Europa

"Fair gehandeltes" Kokain? In London gibt es selbst das, zumindest als Werbemasche ...

Es gibt "fair gehandelte" Schokolade, "ethische" Bananen und vegane Schnitzel. Klar, dass diese Marketingmoden sich nicht nur dort verbreiten, wo es um legale Güter geht. In London kursiert schon seit längerem "woke coke" – eine Werbemasche, die den Preis vervierfacht.
"Fair gehandeltes" Kokain? In London gibt es selbst das, zumindest als Werbemasche ...Quelle: www.globallookpress.com © Christoph Hardt via www.imago-im

Es gibt eine Menge Menschen, die gern etwas mehr Geld für Waren bezahlen, wenn sie sich dafür hinterher besonders gut fühlen können. Das gilt nicht nur für die Käufer aller möglichen Biowaren oder veganen Fleischersatzprodukte. Zumindest in Großbritannien gibt es schon seit längerem auch "woke coke", Kokain, das angeblich aus fairem Handel stammt.

Eine seit Jahren regelmäßig stattfindende weltweite Umfrage zu Drogenkonsum, der Drug Survey 2019, ergab, dass 85 Prozent der Befragten bereit wären, mehr für Drogen zu bezahlen, wenn sie einen "ethisch vertretbaren Ursprung" haben. Das konnte den Dealern nicht entgehen, und schon 2020 berichtete der Evening Standard, im Darknet würde Kokain angeboten, das angeblich "ethisch", "fair gehandelt" und "konfliktfrei" sei.

Nachdem im Gegensatz zur Reinheit angebotener Drogen die Umstände ihrer Entstehung aus den Zielländern nicht überprüft werden können, ist dies ein guter Trick, um den Preis zu erhöhen. Während die Umfrage 2019 einen akzeptierten Aufpreis von 25 Prozent für das "Wohlfühletikett" ergab, ist die Hipster-Version auf dem Weg zum Straßenmarkt noch einmal deutlich teurer geworden. Die Daily Mail, die das Thema jüngst wieder aufgriff, berichtet, für "woke coke" würden 200 britische Pfund pro Gramm gezahlt (234 Euro), während der Straßenpreis für die gewöhnliche Ware in London bei 40 Pfund pro Gramm (47 Euro) läge.

Die 2017 ernannte Chefin der Metropolitan Police (früher Scotland Yard), Cressida Dick, hatte schon 2018 gegenüber dem Guardian über die Gewohnheiten der Londoner Mittelschicht geklagt: "Da gibt es eine ganze Gruppe von Mittelklasseleuten – oder wie immer man sie nennen will –, die da sitzen ... munter über globale Erwärmung nachdenken, über fairen Handel, Umweltschutz und allerlei Zeug, Bionahrung, aber kein Problem darin sehen, ein bisschen Kokain zu nehmen. Nun, es gibt eines; das Elend findet sich in der ganzen Versorgungskette."

Haupterzeugerland von Kokain ist Kolumbien. In den Regionen, in denen der Kokaanbau stattfindet, herrscht Krieg zwischen verschiedenen Fraktionen, wobei sich Drogenhandel und Politik mischen. Die Bauern sind meist die Opfer. Das Portal Amerika21.de berichtete Ende Mai schon von 37 Massakern allein in diesem Jahr.

Der Journalist Jamie Bartlett, der sich intensiv mit dem Darknet befasst hat, hatte die Tendenz zu "woke coke" schon vor Jahren entdeckt. "Das spiegelt völlig den normalen Markt wider – wenn Subway Werbung für vegane Sandwiches macht, dann gibt es keinen Grund, warum die Verkäufer im Darknet diese Trends nicht aufgreifen sollten, wenn sie meinen, dass das den Leuten wichtig ist."

London verbraucht geschätzte 23 Kilogramm Kokain pro Tag und liegt damit europaweit an der Spitze. Die Daten des nationalen Gesundheitsdienstes NHS zeigen zudem, dass der Verbrauch gerade in höheren Altersklassen zunimmt. Die Zahl der über 50-Jährigen, die wegen Drogenvergiftungen behandelt werden mussten, hat sich im letzten Jahrzehnt verzehnfacht. In sechs Fällen von Kokainvergiftungen waren die behandelten Patienten sogar über 90.

Die Werbenummer mit dem "fairen" Kokain kommt an beim Publikum. Die ehemalige Soap-Darstellerin Davinia Taylor erzählte: "Jeder in Chiswick hat woke coke – aus 'nachhaltigen Quellen' in Südamerika. Sie sagen so etwas wie: 'Hi, Schätzchen, ich habe woke coke. Das ist völlig politisch korrekt, 200 Pfund pro Gramm'. Sie haben veganes Essen, Biowein, ihr woke coke und einen Joint am Start und sagen: 'Das ist gut, das ist gut, ich weiß, dass das nachhaltig ist, wir geben dem Land wirklich etwas zurück."

Wenn diese Werbemasche in Deutschland noch nicht angekommen ist, so wird sie es bald sein. Die kolumbianischen Bauern allerdings werden weiter bluten, solange die Abnahme gesichert ist.

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