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Die USA könnten die Ukraine nicht verteidigen, selbst wenn sie wollten

Das Pentagon ist dabei, Optionen für Präsident Joe Biden vorzubereiten, für den Einsatz von US-Streitkräften an der Ostflanke der NATO. Damit soll Russland davon abgehalten werden, gegen die Ukraine vorzugehen oder die östlichsten NATO-Mitglieder Polen, Lettland, Estland und Litauen zu bedrohen.
Die USA könnten die Ukraine nicht verteidigen, selbst wenn sie wolltenQuelle: Gettyimages.ru © Anadolu Agency

Ein Kommentar von Scott Ritter

Rund 8.500 US-Soldaten wurden kürzlich in Bereitschaft versetzt, um für einen kurzfristig angelegten Einsatz in Europa bereit zu sein. Dies entspricht dem Kontingent der USA bei der schnellen Eingreiftruppe der NATO (NRF), einer multinationalen, 40.000 Mann starken Einheit, deren Auftrag es ist, auf Aggressionen gegen Mitgliedsländer schnell zu reagieren. Sollten die USA beabsichtigen mehr Kräfte in den Einsatz zu schicken, dann könnten sie zusätzlich einige Staffeln von Jagdflugzeugen der Air Force entsenden, zusammen mit einer schweren Panzerbrigade, deren Ausrüstung bereits in Polen lagert, sowie zusätzlichen Unterstützungstruppen. Die USA könnten außerdem noch 3.000 Soldaten der 82. Luftlandedivision entsenden, die mit der Aufgabe betraut ist, innerhalb von 18 Stunden überall auf dem Globus  auf Krisensituationen zu reagieren.

Jedoch könnten diese Truppen, selbst wenn man sie komplett zusammenziehen würde, einem potenziellen russischen Gegner nicht standhalten. Aus der einfachen Tatsache heraus, dass keine dieser Streitkräfte darauf trainiert ist, einen modernen Konflikt mit kombinierten Waffen zu führen, gegen einen Gegner der auf gleicher Augenhöhe auftritt. Das Aufstellen von Truppen und Ausrüstung auf einem Schlachtfeld ist der einfachere Teil. Es ist jedoch ungleich schwieriger, sie gemäß den geltenden militärischen Standards einzusetzen, und weitgehend unmöglich Kampfdoktrinen auszuführen, die man nicht mehr beherrscht.

Joe Biden könnte annehmen, dass er mit seinem Gerede über militärische Machtprojektion den harten Kerl spielt. Jedoch ist alles, was er damit tut, den absolut düsteren Zustand der Kampfbereitschaft zu unterstreichen, in dem sich das US-Militär nach 20 Jahren eines Konflikts von geringer Intensität, in der verlorenen Sache in Afghanistan, befindet. Der Zeitpunkt, 50.000 Soldaten nach Europa zu entsenden, war 2008 nach dem kurzen Krieg zwischen Russland und Georgien, oder 2014 nach der Krise rund um die Krim. Wenn sich 50.000 gut bewaffnete US-Truppen wieder auf die schwierige Aufgabe konzentriert hätten, einen länger dauernden Bodenkonflikt in Europa zu bestreiten, dann hätte sich Russland möglicherweise gezwungen gesehen, seine Optionen zu überdenken. Dass Biden diese Option jetzt in Betracht zieht, beweist nur: Die USA sind eine absteigende Supermacht, und der NATO fehlt sowohl Zielstrebigkeit als auch ein Antrieb.

Ein Schatten seiner selbst

 Was für einen Unterschied drei Jahrzehnte doch ausmachen können. 1990 bestanden die US-Streitkräfte in Europa (USAREUR) aus rund 213.000 kampfbereiten Soldaten, die in zwei Korps – das fünfte und das siebte – einer Berliner Brigade organisiert waren. Hinzu kam die 3. Brigade der 2. Panzerdivision, die in Norddeutschland zum Schutz des Hamburger Hafens stationiert war. Jedes Korps bestand aus einer Infanteriedivision, einer Panzerdivision und einem gepanzerten Regiment der mechanisierten Kavallerie. 

