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Warum Russlands Schwarzmeerflotte aufgerüstet werden sollte

Wie sollte Russlands Schwarzmeerflotte angesichts der heutigen politischen Lage und der verstärkten Aktivitäten der NATO in dieser strategisch und wirtschaftlich wichtigen Region idealerweise aufgestellt sein?
Warum Russlands Schwarzmeerflotte aufgerüstet werden sollteQuelle: www.globallookpress.com © MOD Russia

Eine Analyse von Michail Chodarenok

Das Nachrichtenmagazin Forbes schrieb im Dezember, dass die russische Schwarzmeerflotte ihre Offensivfähigkeiten seit 2014 stärker und schneller verbessert hat als die ukrainischen Flotte die ihrigen. Ein Vergleich der russischen Schwarzmeerflotte mit der ukrainischen Marine ist jedoch möglicherweise gänzlich fehl am Platz. Denn eine Flotte ist eine operative und strategische Einheit, die für militärische Operationen auf See zur Anwendung kommt. Die Streitkräfte, die Kiew am Schwarzen Meer stationiert hat – eine Fregatte, ein Minensuchboot und ein Angriffsschiff –, bilden jedoch keine operative und strategische Einheit.

Forbes schreibt in seinem Artikel: "Der Kreml hat Jahre aufgewendet und Milliarden von Dollar investiert, um die Flotte mit neuen Schiffen, U-Booten, Kampfflugzeugen und – vielleicht am wichtigsten – mit Raketen vom Typ Kalibr auszustatten, die eine Reichweite von Hunderten von Kilometern haben. Wenn die russischen Truppen, die sich derzeit entlang der Grenze zur Ukraine sammeln, nach Westen rollen würden, könnten russische Schiffe und U-Boote die Verteidiger und die Kommandostrukturen der Ukraine mit Dutzenden von Kalibr angreifen."

In den letzten Monaten warfen westliche Medien Russland wiederholt vor, eine Invasion in die Ukraine zu planen. Moskau bestreitet, Maßnahmen gegen seinen Nachbarn ergriffen zu haben, sieht aber sehr wohl die ständige Osterweiterung der NATO als Bedrohung seiner nationalen Sicherheit. Aber kann man – abseits von politischen Fragen – die russische Schwarzmeerflotte in gewisser Hinsicht als die moderne Version einer unbesiegbaren Armada betrachten?

Die russische Schwarzmeerflotte

Die Flottenstärke der russischen Schwarzmeerflotte, deren Hauptstützpunkt in Sewastopol liegt, ist heute relativ gering. Diese operative und strategische Einheit verfügt weder über eine relevante U-Boot-Flotte noch über eine gemischte Flottille oder über operative Staffeln. Die Flotte unterhält derzeit die folgenden Einheiten, Formationen und Schiffe:

Die 30. Überwasserschiff-Division mit dem Lenkwaffenkreuzer Moskwa  – dem Flaggschiff der Schwarzmeerflotte – , die Anti-U-Boot-Fregatten Ladny und Pytliwy sowie die Fregatten Admiral Grigorowitsch, Admiral Makarow und die Admiral Essen.

Eine Brigade mit Angriffsschiffen und den großen Landungsschiffen Nikolai Filtschenkow, Orsk, Saratow, Asow, Nowotscherkassk, Zesar Kunikow und Jamal. Ferner die U-Boote des Projekts 636 Noworossijsk, Stary Oskol, Krasnodar, Weliki Nowgorod, Kolpino und ein U-Boot des Projekts 877, die Alrossa.

Dazu kommt eine Brigade zur Hafenverteidigung mit den kleineren Schiffen des Anti-U-Boot-Bataillons Alexandrowez, Muromez und Susdalez und den Schiffen  Iwan Antonow, Wladimir Jemeljanow und Georgi Kurbatow zur stützpunktnahen Minenabwehr; sowie die Hochsee-Minenräumer Iwan Golubez, Turbinist und Kowrowez.

