Meinung

War Chinas WTO-Beitritt vor 20 Jahren der Beginn des Selbstmords des Westens?

Vor 20 Jahren wurde China Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO). Die USA hatten erwartet, dass Pekings Beitritt zur Organisation den Übergang zu Marktwirtschaft und Demokratie in China beschleunigen würde. Der Plan ist jedoch nicht ganz aufgegangen.
War Chinas WTO-Beitritt vor 20 Jahren der Beginn des Selbstmords des Westens?Quelle: www.globallookpress.com © Fang Zhe

Ein Kommentar von Tom Fowdy

Der Beitritt Chinas zur WTO wurde substanziell von den Vereinigten Staaten unterstützt und von Peking als Meilenstein auf dem Weg zu seinen Reformen, der Öffnung nach außen und der Integration in die globale Weltgemeinschaft gefeiert. Der damalige US-Präsident Bill Clinton lobte den Beitritt als "einen historischen Schritt hin zu anhaltendem Wohlstand in Amerika, zu Reformen in China und zum Frieden in der Welt. Chinas Beitritt zur WTO wird Amerika neue Türen zum Handel und zu neuen Hoffnungen auf Veränderungen in China öffnen". Doch zwei Jahrzehnte später könnte die Ernüchterung nicht größer sein.

Chinas Beitritt zur Institution wird heute von amerikanischen Politikern offen als ein entscheidendes strategisches Versagen der USA beklagt. Sie argumentieren, dass westlichen Arbeitsplätzen und dem verarbeitenden Gewerbe ein Hammerschlag versetzt worden sei, indem man Peking erlaubt habe, sich mit seinen zahllosen und billigen Arbeitskräften an weltweit festgelegten Zöllen und Handelsregeln zu beteiligen. Die Verlagerung von Arbeitskraft und Produktion nach Osten habe China in das verwandelt, was es heute ist: ein globaler Sattelschlepper und ein industrielles Kraftpaket.

Es ist somit kein Wunder, dass Amerikas Handelspolitik in der Folge begann, torkelnd den Rückzug anzutreten. Freihandel gilt heute in weiten politischen Kreisen als schlecht, amerikanische Arbeitsplätze gilt es zu bevorzugen, und Richtlinien, wie das Importverbot für alle in Xinjiang hergestellten Produkte und die schwarze Liste chinesischer Unternehmen, bestimmen den Tag.

Der Glaube, dass China die USA auf dem Feld des Handels umfassend geschlagen hat, ist im Westen zu einem Mainstream-Konsens geworden. Der Wirtschaftsredakteur der BBC, Faisal Islam, veröffentlichte kürzlich einen Artikel mit dem Titel "Wie der Westen China zum Mittagessen einlud", der in analytischer Tiefe untersucht, was seit diesem schicksalhaften Tag im Dezember 2001 passiert ist. Während die BBC aus Prinzip gegenüber China voreingenommen ist, ist Faisal Islam ein respektabler Journalist, der weiß, was Sache ist. Aber treffen seine Behauptungen zu?

Was in dieser Geschichte oft übersehen wird, ist, dass sie lange vor 2001 begann und darauf zurückgeht, dass China jahrzehntelang ein "klaffendes Loch" in der Weltwirtschaft darstellte. China war die bevölkerungsreichste Nation der Welt, aber das revolutionäre Gefüge des Maoismus hatte ein geschlossenes, staatlich dominiertes System initiiert. Zudem hatte sich China vom Westen entfremdet und befand sich in einem Zustand des Konflikts mit ihm.

In Maos späteren Jahren sahen die Vereinigten Staaten eine Gelegenheit, Peking als Gegengewicht zur Sowjetunion aufzubauen, beginnend mit Nixons berühmtem Besuch in China im Jahre 1972. Dieser Besuch legte den Grundstein für "Chinas Öffnung" nach Maos Tod im Jahr 1976, angeführt von seinem Nachfolger Deng Xiaoping.

Durch die Förderung dieses Prozesses wuchs in Washington die Überzeugung, dass China auf einem unvermeidlichen Weg der politischen Liberalisierung sei und dass Kapitalismus und Wirtschaft ein wesentlicher Bestandteil dieser Transformation seien. Ideologisch wurde davon ausgegangen, dass Reichtum die Bedingungen schaffen würde, in denen nach mehr Freiheit gefordert wird, so wie es in den autoritären, rechtsgerichteten asiatischen Staaten wie Südkorea, Taiwan oder Singapur geschehen war, die von den USA während des Kalten Krieges gepflegt wurden. Geld nach China zu pumpen, galt für den Westen sowohl politisch als auch wirtschaftlich als ein großes Versprechen auf ein Eldorado. Die Öffnung von Chinas "sozialistischer Marktwirtschaft" bot nicht nur billige Produktion, sondern auch einen Binnenmarkt mit einem riesigen Potenzial.