Durch den militärischen Plan mit dem Namen "Return of Forces to Germany" (REFORGER – Rückkehr der Streitkräfte nach Deutschland) konnte USAREUR innerhalb von 10 Tagen durch weitere drei mechanisierte Divisionen der Infanterie (eine davon aus Kanada) und zwei Panzerbrigaden verstärkt werden. Durch sie sollten das fünfte und das siebte Korps zu voller Stärke ausgestattet werden. Zudem war ein drittes Korps vorgesehen, das aus zwei Panzerdivisionen, einer mechanisierten Division der Infanterie, einem Regiment der mechanisierten Kavallerie und weiteren Truppen bestehen sollte.

Diese Streitkräfte wären auf vorgelagerte militärische Waffen- und Ausrüstungslager gestoßen, die auf dem Niveau einer ständigen Bereitschaft unterhalten wurden. Zusammen mit den Streitkräften in Europa und denen, die für den Einsatz vorgesehen waren, verfügte USAREUR insgesamt über eine Kampfkapazität von über 550.000 Soldaten, die dazu beitrugen, den Frieden während des langen Kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion aufrechtzuerhalten. Die UdSSR hatte ihrerseits rund 600.000 Soldaten in Osteuropa stationiert hatte, davon 338.000 allein in der ehemaligen DDR.

Die Schlagkraft der US-Streitkräfte zeigte sich 1991 im Krieg zur Befreiung Kuwaits von Saddam Husseins Soldaten. Die USAREUR entsandte das Kommando des siebten Korps, zusammen mit 75.000 Soldaten, 1.200 Panzer, 1.700 gepanzerte Kampffahrzeuge, mehr als 650 Artilleriegeschütze und mehr als 325 Flugzeuge zum Persischen Golf. Sie sollten die Operation Desert Shield/Desert Storm unterstützen. Ein Jahrzehnt intensiver kombinierter Ausbildung zur Unterstützung einer neuen kombinierten Kampf-Doktrin zu Land und zu Luft machte die USAREUR-Streitkräfte zu den kampffähigsten Einheiten dieser Operation. Sie halfen dabei, die viertgrößte Armee der Welt in einer nur 100 Stunden währenden Kampfoperation zu vernichten – eine Leistung die in modernen Zeiten ihresgleichen sucht.

Nachdem der Frieden in Europa bewahrt und ein Krieg im Nahen Osten gewonnen war, wurde die USAREUR jedoch kurzerhand auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. Im Jahr 1992, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, wurden etwa 70.000 Soldaten zurück in die Vereinigten Staaten verlegt. Dadurch schrumpfte die USAREUR bis Ende des Jahres auf etwa 122.000 Soldaten. 12 Monate später blieben nur noch rund 62.000 Soldaten in Europa. Der Kalte Krieg, so hieß es damals, sei vorbei, und es sei nicht mehr nötig, die Kosten für die Aufrechterhaltung einer Streitmacht in Europa zu tragen, da es mit der Auflösung des Warschauer Pakts und der Sowjetunion nie wieder einen großen und großräumigen Bodenkrieg in Europa geben würde. Im Jahr 2008 wurde das letzte verbliebene Kommando auf der Ebene eines Korps, das Fünfte, als die am wenigsten kampfstärkste Einheit innerhalb des gesamten US-Militärs eingestuft.

