Meinung

Keine Vernunft, kein Mut: Das Omikron-Dilemma

Jetzt sieht es so aus, als würden die Antreiber der Corona-Maßnahmen sich in ihren eigenen Stricken verfangen. Mit Omikron könnten Quarantänen zu echten Ausfällen führen. Aber die Reaktion darauf löst das Problem nicht.
Keine Vernunft, kein Mut: Das Omikron-DilemmaQuelle: www.globallookpress.com © Martin Wagner via www.imago-imag

von Dagmar Henn

Kurz vor Weihnachten wurden mit Blick auf die neue Virusvariante Omikron die Maßnahmenkataloge wieder verschärft. Die aktuelle Berliner Verordnung geht sogar so weit, für private Treffen zu erklären, die Beteiligten seien "angehalten", eine medizinische Maske zu tragen, sofern der Mindestabstand nicht gewahrt bleibt. Da kann man sich nur noch damit trösten, dass für den maskenlosen Verzehr des festtäglichen Gänsebratens noch keine Bußgelder verhängt wurden.

Omikron ist so gefährlich, lauteten die Erklärungen, dass weitere Verschärfungen sein müssten. Ihr folgte die Besorgnis, was denn los wäre, müsste wirklich ein nennenswerter Anteil der Beschäftigten in Quarantäne. Bei der Feuerwehr zum Beispiel.

Erstaunlich, dass man sich jetzt erst Gedanken darüber machte. Das bedeutet nämlich, dass bisher gar keine echte Infektionswelle erwartet wurde, wie beispielsweise bei einer starken Grippewelle, und erst im Gefolge von Omikron irgendwer darüber nachdenkt, welche Teile der Infrastruktur besser nicht ausfallen sollten. Nur dass es nicht um die Sorge geht, es könnten so viele tatsächlich arbeitsunfähig erkranken – nein, das Problem ist die Quarantäne. Hausgemacht, sozusagen.

Klar, die Omikron-Variante ist ansteckender. Die berühmte Inzidenz liegt in London, wo diese Variante vorherrscht, inzwischen bei fast 1.700, das ist tatsächlich eine Positivrate von fast zwei Prozent. Großbritannien ist aber bei den Maßnahmen wesentlich lockerer, was gleichzeitig bedeutet, es wird weniger getestet, wodurch zwangsläufig weniger positive Testergebnisse zu Buche schlagen. In Deutschland aber wird getestet, bis der Arzt kommt. Zumindest bei Nicht-Geimpften und Kindern.

Nun sind die aktuellen Quarantäneregeln eine Art Dominospiel. Zu einer Person mit einem positiven Testergebnis (was bekanntlich weder besagt, dass diese Person Symptome aufweist, noch, dass sie tatsächlich erkrankt ist) kommen noch weitere, die als Kontaktpersonen ebenfalls in Quarantäne müssen. Und damit zumindest bis zum Eintreffen eines negativen PCR-Tests ausfallen. Was dauern kann. In Berlin sowieso, aber inzwischen auch andernorts, weil natürlich wieder niemand mit einer steigenden Nachfrage gerechnet hat.

Das Rechnen scheint nun einmal so ein Ding zu sein. Die Londoner Inzidenz würde, bei nur je einer Kontaktperson pro Betroffenem, hierzulande auf einen Schlag vier Prozent der Bürger aus dem Verkehr ziehen. Bei der Menge an Schnelltests, die in Deutschland täglich anfallen (schließlich brauchen Nicht-Geimpfte sogar zum Busfahren einen), wäre aber bei einer identischen realen Verbreitung der Virusvariante mit wesentlich mehr positiven Testergebnissen zu rechnen, selbst ohne die schon von einer Tasse Kaffee ausgelösten falsch positiven Schnelltestergebnisse.

Oh, mögen jetzt einige denken, das kann kritisch werden. Ein Bremer Epidemiologe, Hajo Zeeb, fordert Erleichterungen, und selbst der bayrische Ministerpräsident Markus Söder, der sonst gern bei Verschärfungen die Nase vorn hat, scheint kalte Füße zu bekommen und fordert, die Quarantäne-Regeln zu überprüfen.

Die Briten führen täglich etwa 1,5 Millionen Tests durch, davon knapp 600.000 PCR-Tests. Von diesen PCR-Tests sind zurzeit täglich 98.000 positiv, also ungefähr jeder sechste. In Deutschland liegt nicht nur die Zahl der PCR-Tests deutlich höher, nämlich in den letzten sicher vollständig übermittelten Kalenderwochen 47 und 48 bei zwei Millionen. Auch der Anteil positiver Testergebnisse liegt über dem in Großbritannien, nämlich bei etwa 20 Prozent.

Wie viele der positiv getesteten Personen tatsächlich krank sind, wird bekanntlich nicht erfasst. Wie viele Menschen in Quarantäne sind, ebenfalls nicht. Es sind mindestens so viele, wie positiv getestet wurden. Das wären bei 20 Prozent von zwei Millionen 400.000 Personen. Wenn zu jedem noch eine weitere Person hinzukommt, wären es schon 800.000. Das ist rund ein Prozent der Gesamtbevölkerung.

