Nordamerika

Transparenz ist nicht erwünscht – Journalisten werden als Antisemiten nach Reportage beschimpft

Ein investigativer Bericht über Verbindungen zwischen US-Präsident Joe Bidens Cyberwar-Beraterin Anne Neuberger und einflussreichen pro-Israel-Lobbyisten des AIPAC bringt zwei den Demokraten nahe stehende Journalisten unerwartet in Schwierigkeiten.
Transparenz ist nicht erwünscht – Journalisten werden als Antisemiten nach Reportage beschimpftQuelle: Reuters © Kevin Lamarque

Die Geheimdienstmitarbeiterin Anne Neuberger soll Bidens stellvertretende nationale Sicherheitsberaterin für Cyber- und neue Technologien im Nationalen Sicherheitsrat werden. Als "aufsteigender Stern" beim Geheimdienst NSA wurde Neuberger im Jahr 2019 zur Cybersecurity-Chefin befördert, nachdem sie einen angeblichen Präventivschlag gegen Russland während der Wahl im Jahr 2018 geleitet hatte. Dies zeigt ein Investigativ-Bericht von David Corn vom Magazin Mother Jones und Ken Dilanian von NBC News, der am Mittwoch veröffentlicht wurde.

Die Journalisten deckten außerdem auf, dass Neuberger ihre Familienstiftung nutzte, um erhebliche Spenden an die politisch sehr einflussreiche Lobbyorganisation American Israel Public Affairs Committe (AIPAC) umzuleiten.

Die Yehuda und Anne Neuberger Stiftung hat in den vergangenen Jahren "Hunderttausende von US-Dollar" an AIPAC gespendet, so Dilanian und Corn. Ab dem Jahr 2015 erhöhten sich die Spenden, nachdem die Stiftung ein 93 Millionen US-Dollar Geschenk von der Chesed Foundation of America erhalten hatte, einer Wohltätigkeitsorganisation, die von George Karfunkel geführt wird. Karfunkel wird als "Milliardeninvestor" beschrieben, der zufällig auch Anne Neubergers Vater ist.

Inzwischen ist ihr Ehemann Yehuda Neuberger Vorsitzender des Exekutivrats bei AIPAC in Baltimore. Im Jahr 2015 betrieb er gegen das Atomabkommen zwischen der Obama-Regierung und Iran Lobbyarbeit. Dieser Punkt könnte der Grund für die Enthüllung sein, wie Corn argumentiert, denn AIPAC sei weithin als ein Unterstützer des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu sowie seiner stark rechtsgerichteten Hardliner-Politik bekannt. Dies sei unvereinbar mit der Linie der Obama-Regierung, die Biden seit vergangener Woche versucht wiederherzustellen. Dilanian schrieb:

"Während Israel ein enger Verbündeter der USA ist, handelt es in seinem eigenen Interesse und spioniert die USA aggressiv aus und setzt dabei seine Cyber-Kapazitäten ein, sagen aktuelle und ehemalige Beamte."

Corn ließ hingegen den ehemaligen CIA-Beamten John Sipher zu Wort kommen. Dieser erklärte, dass "in ihrer Welt, wenn die Leute an Cyber-Bedrohungen denken, Israel immer dabei ist, auch wenn es ein Verbündeter ist. Es ist überraschend, dass jemand im Cyber-Bereich, der die israelischen Fähigkeiten versteht, sich nicht von dieser Politik fernhalten möchte".

Sipher charakterisiert Neubergers Spenden an AIPAC als "im günstigsten Falle unklug". Corn und Dilanian zitierten außerdem ungenannte Geheimdienstmitarbeiter, die erklärten, dass die Spenden zwar "wahrscheinlich" nicht kompromittierend seien, aber auch "nicht gut".

Nach der Veröffentlichung ihres Materials verbrachte das Duo einen Großteil des Mittwochs damit, sich gegen den von Gruppen und Einzelpersonen erhobenen Vorwurf des Antisemitismus zu verteidigen. So bestand zum Beispiel das American Jewish Committee darauf, dass die beiden Journalisten Neuberger eine Entschuldigung schulden würden, da "das Hinterfragen der Loyalität einer Staatsbediensteten nur weil sie AIPAC unterstützt, nicht nur beleidigend ist, sondern nach Bigotterie stinkt".

Rabbiner Michael Adam Latz sagte, Corn deute eine doppelte Loyalität an. Er habe zudem behauptet, AIPAC sei fremd, was bedeute, dass Juden fremd seien. Corn entgegnete, dass er beides nie gesagt habe.

"Es geht um Politik", so Corn und zitierte Barack Obamas jüngstes Buch, in dem der ehemalige US-Präsident schrieb, dass das AIPAC "mit der israelischen Rechten verbündet" ist und sich auf die Seite Israels stellt, wenn es "Aktionen unternimmt, die der US-Politik zuwiderlaufen".

Einige der Argumente, die in dem Schlagabtausch verwendet wurden, waren für sich bereits aufschlussreich. So zum Beispiel die Aussage von Kevin Barron, Chefredakteur von Defense One, wonach die USA "offiziell 100 Prozent pro Israel eingestellt sind" und das Pentagon eine Politik zur Unterstützung einer "qualitativen militärischen Überlegenheit" Israels vermutlich auch im Cyberspace aufrechterhält.

"Dies bedarf keiner Diskussion. Es ist kompliziert", erwiderte Dilanian.

Corn war einer der ersten Reporter, der die Behauptungen des britischen Spions Christopher Steele über vermeintliche Verbindungen zwischen dem damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump und Russland öffentlich machte, die im Auftrag von Hillary Clinton während der US-Präsidentschaftswahl 2016 fabriziert wurden.

Dilanian beteiligte sich ebenfalls an der Russiagate-Berichterstattung. Er steht im Ruf, seine Geschichten von der CIA überprüfen zu lassen, wie aus der Gerichtsakte im Prozess gegen den WikiLeaks-Herausgeber Julian Assange hervorgeht.

Spät am Mittwoch zog NBC News die Story zurück und archivierte sie. Der TV-Sender erklärte, der Bericht hätte "mehr Ansichten enthalten sollen von jenen, die glauben, dass Spenden an das AIPAC keinen Konflikt darstellen". Auf der Website des Magazins Mother Jones ist der Bericht unverändert aufrufbar.

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