Russland

Russland veröffentlicht Sterblichkeitsstatistik für Pandemiejahr 2020

Neue von Moskau veröffentlichte Zahlen zeigen, dass im Corona-Jahr 2020 die Sterblichkeit im Land um 19 Prozent angestiegen ist. Damit entsteht ein düstereres Bild, als der offiziellen COVID-19-Statistik bisher zu entnehmen ist.
Russland veröffentlicht Sterblichkeitsstatistik für Pandemiejahr 2020Quelle: Reuters © Denis Grishkin/Moscow News Agency

Am Dienstag veröffentlichte die staatliche russische Statistikbehörde Rosstat die endgültigen bestätigten Bevölkerungszahlen für das Jahr 2020. Den offiziellen Zahlen zufolge stieg die Zahl der Todesfälle im Land im Vergleich zum Vorjahr um 340.300 Menschen auf 2.138.586 an.

Von diesen zusätzlichen Todesfällen wurden knapp 144.700 Todesfälle (42,5 Prozent) auf COVID-19 zurückgeführt. Diese neue Zahl ist deutlich höher als die Zahlen des offiziellen russischen Zentrums zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie, das am 1. Januar berichtete, dass nur 57.555 Menschen an dem Virus gestorben seien. Somit scheint die tatsächliche Zahl der pandemiebedingten Todesfälle im Land fast dreimal so hoch wie zuvor angenommen.

Die zuletzt veröffentlichten Zahlen kollidieren zudem mit Äußerungen der stellvertretenden russischen Ministerpräsidentin Tatjana Golikowa, die behauptete, dass über 81 Prozent des Anstiegs der Sterblichkeit im Jahr 2020 auf COVID-19 zurückzuführen seien.

Laut den offiziellen Daten gab es ein signifikantes Wachstum bei den Todesfällen durch "Krankheiten des Kreislaufsystems" (plus 90.000 oder elf Prozent), "Lungenentzündung" (plus 34.000 oder 143 Prozent) und "Krankheiten des Nervensystems" (plus 21.000 oder 21 Prozent). Viele dieser Erkrankungen wurden auch bei Menschen festgestellt, die an COVID-19 gestorben sind und könnten durch das Virus ausgelöst worden sein.

Auch die Todesfälle "bedingt durch hohes Alter" nahmen deutlich zu (plus 17.000 oder 20 Prozent).

Im Gegensatz zu den meisten westlichen Ländern werden in Russlands offizieller Zählung nur Todesfälle "durch Coronavirus" und nicht "mit Coronavirus" erfasst. Dies bedeutet, dass viele Todesfälle von Menschen, die aufgrund anderer Erkrankungen, die durch COVID-19 verursacht wurden, ihr Leben verloren haben, in anderen Ländern als COVID-19-Todesfälle eingestuft worden sein könnten.

Die Zählweise in Russland entspricht nicht den offiziellen Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation, die ausdrücklich darauf hinweist, dass "alle Todesfälle als durch das Virus verursacht gezählt" werden können, "es sei denn, es gibt eine eindeutige alternative Todesursache, die nicht mit der COVID-19-Erkrankung in Verbindung gebracht werden kann".

Russland verzeichnete auch einen Anstieg der Todesfälle aufgrund von erhöhtem Alkoholkonsum (plus 3.008 oder 6,3 Prozent) und psychischen Störungen (plus 4.719 oder 24 Prozent), die möglicherweise durch indirekte, nicht-klinische Auswirkungen der Pandemie verursacht wurden.

Falls diese offizielle COVID-19-Zahl bestätigt wird, würde Russland mit 144.700 Todesfällen im Jahr 2020 bei etwa 990 Todesfällen pro einer Million Einwohner liegen. Damit läge Russland hinter Ländern wie Großbritannien (1.157 pro Million) und den USA (1.151 pro Million).

Aufgrund der Inkonsistenz der internationalen Statistiken und der unterschiedlichen Zählmethoden haben die meisten Experten jedoch entschieden, die offiziell veröffentlichten Zahlen zu meiden und stattdessen die Übersterblichkeit als genauere Methode zur Messung der Auswirkungen von COVID-19 einzusetzen. Diese wird meist als Vergleichsrechnung von Jahr zu Jahr geführt, manchmal auch als Vergleich des Durchschnitts eines längeren Zeitraums berechnet, wie zum Beispiel der letzten fünf oder zehn Jahre.

Betrachtet man die überzähligen Todesfälle im Vergleich zum Jahr 2019, so zeichnen die Zahlen ein deutlich düstereres Bild, als es die offiziellen Statistiken darstellen. Mit 340.300 mehr Todesfällen im Jahr 2020 als 2019 verlor Russland zusätzlich 2.328 Menschen pro einer Million Einwohner – ein beträchtlicher Anstieg. Während Großbritannien (1.275 pro Million) und die USA (1.535 pro Million) unter Einbeziehung aller überzähligen Todesfälle ebenfalls einen Anstieg verzeichnen, ist der prozentuale Zuwachs viel geringer als im Vergleich mit den Zahlen aus Russland.

Die langfristigen Folgen einer längeren Abriegelung sind jedoch noch nicht vollständig bekannt. Da die Corona-Maßnahmen in Russland nicht so streng sind, könnten die Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Aktivitäten und die psychische Gesundheit der Bevölkerung abgeschwächt worden sein. Da viele Länder Gesundheitsdienste schließen und die Anzahl der Krankenhausbesuche für nicht lebensnotwendige Operationen reduzieren und viele Menschen möglicherweise nicht mit Krankheiten im Frühstadium diagnostiziert werden, könnte es auch weitere, noch nicht erkannte Herausforderungen geben. In Russland, wo der größte Teil der medizinischen Versorgung normal weiter läuft, sollte dieser Nebeneffekt der Pandemie nicht besonders tiefgreifend ausfallen.

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