Wirtschaft

Beispiel Seltene Erden: EU auch in der Zukunft wirtschaftlich von China abhängig

Die EU baut ihre Zukunft auf Hightechprodukten und -anwendungen auf. Hierfür werden jedoch große Mengen an Seltenen Erden benötigt, von denen es in Europa so gut wie keine gibt. Die Abhängigkeit von China auch in diesem Bereich ist nicht zu übersehen.
Beispiel Seltene Erden: EU auch in der Zukunft wirtschaftlich von China abhängigQuelle: Reuters © David Becker

Solarzellen, Windturbinen, Batterien und Motoren für Elektrofahrzeuge – dies sind nur vier jener Gegenstände, die eines oder mehrere der Mineralien benötigen, die als Seltene Erden bekannt sind. Auf diese vier Güter will die EU ihre Zukunft aufbauen. Aber die für deren Produktion kritisch wichtigen Bodenschätze fördert die EU kaum.

Lithium ist eine der Seltenen Erden, die im Überfluss vorhanden sind. Lagerstätten, die groß genug sind, um wirtschaftlich sinnvoll zu sein, gibt es jedoch nur in wenigen Gebieten der Welt. Die größten Vorkommen, die bisher entdeckt wurden, liegen in China. Für die größte Volkswirtschaft Asiens ist der Export von Seltenen Erden ein lukratives Geschäft, mit dem sie praktisch die Weltherrschaft übernommen hat. Und diese Vorherrschaft ist keine gute Nachricht für die EU oder die Vereinigten Staaten.

Im Jahr 2020 förderte China 140.000 Tonnen an Seltenen Erden. Die USA liegen mit 38.000 Tonnen weit abgeschlagen an zweiter und Burma mit 30.000 Tonnen an dritter Stelle. Europa taucht in der Liste der weltweiten Produzenten von Seltenen Erden gar nicht auf.

"Europa ist stark abhängig von den Importen Seltener Erden aus China. Das Land hat sehr große und qualitativ gute Ressourcen an Seltenen Erden. China hat in diesem Fall Glück gehabt", erklärte ein Wissenschaftler der Technischen Universität Athen vergangenes Jahr gegenüber Euronews. Um diese Abhängigkeit zu verringern, entwickelte die Europäische Union einen Aktionsplan, der die heimische Produktion von Seltenen Erden ankurbeln soll.

Der Aktionsplan listete die Forschung und Entwicklung neuer Abbau- und Verarbeitungsmethoden, die nachhaltige Finanzierung neuer Bergbauprojekte und Recycling-Möglichkeiten als Schritte auf, die unternommen werden sollten, um die Abhängigkeit von China in puncto Seltenen Erden zu verringern. Er führte auch zur Gründung einer EU-Rohstoff-Allianz, um eine breite Zusammenarbeit zur Steigerung der europäischen Seltenen Erden-Produktion zu fördern. Doch all dies ist im Moment mehr Gerede als Handlung.

In der Zwischenzeit machte ein Bergbauunternehmen in Norwegen eine Entdeckung, die einen großen Beitrag zur Verringerung der Abhängigkeit Europas von China leisten könnte. Norge Mining entdeckte im Südwesten Norwegens das möglicherweise größte Phosphatvorkommen der Welt. Phosphat steht auf der EU-Liste für kritisch wichtige Materialien. Entdeckt wurden aber auch Vanadium und Titan, die für die Produktion von Batterien wichtig sind.

Dieser Fund löste sicherlich Optimismus in Brüssel und in den Hauptquartieren der Autohersteller aus, die sich darauf vorbereiten, Millionen von Elektroautos zu produzieren. Vorausgesetzt, die Frage der Chipknappheit wird gelöst. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass die norwegischen Seltenen Erden teurer sein werden als die aus China. Schließlich hat China die größten Vorkommen und kann es sich leisten, diese billiger zu fördern, zu verarbeiten und zu exportieren als Norwegen, wo die Produktion gerade erst beginnt und die Lohnkosten wesentlich höher sind. Außerdem wird nur ein Vorkommen nicht ausreichen, um alle notwendigen Seltenen Erden zu sichern, die die EU braucht, um seinen Traum vom Green New Deal wahr werden zu lassen.

