland äußert, mache es keinen Sinn, mit ihr zusammenzuarbeiten, so die Dozenten. Weiter schlug man einen Rekrutierungsrahmen vor, der Einwohner von Großstädten im Alter von 20 bis 40 Jahren mit Hochschulbildung und durchschnittlichem Verdienst umfasste.

Die Atmosphäre von CampCamp ähnelte einem Pioniercamp: Tagesunterricht, bei dem sich niemand langweilt, und am Abend kocht man am Lagerfeuer Gerichte verschiedener nationaler Küchen. Man kennt sich, denn viele der Forum-Teilnehmer sind sich bereits bei früheren Schulungen der Prager Schule begegnet. Die Leiter kennen sich gegenseitig ebenfalls gut.

So begrüßte beispielsweise Nicholas Detsch aus den Vereinigten Staaten eine Journalistin aus Kasachstan. Er stellte sich als OSZE-Mitarbeiter vor und erinnerte sich an seine langjährige Erfahrung in Zentralasien. Vor allem interessierte er sich für die jungen Aktivisten, die aus eigener Initiative nach Jerewan gekommen waren. Er lernte neue Leute kennen und machte Notizen in seinem Notizbuch. Dass er für die US-amerikanisch-russische Stiftung für wirtschaftliche und rechtliche Entwicklung (eine in Russland als unerwünscht anerkannte Organisation) arbeitet, wurde nicht zum Gesprächsthema, obwohl sein Portfolio auf der Webseite besagt, dass Herr Detsch einer der ersten Beobachter der Stiftung war, die im Jahr 2014 in die Ukraine entsandt wurden.

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