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Ehemalige Pentagon-Analytikerin: Ohne die USA kann Afghanistan sich entwickeln wie Vietnam

Karen Kwiatkowski ist seit bald 20 Jahren eine bekannte Kritikerin der US-Außenpolitik. Bis 2003 war sie als Oberstleutnant der US-Luftwaffe im Pentagon für die Analyse der Länder des Nahen Ostens zuständig. Im Gespräch mit RT bewertet sie den US-Einsatz in Afghanistan und sein Ende.
Ehemalige Pentagon-Analytikerin: Ohne die USA kann Afghanistan sich entwickeln wie VietnamQuelle: www.globallookpress.com © Xinhua

Der Einsatz der US-Truppen in Afghanistan war nie gerechtfertigt, so Karen Kwiatkowski im Gespräch mit RT. "Eine schlechte Antwort auf die Krise in jenem Land. Wir hätten oft gehen und daraus ein nicht besetztes, freies Afghanistan machen können, doch wir haben es in all den Jahren nicht getan."

Kwiatkowski, mittlerweile über 60, ist seit bald 20 Jahren eine der prominenten Figuren der US-amerikanischen Friedensbewegung. Ehemaliger Oberstleutnant der US-Luftwaffe, promoviert in globaler Politik, über Jahre hinweg in der NSA und im Pentagon als Geheimdienstanalytikerin tätig, verließ sie das Militär 2003 und veröffentlichte ihr Wissen über die Manipulation der Öffentlichkeit, die dem Irakkrieg vorausgegangen war.

"Wenn die US-Regierung sagt, sie habe ihre Ziele erreicht, dann muss man da wirklich die Fakten checken", meint Kwiatkowski. Sie hat damit ihre Erfahrungen gemacht. Sie beobachtete, wie eine kleine Gruppe von Neocons, die ins Pentagon geschleust wurde, die Geschichten von irakischen Massenvernichtungswaffen und von Verbindungen des Irak zu al-Quaida zusammenschusterte, mit denen George Bush den Irakkrieg begründete.

"Die wirkliche Frage ist: Warum sind die Truppen geblieben? Und ich glaube, das verstehen die Menschen in Afghanistan und viele in der Region und auf der ganzen Welt. Sie schauen sich an, wie sich die USA benehmen und wohin sie gehen. Und es ist fast immer ein Kampf um Ressourcen oder Gebiete oder beides."

Es gebe viele Ähnlichkeiten zwischen dem jetzigen Abzug aus Afghanistan und jenem aus Vietnam. Die, über die man viel mehr reden müsse, sei die Menge der Lügen, die der US-Bevölkerung über den Grund für diese Besetzungen erzählt worden seien.

"Unsere Regierung ist nicht gerade ehrlich zu ihrem Volk."

Kwiatkowski gehört zum konservativen Teil der Friedensbewegung; sie lebt auf einer Farm, ist gläubig und war den größten Teil ihres Lebens Mitglied der Republikaner. Sie ist keine Pazifistin, aber sie will eine US-Außenpolitik, die die Souveränität anderer Länder respektiert.

"Wenn man sich ansieht, was aus Vietnam wurde – sicher, für viele Jahre war Vietnam nicht gut für die US-Interessen; aber heute ist Vietnam ein wichtiges Touristenziel oder war es zumindest vor COVID-19, es ist ein enormer Produktionsstandort, und es wird nicht von Kommunisten beherrscht, sondern vom vietnamesischen Volk. Vielleicht können wir auf etwas Ähnliches bei Afghanistan hoffen. Die Taliban sind nicht expansionistisch. Ich denke, sie werden Afghanistan an die erste Stelle setzen. Ich hoffe, sie tun das und arbeiten daran, das Land in das nächste Jahrzehnt zu bringen. Jetzt, wo die Vereinigten Staaten fort sind und keine Politiker mehr kaufen können, die Politik manipulieren und Bomben werfen, ist das sicher möglich."

2018 erhielt sie den Sam Adams Award, auf dessen Preisträgerliste sich alle bekannten US-Whistleblower der letzten 20 Jahre finden. Sie ist Gründungsmitglied der "Veteran Intelligence Professionals for Sanity" (VIPS, Geheimdienstveteranen für Vernunft), eine Vereinigung, die sich seit dem Irakkrieg immer wieder an die Öffentlichkeit wendet, um Narrative, die weitere Kriege rechtfertigen sollen, zu hinterfragen.

"Die Männer und Frauen, die in Afghanistan gedient haben", so Kwiatkowski, "die Freunde verloren haben, gesehen haben, wie Leute verletzt wurden, die wegen dieses Dienstes durch dieses schreckliche emotionale und physische Trauma gegangen sind, sind vor allem traurig. Einige sind wütend, aber vor allem sind sie traurig. Was immer Biden und Trump und George Bush und Obama dort erreichen wollten, wurde vor unseren Truppen verborgen. Denen wurden sehr positive Dinge über die afghanische Zukunft erzählt, und nichts davon war wahr, und unsere Geheimdienstgemeinschaft weiß sehr genau, dass das meiste auf Lügen und Einbildungen beruhte."

Es wird dem politischen Establishment der USA nicht leichtfallen, sich mit der Niederlage in Afghanistan abzufinden. "Beide Seiten im Kongress, die Republikaner und die Demokraten, liebten diesen Krieg", meint Kwiatkowski. "Jetzt werden wir von ihnen hören, wie erschüttert sie über seinen Ausgang sind. Eine lange, sinnlose Verschwendung von Ressourcen zu einem enormen Preis für das Land, die Menschen und die Umwelt, das ist Afghanistan." Doch es wird ihnen nichts anderes übrigbleiben, als eine realistische Perspektive einzunehmen. "Wir haben Ressourcen und Gebiet aufgegeben. Weil die Regierung, die wir eingesetzt haben, Kabul verlassen hat. Wir brauchen eine neue Beziehung zu den Taliban, wenn wir weiter Zugang zu dem Gebiet oder den Ressourcen wollen."

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