Durch diesen Prozess wurde China zum Grundpfeiler der modernen Globalisierung und einer neuen Wirtschaftsstruktur nach dem Kalten Krieg, die sich in den 1980er Jahren in einen neoliberalen, marktwirtschaftlichen Fundamentalismus verwandelte. Die Aushöhlung der Industrie und des verarbeitenden Gewerbes war im Westen eine bewusst betriebene Politik und es war somit nicht China, das irgendetwas "gestohlen" hat. Margaret Thatcher und Ronald Reagan waren die beiden maßgeblichen Treiber dieser Schritte, weil sie glaubten, dass protektionistische Politik, steigende Inflation und ungemütliche Gewerkschaften für die Entwicklung der Wirtschaft katastrophal seien und dass die Tugenden des freien Marktes allen Wohlstand bringen würden.

Ironischerweise wurde das kommunistische China der größte Nutznießer dieser Entwicklung und die Befürworter dieses Prozesses hätten sich nie ausmalen können, dass westliche Unternehmen China als wichtigeren Absatzmarkt betrachten würden als ihren eigenen heimatlichen. Das Jahr 2001 war nur ein Meilenstein in der Entwicklung, nicht der Startschuss.

Aber bedeutet das, dass China "aus dem Futtertrog des Westens gegessen hat"? Seit Amtsantritt der Administration von Trump wird Pekings Aufstieg häufig als Nullsummenspiel dargestellt, das China auf Kosten jener Länder gewinnt, mit denen es Geschäfte macht – aber diese Sichtweise ist irreführend. Die Eingliederung Chinas in die Weltwirtschaft brachte westlichen Unternehmen Milliardenverträge ein, die man anderswo nicht hätte bekommen können. Es wird behauptet, dass Chinas "Subventionen für die eigene Industrie" den westlichen Markt untergraben haben, während es in Wirklichkeit westliche Unternehmen waren, die in China investierten, um billig in den Westen zu exportieren.

Darüber hinaus hat Chinas Beitritt zur WTO den größten Exportmarkt der Welt erschlossen, neue Quellen für ausländische Direktinvestitionen geschaffen, die Preise und die Inflation niedrig gehalten, den westlichen Konsumboom gedeihen lassen und indirekt den Zustrom chinesischer Touristen und Studenten im Westen angekurbelt. Zu behaupten, China habe Geld aus dem Westen "abgesaugt", ist eine Fehlinterpretation der Geschichte. China nahm einfach seinen natürlichen Platz in der Weltwirtschaft ein, den es traditionell schon immer hatte, aber durch jahrzehntelange Isolation, Instabilität, Armut und Konflikte ausgeschlossen blieb.

Nun gibt es im Westen nicht wenige, die das Rad der Zeit zurückdrehen wollen, Arbeitsplätze zurück nach Hause holen und irgendwie ihre alte Konkurrenzfähigkeit wiederherstellen, aber dies verstößt gegen die Gesetze der Ökonomie und der Marktrealitäten. Es liegt in der Natur des Kapitalismus, stets zum größten Markt hinzustreben, hin zur größten Nachfrage und dem effizientesten Angebot. Das hat nichts mit "Betrug und Diebstahl durch die KP Chinas" zu tun, wie es häufig und ignorant behauptet wird.

Daher ist es kein Wunder, dass Peking, 20 Jahre nach dem Beitritt Chinas zur WTO, zum größten Verfechter des multilateralen Freihandels und der wirtschaftlichen Offenheit geworden ist, während die USA auf Protektionismus, böswillige Verleumdung und schädliche Wettbewerbspraktiken zurückgreifen. Ein Markt von 1,4 Milliarden Konsumenten, der in seinem Konsumpotenzial noch nicht einmal seinen Höhepunkt erreicht hat, wird immer mehr Schlagkraft besitzen als ein Markt mit lediglich 320 Millionen Menschen.

Ironischerweise sind es die Vereinigten Staaten, die mit dem Finger auf die bestehende Ordnung im Welthandel zeigen und gegen das globale neoliberale System, das sie selbst etabliert haben. Hat China somit wirklich aus dem Futtertrog des Westens gegessen? Nein, hat es nicht. Aber China speiste sicherlich an jenem Tisch, den die USA und ihre Verbündeten für das Land gedeckt hatten.

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Übersetzt aus dem Englischen.

Tom Fowdy ist ein britischer Autor und Analytiker für Politik und internationale Beziehungen mit Schwerpunkt Ostasien. Er twittert unter @Tom_Fowdy

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