Ergänzt wird die Flotte von den Luftkissen-Katamaranen des Projekts 1239, der Bora und Samum; den raketentragenden Korvetten der Bujan-Klasse Wyschni Wolotschok, Orechowo-Sujewo, Inguschetija, Grajworon sowie der Tarantul-Klasse Ziklon, R-60, Schuja, R-109 Bris, Nabereschnyje Tschelny und Iwanowez; der 184. Brigade zu Hafenverteidigung mit den drei Booten zur U-Boot-Bekämpfung Poworino, Jeisk und Kassimow sowie den Patrouillenbooten des Projekts 22160 Wassili Bykow, Dmitri Rogatschjow, Pavel Derschawin und Sergei Kotow; und der 170. Minensucher-Division mit den Minensuchbooten Schelesnjakow, Walentin Pikul und Vizeadmiral Sacharin.

Auf den ersten Blick sieht dies nach einer sehr beeindruckenden Flotte aus. Allerdings ist zu beachten, dass die Schwarzmeerflotte relativ wenige neue Schiffe im Dienst hat. Darunter befinden sich Fregatten der Bauklasse Admiral (Projekt 11356), die Diesel-U-Boote des Projekts 636.3, kleine raketentragende Boote der Wyschni-Wolotschok-Klasse (Projekt 21631), Minenräumer der Iwan-Antonow-Klasse (Projekt 12700) und Patrouillenschiffe der Wassili-Bykow-Klasse ( Projekt 22160).

Die übrigen Schiffe der Schwarzmeerflotte sind sehr alt, zum Teil seit mehreren Jahrzehnten im Dienst. Die Raketenfregatte Ladny zum Beispiel gehört seit 1981 zur Flotte, das heißt, sie diente bereits unter dem Generalsekretär der UdSSR Leonid Breschnew. Die Schwarzmeerflotte verfügt derzeit über keine modernen Lenkwaffenkreuzer oder Lenkwaffenzerstörer. Und leider ist nicht einmal klar, wann solche Schiffe zu dieser Flotte stoßen werden. Für mögliche Vergleiche mit Flotten anderer Länder in der Region ist es angemessener, die Schwarzmeerflotte mit der Flottenstärke der türkischen Marine zu vergleichen. Schließlich sind Russland und die Türkei die beiden Nationen, die in der Region als die wichtigsten maritimen Akteure gelten.

Der Vergleich mit der türkischen Marine

Gemäß öffentlich zugänglichen Quellen besteht die türkische Marine aus 16 Fregatten, 10 Korvetten, 16 Patrouillenschiffen, 13 U-Booten, 11 Minensuchbooten, 33 Angriffsschiffen, 18 raketentragenden Schiffen, 16 Patrouillenflugzeugen und 38 Hubschraubern sowie einer Mannschaftsstärke von mehr als 48.000 Mann.

Dem steht die russische Schwarzmeerflotte mit mittlerweile über 48 Überwasserschiffen, sieben dieselelektrischen U-Booten, 20 Flugzeugen und 10 Hubschrauber und rund 14.000 Mann Besatzung gegenüber.

Es mag auf den ersten Blick so aussehen, als hätte die Türkei einen absoluten Vorteil, wenn man die Zahl der Schiffe und der Besatzung betrachtet – aber ganz so geht die Rechnung nicht auf. Die russischen U-Boote in der Schwarzmeerflotte sind wesentlich moderner als diejenigen der türkischen Marine. Sechs wurden nach 2013 in Dienst gestellt, während vier der türkischen U-Boote zwischen 2006 und 2008 in Dienst kamen.

Die russischen U-Boote des Projekts 636.3 sind mit Marschflugkörpern vom Typ Kalibr-PL mit einer Reichweite von 2.600 Kilometern ausgestattet und haben damit gegenüber türkischen Modellen die Oberhand. Dies bringt die russischen U-Boote leicht in die Kategorie von strategischen Waffen. Die Türkei hat zwar mehr große Überwasserschiffe als Russland, aber die meisten von ihnen sind ziemlich alt und wurden im letzten Jahrhundert in Dienst gestellt.

