Meinung

Lauterbachs Variationen zu Omikron: Verdrängung oder bewusste Täuschung?

Karl Lauterbach war erneut zu Gast bei der Talk-Sendung "Maischberger". Dort behauptete der Minister, er habe sehr früh erklärt, dass "Omikron harmloser verläuft als die Delta-Welle". Stimmt diese Aussage so, oder finden sich gegenteilige Formulierungen?
Lauterbachs Variationen zu Omikron: Verdrängung oder bewusste Täuschung?Quelle: Gettyimages.ru © Sean Gallup / Staff

von Bernhard Loyen

Die Tatsache, dass Karl Lauterbach es im Rahmen eines fließenden Übergangs mit Bravour meisterte, sich bei seinen unzähligen Gastauftritten der zurückliegenden zwei Jahre über diverse Talkshow-Formate im deutschen Fernsehen von einem sogenannten Gesundheitsexperten der SPD zum leitenden informierenden und mahnenden Gesundheitsminister der Bundesrepublik Deutschland darzustellen, sollte nicht wirklich überraschen. Es verwundert jedoch, dass Lauterbach anscheinend immer noch nicht bewusst ist, dass nun jede Aussage von ihm als Minister wesentlich mehr Wirkung erzeugt als jene in seiner vorherigen Rolle als kontrovers wahrgenommener Mahner und Studienleser. Dass jede Formulierung von ihm natürlich noch mehr einer Prüfung auf Wahrheitsgehalt standhalten muss.

Ausgehend von seiner Anwesenheit bei der Maischberger-Sendung vom 16. Februar werden gleich mehrere Aussagen aus dem Interview nun in den sozialen Medien, zumindest irritiert wahrgenommen und diskutiert. So zum Beispiel seine Darlegung zum Thema politisch beschlossener Stufenlockerungen bis Mitte März, wiedergewonnenen Freiheiten für die Bürger und dem Begriff "Freedom Day". Lauterbachs persönliche Wahrnehmung lautete, dass er diesen Begriff nicht nutze und auch nicht denke, dass er angebracht sei. Zum Thema unterschiedlicher Auswirkungen von Delta- und Omikron-Varianten dann die gewagte Aussage (Zitat wie im Original):

"Also, ich habe mich auch beispielsweise in der Vorbereitung, also der Omikron-Welle, habe ich mich ziemlich gut eingelesen und habe sehr früh gesagt, dass Omikron harmloser verläuft als die Delta-Welle, als noch viele Wissenschaftler gesagt haben, auch klingende Namen, das wäre doch so nah wie möglich an der Delta-Welle ..."

Er "erinnere an so etwas sehr genau", so der Minister abschließend. Nicht überraschend, hakte die Moderatorin mal wieder nicht nach – zum Beispiel mit der ersten spontanen und einfachen Laienfrage, wie man sich in etwas einlesen kann, was vorher noch gar nicht existierte. Es überrascht jedoch immer wieder, dass sich die Redaktion der Maischberger-Sendung anscheinend nicht wirklich vorbereitet. Absicht, Zufall, Fahrlässigkeit, Unlust, man weiß es nicht. Wie ist also die eindeutige Darlegung des Gesundheitsministers zu bewerten?

Die erste Omikron-Probe, die Variante wurde erstmals in Südafrika und Botswana identifiziert, stammte vom 9. November 2021. Am 26. November erste Warnungen von Lauterbach, keine Entwarnungen:

"Die neue Variante B11529 heißt jetzt offiziell nach WHO 'Omicron'. Das Hauptmerkmal der Gefährlichkeit ist bisher die Reinfektion. Das könnte für Impfstoffe Problem werden. Ein Grund mehr für Boosterimpfung."

"Hauptmerkmal der Gefährlichkeit"? Am 27. November äußerte er folgende Gedanken auf Twitter:

"Es wäre wirklich ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk, wenn Omikron leichter verliefe. Bei so vielen Mutationen wäre es aber denkbar. Aber Vorsicht: was dagegen spricht: in SA sind nur 6% Ü65 alt. Deutschland ältestes Land Europa mit vielen chronisch Kranken."

"Denkbar", also wie so oft, kein Wissen. Am 30. November 2021 twitterte Lauterbach in einer Einschätzung: "Omikron macht Booster Impfung zu einem Muss", da "die meisten Mutationen Omikron das Spike Protein betreffen", so seine Original-Textaussage. Daher sei "wahrscheinlich, dass Impfungen viel weniger wirken". Klingt erneut irgendwie nicht nach "harmloser". 3. Dezember 2021 – die Hoffnung wird annähernd pulverisiert:

17. Dezember 2021, endlich eine bedeutsame Studie aus "UK", das ersehnte Comeback der Hoffnung? Lauterbach erklärt:

"Der angefügte neue NHS report zu Omikron in UK ist sehr bedeutsam. Er zeigt, erstmalig, dass es unwahrscheinlich ist, dass Omikron deutlich milder verläuft."

Am 18. Dezember weiterhin keine gute Nachrichten, bezüglich Omikron und drohenden "Unwahrscheinlichkeiten":

Ein weitere Passage aus dem aktuellen Interview bei Maischberger:

Lauterbach bezog diese Formulierung auf eine Schlagzeile der Bild vom 10. Februar 2022. Diese lautete:

"Hamburgs CDU-Chef: Lauterbach 'wird zum Angst-Minister'"

Am 20. Dezember 2021 war der Gesundheitsminister persönlich in der Bild-Redaktion. Im Anschluss lautete der Text zum Besuch des Ministers:

"Lauterbach warnt vor Omikron-Welle in Deutschland: 'Wir können nicht mit einem Tiger als Haustier leben'. Der neue Gesundheitsminister erklärt im BILD-Interview, wie ernst die Lage wirklich ist."

Jahreswechsel, Januar 2022. Eine Schlagzeile lautet:

"Lauterbach schlägt Alarm: 'Ich warne davor, Omikron zu unterschätzen'"

Der Text zum Video lautet: "Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sieht keinen Grund zur Entwarnung in der Corona-Pandemie. 'Ich warne davor, Omikron zu unterschätzen', sagte Lauterbach am Montag in Schwerin." Immer noch keine Entwarnung des "gut eingelesenen" Gesundheitsministers. Am 5. Februar muss er schon wieder seine 896.500 Follower auf Twitter enttäuschen, und zwar erheblich:

So demontiert sich ein Minister mit dem momentan wohl wichtigsten Amt in diesem Land vollkommen eigenständig zum Thema Glaubwürdigkeit. Etwas Recherche, wenige Klicks reichen aus, um zumindest zu belegen: Jede Aussage, jede These oder Ankündigung Lauterbachs sollte nicht umgehend als bedingungslose und unwiderrufliche Wahrheit verinnerlicht werden. Zum Ende des Gesprächs ehrliche Momente des Menschen Lauterbach:

"Systematisch abgearbeitet" werden muss auch weiterhin Lauterbach. Ein weiterer Gedankengang des Ministers in dem Interview lautete: "Die Welt wird nicht mehr so sein wie vor der Pandemie." Diese Aussage muss nicht gegengecheckt werden. Diesmal volle Zustimmung zu dieser Ankündigung oder These. Muss ja auch mal sein.

Mehr zum Thema - Lauterbach räumt ein: Intensivstationen waren nie überlastet

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