Dummerweise verteilen sich die Tests nicht gleichmäßig über alle Altersstufen. Es gibt ein Maximum bei Schulkindern, und ein weiteres zwischen 25 und 60, also in der Altersgruppe, in der die meisten arbeiten. Die über 60-jährigen werden vergleichsweise selten getestet. Logisch – wer nicht mehr zur Arbeit muss, braucht keine täglichen Tests, selbst wenn er nicht geimpft ist.

Beide Maxima haben natürlich eine Rückwirkung auf den arbeitenden Teil der Bevölkerung. Wenn Kinder in Quarantäne müssen, ist mindestens ein Elternteil mit dabei. Und wenn ein großer Teil der selbst positiv Getesteten genau im erwerbsfähigen Alter ist, dann gilt das natürlich auch für diejenigen, die in Quarantäne sitzen.

Nehmen wir einmal an, von den geschätzten 800.000 Personen in Quarantäne wären 500.000 aus dieser Altersgruppe. Das ist der Wert, der sich bei der augenblicklichen Inzidenz in Deutschland von 215 ergibt. In London liegt die Inzidenz zurzeit bei über 1.600. Das entspräche dem Achtfachen des deutschen Wertes, oder vier Millionen Menschen aus der Erwerbsbevölkerung. Da wundert man sich nicht mehr, dass sich manche Sorgen über Ausfälle machen, selbst wenn ein Teil dieser Bedenken womöglich dazu dient, jene Ausfälle zu überdecken, die schon durch die Strafregeln gegen Nicht-Geimpfte eingetreten sind (wir erinnern uns an die Ausfälle im Nahverkehr mehrerer Großstädte). Die gesamte deutsche Erwerbsbevölkerung liegt bei 46 Millionen; damit würden wir uns dem Ausfall eines Zehntels dieser Personengruppe nähern.

Das Problem scheint also real. Aber was sind die Lösungsvorschläge? Söder hat sich nicht genauer geäußert; die Vorschläge des Bremer Virologen allerdings dürften wenig bewirken. Er meint nämlich, man solle Geimpfte und Genesene vor Ablauf von 14 Tagen aus der Quarantäne entlassen, sofern sie einen negativen PCR-Test hätten. Davon erwartet er sich eine Reduzierung des Risikos für die kritische Infrastruktur.

Allerdings sind es überwiegend Nicht-Geimpfte, die ständig schnellgetestet werden, weshalb auch die Kundschaft der PCR-Tests in der relevanten Altersgruppe vor allem aus Nicht-Geimpften bestehen dürfte. Von den getesteten Geimpften wiederum dürfte ein wesentlich höherer Anteil tatsächlich mit Symptomen erkrankt sein als von den Nicht-Geimpften, weil fast nur im Falle einer Erkrankung die Notwendigkeit eines PCR-Tests besteht. Mit viel Glück würde Zeeb mit seinem Vorschlag die Hälfte der Geimpften und Genesenen wieder aus der Quarantäne holen – immer vorausgesetzt, die Testlabore arbeiten schnell. Aber der große Teil der Betroffenen bleibt in Quarantäne.

Wenn jeder Zehnte, der hierzulande arbeitet, gleich in welcher Branche, für zwei Wochen mal eben aus dem Verkehr gezogen wird, dann wird sich das definitiv bemerkbar machen. Nur – um das Problem zu lösen, bräuchte es andere Ideen. Eine davon wäre, nur jene in Quarantäne zu schicken, die tatsächlich Symptome haben, oder deren PCR-Wert bei 25 Vermehrungszyklen positiv ist, nicht erst bei 30. Aber das würde zum einen bedeuten, dass jemand das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Symptomen feststellen muss, oder dass man bei den PCR-Tests endlich für verlässliche Werte sorgt. Das ist allein deshalb schwierig, weil es die bisher getroffenen Maßnahmen in Frage stellt.

Man könnte natürlich auch alles so lassen, wie es gerade ist, den rein dekorativen Vorschlägen des Herrn Zeeb folgen und dann, wenn wirklich die befürchteten Ausfälle eintreten, alles auf die Nicht-Geimpften schieben. Das würde mit den bisherigen Erfahrungen übereinstimmen.

Oder man könnte einen weiteren Blick auf die Londoner Zahlen werfen, mit der erschreckenden Inzidenz von über 1.600, sowie auf die Zahl der Todesfälle. Und würde feststellen, dass die Zahl der positiven Testergebnisse zwar stetig steigt, auf Werte, die wir in Deutschland noch nie gesehen haben, die der Todesfälle aber gleich bleibt: bei Null. Und dann, unter Schutzmaßnahmen für die Hochbetagten, sofern diese das wollen, einfach abwarten, bis Omikron sein Werk getan hat. Aber das würde nicht nur Vernunft erfordern, sondern angesichts des bisher Erlebten ausnehmend viel Mut. Der jedoch dürfte sich in unserer politischen Landschaft nicht finden.

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