Einige Schiffe der türkischen Marine wurden in den USA und in Frankreich gebaut. Acht von 16 türkischen Fregatten sind von der Oliver-Hazard-Perry-Klasse, die zwischen 1997 und 2003 aus den Reserven der US-Marine in die Türkei geliefert wurden. Die türkische Marine verfügt zudem noch über altgediente französische Korvetten der Klasse А69 d'Estienne d'Orves.

Ein weiterer großer Vorteil der russischen Schwarzmeer-Flotte sind hochmoderne Fregatten der Admiral-Klasse, sowie die Schiffe des Projekts 21631, die beide Kalibr-NK-Raketensysteme mit sich führen. Die Reichweite dieses Systems erstreckt sich weit über das Gebiet des Schwarzen Meeres hinaus. Ungeachtet dessen, was ich bisher besprochen habe, bleibt die Anzahl und die Ausbildung der Seeleute der Schwarzmeerflotte bei Weitem nicht ausreichend.

Die Zukunft der Schwarzmeerflotte

Derzeit operiert die Schwarzmeerflotte im Mittelmeer, im Roten Meer, in Teilen des Atlantiks und des Indischen Ozeans sowie im Schwarzen und im Asowschen Meer. Die Flotte ist zu klein und zu schwach ausgestattet, um die anstehenden Aufgaben zu bewältigen. Lassen Sie mich deshalb spekulieren, wie eine ideale Flottenzusammensetzung aussehen könnte.

Die strategische Ausrichtung nach Südwesten und auf die Region als Ganzes ist für Russland wichtig, daher wäre es eine gute Idee, wenn die Flotte eine andere Aufstellung bei seinen Überwasserschiffen hätte. Zum Beispiel fünf oder sechs Lenkwaffenkreuzer mit mindestens einhundert Startvorrichtungen für senkrechte Starts von Raketen, eine Brigade bestehend aus sechs oder sieben Lenkwaffenzerstörern mit ebenfalls mindestens einhundert Startvorrichtungen für senkrechte Starts von Raketen, eine Division für Landungsoperationen mit fünf oder sechs Allzwecklandesystemen, Boote wie das kürzlich in Kertsch auf Kiel gelegte Projekt 23900 und eine Division mit 12 bis 14 dieselelektrischen U-Booten.

In diesem Fall könnte der Hafen von Sewastopol alle diese Kräfte beherbergen, wobei die Einheiten für die Landeoperationen vorteilhafter am See von Donuslaw stationiert wären, allerdings erst nach einer gründlichen Überholung der Basis. Vor diesem Hintergrund wäre es ratsam, mindestens eine weitere Brigade der Marineinfanterie zu bilden.

Die Schwarzmeerflotte könnte auch von der Einrichtung eines Kommandos für den Seetransport profitieren, das den See- und Ozeantransport sowohl für die Flotte als auch für das gesamte Verteidigungsministerium überblickt. Die militärische Intervention in der Syrischen Arabischen Republik hat die Notwendigkeit für ein solches Kommando überzeugend demonstriert. Das Kommando müsste Handelsschiffe chartern – also RoRo- und Containerschiffe, Großtransporter sowie kleinere Schiffe und Tanker. Der Einsatz großer Landungsboote zum Bewegen auch von Ausrüstung, wie es während des Feldzugs in Syrien der Fall war, ist aus vielen Gründen nicht praktikabel. Und die Lösung einer hypothetischen Krise kann viel Frachtkapazität erfordern.

Mit anderen Worten: Die Schwarzmeerflotte benötigt mindestens doppelt so viele Überwasserschiffe und U-Boote, wie sie derzeit besitzt. Manche mögen sagen, dies sei übertrieben, aber tatsächlich ist dies das Nötigste, was sowohl an Ausrüstung als auch an Personal erforderlich ist. Erst nach der Umsetzung dieser Vorschläge könnte die Schwarzmeerflotte als ausreichend ausgerüstet betrachtet werden, um die Herausforderungen zu bewältigen, mit denen sie in Zukunft konfrontiert sein wird.

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Übersetzt aus dem Englischen.

Michail Chodarenok ist Militärkommentator für RT.com. Er ist ein Oberst im Ruhestand. Er diente als Offizier in der Hauptdirektion des Generalstabs der russischen Streitkräfte.

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