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Drogen-Dorado Afghanistan – In den 20 Jahren NATO-Besatzung erblühte der Mohn wie nie zuvor

Indische Sicherheitskräfte beschlagnahmen zwei Container voller Heroin im Wert von 2,72 Milliarden US-Dollar. Zwei afghanische Staatsbürger seien festgenommen worden. Die Nachricht wirft ein Schlaglicht auf den größten Drogenskandal der vergangenen zwanzig Jahre: Afghanistan unter NATO-Besatzung.
Drogen-Dorado Afghanistan –  In den 20 Jahren NATO-Besatzung erblühte der Mohn wie nie zuvorQuelle: www.globallookpress.com © Mohammad Jan Aria / XinHua

von Maria Müller

Indische Sicherheitskräfte beschlagnahmten am 21. September in der Hafenstadt Mundra zwei Container voller Heroin im Wert von 2,72 Milliarden US-Dollar. Zwei afghanische Staatsbürger seien festgenommen worden. Die Nachricht wirft ein Schlaglicht auf den größten Drogenskandal der vergangenen zwanzig Jahre: Ein armes Land am Hindukusch entwickelt sich unter den Augen der NATO-Besatzung zum weltweit größten illegalen Opiatlieferanten.

Die USA gaben in 15 Jahren fast 9 Milliarden Dollar für ihre widersprüchlichen Drogenbekämpfungsprogramme in Afghanistan aus, doch das Land produziert mittlerweile mehr als 80 Prozent des weltweiten Heroinangebots. Während der Pandemie seit 2020 wuchs der afghanische Schlafmohnanbau nochmals um mehr als ein Drittel.

Die Taliban verboten im Jahr 2000 den Anbau der Drogenpflanze, doch sie mussten vor dem heftigen Widerstand der Landbevölkerung zurückweichen. Zu diesem Zeitpunkt schrumpften die Anbauflächen auf wenige hundert Hektar. Seit der Invasion durch die NATO-Armeen wuchs die Produktion bis auf 224.000 Hektar Land erneut an (Jahr 2020), verglichen mit 123.000 Hektar im Jahr 2010, so die Vereinten Nationen. Sowohl die Taliban als auch die NATO-Invasionstruppen nutzten die enorme Finanzquelle für ihre Kriegsführung. Zu diesem Schluss kommen zahlreiche Analytiker, wie auch Peter Dale Scott in seiner Arbeit "Opium, CIA und die Regierung Karzai".

Der US-Drogenkrieg in Afghanistan

Der US-Drogenkrieg verwandelte sich in eine lukrative Komplizenschaft der Besatzer mit afghanischen Drogenbaronen und lokalen Kriegsherren, die im Gegenzug politische und militärische Loyalität versprachen. Das Netz von Provinzmächtigen, die Afghanistan für die NATO unter Kontrolle halten sollten, erwies sich jedoch oft als trügerisch, denn sie verständigten sich häufig auch mit den Taliban. Diese Personen fungierten als lokale Verbündete der USA und der NATO und waren daher weitgehend vor Vergeltung oder Verhaftung wegen Drogenhandels geschützt.

Insgesamt schien das Grundprinzip der NATO-Politik in Afghanistan darin bestanden zu haben, Gefolgschaft möglichst einzukaufen. Mit Dollarscheinen gefüllte Koffer auf den Tisch zu stellen sollte zum Ausdruck bringen: "Wir sind hier, wir meinen es ernst, wir zahlen."

Die Präsidenten des Landes: Korruption und Drogenhandel

Wenn der frühere Präsident Hamid Karzai (2004–2014) in wohlklingenden Reden tönte "Entweder Afghanistan zerstört das Opium, oder das Opium zerstört Afghanistan", so ist das nur ein gelungenes Beispiel seiner doppelzüngigen Diplomatie. Mit der Unterstützung der CIA machte der von den USA eingesetzte Präsident seinen jüngeren Bruder Ahmed Wali Karzai zum De-facto-Vizekönig von Kandahar und Südafghanistan – und zum Chef des massiven afghanischen Heroinhandels.

Die US-Drogenbehörde DEA hat wiederholt Beweise für die führende Rolle von Ahmed Wali Karzai im afghanischen Drogenhandel gefunden. In einem Fall entdeckten amerikanische Ermittler Verbindungen zwischen einem Lastwagen mit 110 Pfund Heroin und einem Vermittler von Ahmed Wali Karzai. Das Weiße Haus verweigerte der DEA jegliche Maßnahmen gegen Karzai, der auf der Gehaltsliste der CIA stand.

Weitere große Drogenhändler in Afghanistan und gleichzeitige Gehaltsempfänger der CIA waren Haji Juma Khan und Haji Bazhar Noorzay. Sie sollen beide auch al-Qaida unterstützt haben. Besonders Khan habe dank seiner guten Beziehungen zu den USA ein illegales Export-Netzwerk nach Europa, Asien und in den Nahen Osten aufbauen können. Beide Händler waren gleichzeitig US-Spione. Vor allem Khan soll eine große Menge Geld von den USA erhalten haben.

Der aktuelle Ex-Präsident Afghanistans, Aschraf Ghani (2016–2021), macht keine Ausnahme. Er galt seit Beginn seiner Amtszeit als besonders korrupt. Laut Dutzenden von Presseberichten floh Ghani am 15. August vor den Taliban mit vier Personenwagen voller Geldscheine zum Flughafen. Sein Hubschrauber konnte die Massen der Scheine nicht fassen, eine Million Dollar soll auf das Rollfeld gefallen sein. Am 18. August berichtete die Tagesschau, der afghanische Botschafter in Tadschikistan habe Ghani des Diebstahls von 144 Millionen Euro beschuldigt.