Was der Affe sieht, macht der Affe nach

Die USA waren jedoch nicht die einzige Macht innerhalb der NATO, die in der Ära nach dem Kalten Krieg Kostensenkungen anstrebte. 1988 – ein Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer – prüfte die Bundeswehr einen Umstrukturierungsplan. Dieser sah vor, ihre 12 Divisionen mit 48 Brigaden zwar beizubehalten, aber die Besatzungsstärke von 95 Prozent auf eine "Kaderstruktur" von lediglich 50-70 Prozent zu reduzieren. Allein durch die Mobilisierung von Reserven sollten sie im Ernstfall zu voller Stärke gebracht werden. Bis 2020 wurde die Bundeswehr, die inzwischen einem geeinten Staat diente, auf etwas mehr als 60.000 Soldaten reduziert. Sie ist nun in zwei Panzerdivisionen mit sechs Brigaden und einer Division für den schnellen Einsatz mit zwei Brigaden organisiert ist. Aber selbst diese reduzierte Zahl ist irreführend. Um eine kampffähige Panzertruppe in der Größe eines Battaillons im Rahmen des "Kampfgruppen"-Konzepts der NATO ins Baltikum zu entsenden, muss Deutschland seine bestehende Panzertruppe kannibalisieren. Denn die BRD ist heute nicht in der Lage, auf die Schnelle auch nur eine einzige Panzerbrigade aus seinen Kasernen zu mobilisieren.

1988 bestand die britische Rheinarmee (BAOR), die das NATO-Kontingent des Vereinigten Königreichs in Europa stellte, aus rund 55.000 Soldaten. Sie waren in einem einzigen Panzerkorps organisiert, das aus drei Panzerdivisionen mit acht Brigaden und Unterstützungseinheiten bestand. Bis 2021 sank die Zahl der Truppen im gesamten britischen Militär auf lediglich 72.500 Soldaten, ohne dabei Truppen auf dem europäischen Festland stationiert zu haben. Außerdem können die Briten derzeit nur zwei Panzerbrigaden aufstellen, von denen nur eine kurzfristig in der Lage wäre, Kampfkraft in nennenswerter Weise auf europäischen Boden zu verlegen.

So gut wie alle Streitkräfte innerhalb der NATO haben ähnliche Kürzungen erfahren. Und mit dem Rückgang der Mannschaftsstärken, ging eine Reduzierung beim Training einher, sowohl in Bezug auf den Umfang als auch auf die Aufgabenstellungen. Während REFORGER früher ihre Soldaten auf Gefechte in Divisionsstärke vorbereitete – wobei eine Doktrin verwendet wurde, die auf den Einsatz von Operationen mit kombinierten Waffengattungen ausgerichtet war –, führt die NATO heute Trainings in Bataillons- und Brigadestärke durch. Denn man hat sich auf Konflikte von geringer Intensität und auf "Operationen außerhalb von Krieg" konzentriert, also Friedenssicherung, Katastrophenschutz usw. Die NATO kann heute keinen Einsatz auf der Ebene eines Korps führen. Selbst wenn sie über eine funktionierende Einheit in der Größe eines Korps verfügen würde, die für solch ein Training geeignet wäre. Tatsache ist, dass die NATO nur noch ein Schatten seiner selbst ist, militärisch kastriert und unfähig, Kampfstärke in irgendeiner sinnvollen Weise zu projizieren.

Natürlich war die NATO nicht die einzige europäische Militärorganisation, die einer Reduzierung und Umstrukturierung unterzogen wurde. Mit der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 lag das russische Militär in Trümmern. 1988 umfasste das sowjetische Heer etwa 5,5 Millionen Soldaten, 1998 war diese Zahl auf rund 1,5 Millionen gesunken. Einst dafür konzipiert, die NATO zu besiegen und Westeuropa zu besetzen, war die russische Armee 1998 nicht mal mehr in der Lage, mittlere oder große Militärübungen durchzuführen. Sie hatte im Kampf in Tschetschenien schlecht abgeschnitten, und ihre interne Reorganisation wurde dermaßen schlecht auf den Weg gebracht, dass ihre Fähigkeit, Kampfstärke zu projizieren, praktisch bei Null lag.