Dies ist das zweite Mal, dass die Europäische Union die Bedeutung der heimischen Versorgung unterschätzt. Das erste Mal war dies, als die europäischen Elektronik- und Autohersteller sich von importierten wiederaufladbaren Batterien abhängig machten. Jetzt versuchen sie, dies durch den Aufbau lokaler Produktionsstätten zu beheben. Das Problem mit den Seltenen Erden ist jedoch größer: China könnte einfach beschließen, den Export der Mineralien einzustellen. Die Gefahr, dass Russland den Gashahn zudrehen könnte, ist im Vergleich hierzu eine kleine Unannehmlichkeit. Vor allem für einen Kontinent, der sich mehr auf Wind- und Solarenergie als auf Gas verlässt.

Die Gefahr, die Importe aus China zu verlieren, scheint nicht nur eine hypothetische Angelegenheit zu sein. Anfang des Monats berichtete die Financial Times unter Berufung auf ungenannte Quellen, dass Chinas Ministerium für Industrie und Informationstechnologie neue Kontrollen für die Produktion und den Export der Gruppe von 17 Mineralien, die als Seltene Erden bekannt sind, vorgeschlagen habe. Darüber hinaus sollen sich Regierungsvertreter bei Führungskräften aus der Industrie informiert haben, wie stark Unternehmen in Europa und den USA von einer Beschränkung der Exporte von Seltenen Erden betroffen wären.

Fairerweise muss man sagen, dass die USA wahrscheinlich eher zum Ziel werden, falls China sich jemals dazu entschließen sollte, das Thema Exportbeschränkungen für Seltene Erden in die Praxis umzusetzen. Doch allein die Tatsache, dass Peking die "Seltenen Erden-Waffe" hat und diese nach Belieben einsetzen kann, könnte in Brüssel für Unbehagen sorgen. Schließlich hat Peking dies schon einmal getan. Damals im Jahr 2010, als man nach der Festnahme eines chinesischen Schiffskapitäns die Lieferungen von Seltenen Erden nach Japan für einen Monat unterbrach, worauf Bloomberg in einem aktuellen Artikel hinweist. Von den einmonatigen Lieferstopps waren auch Lieferungen nach Europa und in die USA betroffen, was zeigt, wie wichtig die chinesischen Seltenen Erden weltweit geworden sind.

Noch problematischer ist die Tatsache, dass es keine Alternative zu diesen Mineralien gibt. Insofern sind die Recycling-Bemühungen der EU durchaus sinnvoll. Nicht nur, weil die Wiederverwertung eine gewisse lokale Produktion sicherstellen könnte, sondern auch, weil dadurch die Verarbeitungsstufe des seltenerdhaltigen Erzes entfällt, in der China ebenfalls dominant ist. So dominant, dass Seltene Erden, die anderswo abgebaut werden (auch in den USA), zur Verarbeitung nach China geschickt werden, weil China jene Anlagen hat, um eine Verarbeitung in einem wirtschaftlichen Maßstab durchzuführen.

Europa hat laut Schätzungen aus dem Jahr 2015 ausreichend Reserven für eine Selbstversorgung mit Seltenen Erden. Oder besser gesagt, es hätte genug, um sich selbst zu versorgen, wenn es einen wirtschaftlich-profitablen Weg gäbe, die eigenen Vorkommen an Seltenen Erden zu extrahieren und zu verarbeiten. Offensichtlich gelang es der EU bisher noch nicht, hierfür einen wirtschaftlichen Weg zu finden.

Bisher gelang es der EU und China sich zu vertragen. Kürzlich wurde das Reich der Mitte sogar zum größten Handelspartner der EU. Die Beziehung ist jedoch weit davon entfernt, eine Beziehung auf Augenhöhe zu sein. So melodramatisch es auch klingt, die grüne Energiezukunft der EU hängt an einem seidenen Faden. Dieser Faden besteht aus den 17 Elementen, die das ausmachen, was wir gemeinhin als Seltene Erden bezeichnen und befindet sich in den Händen Chinas.

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Das Original von Irina Slav, Öl- und Gas-Analystin bei unserem Partnerportal Oilprice.com, erschien auf Englisch.

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