"Er werde bei Interpol einen Antrag auf Festnahme Ghanis stellen, kündigte Mohammed Sahir Aghbar bei einer Pressekonferenz an", so die Nachricht. Demnach soll es sich um Teile der Staatskasse handeln.

Auch die russische Botschaft in Kabul bestätigte diese Information. Nach seiner Ankunft im Exil in den Vereinigten Arabischen Emiraten dementierte Ghani die Meldung. Er werde sich jeder unabhängigen Untersuchung stellen, versicherte er am 8. September in einer schriftlichen Erklärung, die im Tagesspiegel veröffentlicht wurde.

Bargeld in Millionenhöhe außerhalb des Bankensystems lässt kaum einen anderen Schluss zu: Es stammt aus illegalen Geschäften, die nicht offiziell deklariert werden konnten, darunter auch mit höchster Wahrscheinlichkeit Drogengeschäfte.

Die NATO-Soldaten schützten Mohnfelder

NATO-Streitkräfte bewachten Mohnfelder und Mohnanbau unter dem Deckmantel der Aufstandsbekämpfung. Das politische Narrativ lautete, man könne nicht die Lebensgrundlage der Landbevölkerung zerstören, denn sie sei auf den Opiumhandel angewiesen. Außerdem gehe es darum, die Loyalität der Menschen in den Anbaugebieten für die Besatzungstruppen zu gewinnen, um zu verhindern, dass sie zu den Taliban überlaufen.

Der offene militärische Schutz von Mohnfeldern ist nur über das materielle Eigeninteresse zu erklären und dürfte kein Geheimnis gewesen sein. Erst recht nicht, wenn das Feld direkt vor einer Militärbasis liegt wie auf dem folgenden Foto.

Eindrucksvolle Fotos belegen diese "Schutzmaßnahmen" für den Drogenhandel, wie hier:

Man sieht Soldaten auf Patrouille zum Schutz eines Mohnfeldes. Ähnliche Fotos wurden auf einer dem US-Militär nahestehenden Webseite veröffentlicht. Obgleich auch hier NATO-Soldaten identifiziert sind, die an Mohnfeldern entlang patrouillieren, werden die Szenen als Beispiele für erfolgreiche Maßnahmen des Drogenkrieges dargestellt. In Wahrheit schützten sie den Anbau ihrer Verbündeten und zerstörten die Felder der Konkurrenten. Die größten Anbaugebiete im Süden Afghanistans, die der Präsidentenbruder Wali Ahmed Karzai kontrollierte, blieben generell von Drogenbekämpfungsmaßnahmen verschont.

Die Bedeutung des Drogengeldes für das Finanzsystem

Der Geldfluss, den der Drogenhandel in Afghanistan und anderswo schafft, wird meist unterschätzt. Er bedient den drittgrößten globalen Markt in Bargeldform, nach dem Öl- und Waffenhandel. Hierbei nehmen die USA und ihr Bankensystem eine zentrale Rolle ein. Schätzungsweise 500 Milliarden bis eine Billion US-Dollar werden jedes Jahr weltweit gewaschen, wobei etwa die Hälfte dieses Betrags durch die Banken der Vereinigten Staaten zieht. Aber auch deutsche Banken sind darin verstrickt. Ein Großteil davon fließt in die Volkswirtschaften des Westens, wo sie als lebenswichtiges Element des Cashflows in den USA und Europa recycelt werden.

Laut Schätzungen des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung sowie des IWF macht die organisierte Kriminalität etwa 3 bis 5 Prozent des globalen BIP aus. Sie ist eine der größten Wachstumsfaktoren im neoliberalen Kapitalismus. Gut 95 Prozent der Gewinne aus dem internationalen Drogenhandel werden mittels der Banken in den Verbraucherstaaten gewaschen. David Malone, Autor des Buches "Die Schuldengeneration", schrieb:

"Es gibt eine symbiotische Beziehung zwischen dem regulären Bereich und dem kriminellen Bereich des Finanzsystems."

Drogenhandel – für die NATO nur ein Kavaliersdelikt?

Erstaunlich, dass sich kein Justiz- oder Regierungssprecher eines NATO-Staates bislang kritisch zu den Geldkoffern des Ex-Präsidenten Ghani äußerte und Untersuchungen forderte. Es geht immerhin um die Frage, ob der hochrangigste Vertraute und allererste Mitarbeiter der NATO-Staaten in Afghanistan Handlungen ausführte, die nach internationalem Recht als kriminell eingestuft werden und strafbar sind. Mehr noch: Ihr Ausmaß – nach den Geldmassen zu urteilen – war so groß, dass er dies nur mit Hilfe einer organisierten Infrastruktur bewältigen konnte.

Die gleichen Fragen hätten bereits im Fall des vorherigen Präsidenten Afghanistans, Hamid Karzai, und dessen Bruder gestellt werden müssen. War das größte Militärbündnis der Welt, die NATO, samt seiner militärischen Geheimdienste und des allgegenwärtigen CIA nicht in der Lage, davon Kenntnis zu erlangen und seine politischen Entscheidungsträger darüber zu informieren?

Alles deutet darauf hin, dass der Einsatz am Hindukusch nicht unsere Freiheit verteidigte, sondern die Rechts- und Wertesysteme der NATO-Staaten aushöhlte. Der Afghanistan-Krieg muss aufgearbeitet werden.

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