Im Jahr 2000 begannen sich die Dinge jedoch zu ändern. Präsident Wladimir Putin gab dem russischen Militär das Gefühl von Zielstrebigkeit und Disziplin zurück. Putin wurde dabei teilweise durch die Osterweiterung der NATO angetrieben. Denn trotz des Versprechens an den ehemaligen sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow, die NATO würde sich im Falle einer deutschen Wiedervereinigung nicht "einen Zoll" nach Osten bewegen, nahm das Militärbündnis nicht nur ehemalige Staaten des Warschauer Pakts in seine Reihen auf, sondern auch ehemalige Sowjetrepubliken.

Die russische Armee besiegte schließlich die Rebellion im zweiten Tschetschenienkrieg – etwas, das das US-Militär und die NATO in 20 Jahren in Afghanistan nicht vollbringen konnten. Und die russische Armee hat sowohl 2008, im kurzen Krieg zwischen Russland und Georgien, als auch 2014 bei der Intervention auf der Krim gute Leistungen gezeigt. Vor allem als Reaktion auf die Osterweiterung der NATO reformierte Russland zwei Militärformationen aus der Zeit des Kalten Krieges – die 1. Gardepanzerarmee und die 20. Gardearmee kombinierter Waffen. Diese haben sich auf die Art mobiler und groß angelegter kombinierter Waffenoperationen des US-Militärs spezialisiert, welche die NATO inzwischen verlernt hat zu kämpfen.

Sich aus einem Kampf herauswinden

Ohne über die russischen Absichten spekulieren zu wollen, ist die Realität nun mal die, dass die russische Aufrüstung in den westlichen und südlichen Militärbezirken, in Kombination mit der Stationierung mobiler Streitkräfte in Weißrussland, eine Projektion militärischer Macht darstellt, die nicht nur mehr als fähig wäre, die Ukraine militärisch zu besiegen, sondern auch jene Streitkräfte der NATO, die derzeit an der Ostflanke des Bündnisses stationiert sind. Die Chancen auf einen solchen Krieg im konventionellen Stil mögen zwar äußerst gering sein. Aber es besteht kein Zweifel, wer hier im Vorteil wäre. 

Nachdem man sich jahrelang wie ein Teenager benommen hat, der im Keller des Hauses seiner Mutter Schattenboxen übte und die Fantasie auslebte, den Ivan Drago wie im Film "Rocky" von 1985 zu bezwingen, sehen sich die USA und die NATO nun mit einer Realität konfrontiert, die sie selbst geschaffen haben. Nachdem das transatlantische Bündnis einen Streit mit Russland begonnen hat – in dem Glauben, der Gegner sei nicht stark genug, um den Fehdehandschuh aufzunehmen –, wird man nun mit der Realität konfrontiert: Ivan Drago lebt, ist putzmunter, und steht im Ring, bereit zu kämpfen.

Auf der Leinwand war Rocky ein unterhaltsamer Film mit einem – wenn Sie Amerikaner sind – befriedigenden Ende. In der modernen "Neuverfilmung", die Joe Biden und der NATO vorschwebt, ist Rocky Balboa kaum mehr als eine entfernte Gestalt in ihrer kollektiven Vorstellungskraft. Anstatt in den Ring zu steigen und sich der Herausforderung zu stellen, können sich die USA und die NATO nur noch weiter winden und hoffen, dass Russland irgendwie auf deren Bluff hereinfällt – und sich einem Machtanspruch beugt, der einfach nicht mehr existiert.

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Scott Ritter

ist ein ehemaliger Geheimdienstoffizier des US Marine Corps. Er diente in der Sowjetunion als Inspektor bei der Umsetzung des INF-Vertrags, im Stab von General Schwarzkopf während des Golfkriegs und von 1991-1998 als UN-Waffeninspektor. Man kann ihm auf Twitter unter @RealScottRitter folgen.

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