Meinung

Aufruf zur politischen Keuschheit: Warum Enthaltsamkeit nicht nur vor einer Ehe heilsam ist

Als destruktive Innovation im diesjährigen Bundestagswahlkampf veröffentlichte die SPD ein Video, in welchem sie Negativwerbung gegen die CDU mittels einer antikatholischen Botschaft betreibt. Erstaunlicherweise wurde dabei namentlich das Ideal der Enthaltsamkeit vor der Ehe angeprangert. Ein analytisch-protreptischer Kommentar von Prof. Dr. Kai-Alexander Schlevogt.
Aufruf zur politischen Keuschheit: Warum Enthaltsamkeit nicht nur vor einer Ehe heilsam istQuelle: Gettyimages.ru © tiborgartner

von Prof. Dr. Kai-Alexander Schlevogt

Erfahrene Ehe-Therapeuten kennen das folgende, gemeinhin eher unbekannte Paradox nur zu gut: Die beste Zeit, an einer Ehe zu arbeiten, ist vor der Ehe!

Interessanterweise gilt diese Maxime nicht nur für traditionelle Liebespaare, sondern auch für deren Familien und die Gesellschaft als Ganzes. Diese supraindividuellen Einheiten können nämlich als vorbildhafte Schulen für eine glückliche Ehe (welche hier immer als Bund zwischen einem Mann und einer Frau verstanden wird) und – noch allgemeiner – für gelungene Lebensentwürfe fungieren.

Insbesondere stellen erfolgreiche traditionelle Ehen eine entscheidende Grundbedingung für das Gedeihen eines Gemeinwesens dar. Umgekehrt sind gescheiterte Ehen in beträchtlichem Maße mitverantwortlich für die derzeitigen, enormen gesellschaftlichen Probleme in Deutschland und anderswo.

Gemessen an der individuellen und kollektiven Bedeutung der traditionellen Ehe und der großen Bedeutung der instruktiv-präventiven Vorbereitung in diesem Zusammenhang kann die destruktive Wahltaktik der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) im Sommer 2021 besonders weitreichende und schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Dabei geht es nicht nur um einen isolierten Fehltritt der SPD-Wahlkampfstrategen, der schnell mehrheitlich verurteilt wurde, sondern um einen "Megatrend". Doch lassen wir zuerst den Tatbestand sprechen.

Die SPD öffnet eine politische Büchse der Pandora

In einem künstlerisch-kreativen, 40-sekündigen Wahlkampfvideo der SPD wird eine Matroschka, also eine verschachtelte russische Holzpuppe, welche Armin Laschet, den Kanzlerkandidaten der Christlich Demokratischen Union Deutschlands (CDU), verkörpern soll, sukzessive geöffnet. Im Zuge dieses Vorganges soll enthüllt werden, was ein CDU-Wähler in personeller und inhaltlicher Hinsicht wirklich erhält, wenn er sich für Armin Laschet entscheidet.

Unter anderem kommt eine Puppe zum Vorschein, die als "erzkatholischer" Laschet-Vertrauter (gemeint ist Nathanael Liminski, der Leiter der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei) bezeichnet wird. Für diesen sei – scheinbar völlig unverständlich für die SPD – der Beischlaf vor der Ehe ein Tabu. Zuletzt bemängelt der Sprecher mit seiner sonoren männlichen Stimme, die CDU sei inhaltsleer (was durch eine leere Holzpuppe symbolisiert wird), und stellt diesem Vakuum schlaglichtartig das eigene "Programm" (d.h. das wenig ausdifferenzierte Konstrukt "soziale Politik") entgegen.

In einem eklatanten performativen Widerspruch versuchen die für die SPD tätigen Werbeexperten somit, die unterstellte Inhaltsleere der CDU mittels der Methode der demagogischen Negativwerbung, die sich auf den Gegner konzentriert, um gerade von dem Fehlen eigener Inhalte abzulenken, einprägsam zu machen. Die wie ein Oxymoron anmutende Wordkollokation "inhaltsleeres Programm" verstärkt dabei den Eindruck der Ungereimtheit.

Ist es dabei ein bloßer Zufall, daß durch die Wahl der aus Sprechersicht kritikbedürftigen Matroschka vor schwarzem Hintergrund wieder einmal Russland zumindest indirekt buchstäblich in ein schlechtes Licht gerückt wird?

Mit der Entschachtelung der Matroschka öffnet die SPD gleichsam eine politische Büchse der Pandora (in der aber, wie im griechischen Mythos, eine Resthoffnung zurückbleibt!). In doppelt destruktiver Weise legt sie erstens den Hebel im persönlichen Bereich an einem vitalen moralischen Punkt – buchstäblich unter der Gürtellinie – an und schadet zweitens der ganzen Gesellschaft durch die kollektive Vergiftung des Diskursklimas.

Es ist klar: Die direkten Folgen dieses politischen Damm- und Tabubruchs, d.h. einer persönlichen Attacke gegen einen Gegner im Wahlkampf mit Rekurs auf seine religiöse Überzeugung und – was in der Kritik an dem Vorgehen der SPD weitgehend übersehen wird, aber vielleicht noch schlimmer ist – eines Frontalangriffes auf eine existentiell bedeutsame Lehre der katholischen Kirche müssen direkt abgemildert werden. Zudem ist es erforderlich, weitere, sich exponentiell verschlimmernde Negativfolgen entschlossen zu verhindern. Der sozialdemokratischen inhaltlichen Leere muß dabei eine in der Wahrheit verankerte und überzeugende Programmatik entgegengesetzt werden.

Wieder gilt das von Ovid eigentlich auf die Liebe bezogene Motto: Wehre den Anfängen (principiis obsta)! Denn, wie schon der augusteische Poeta wusste, hilft ein Gegenmittel nicht mehr, wenn man zu lange gezögert hat und ein Übel in der Folge zu stark geworden ist! Den Sozialdemokraten (und anderen gleichgesinnten Akteuren) darf gar nicht erst gestattet werden, einen Fuß in die Tür zu setzen, die den Weg zur Zerstörung der Kirche freigibt. Dabei gilt es, die Sünder (in diesem Fall die SPD-Wahlkampfstrategen) zu lieben, aber die Sünde (wie zum Beispiel die Produktion des anti-religiösen Wahlkampfvideos) mutig zu bekämpfen.

Als spirituell-asketisches Kampfmittel sollte eine besonders wertvolle Tugend, d.h. die Keuschheit, von der persönlichen bis hin zur politischen Ebene und Ausprägung in die Waagschale geworfen und gezielt gefördert werden. Diese Tugend, also eine eingeübte Haltung, mag zunächst altmodisch anmuten, ist aber in Wirklichkeit ein höchst relevantes, aktuelles und zukunftsweisendes Ideal. Keuschheit wird hier verstanden als moralische und sittliche Reinheit und Integrität, sowohl auf der Makro- als auch auf der Mikroebene.

"Politische Keuschheit" ist eine Grundbedingung der Demokratie

Eine wahrhafte, gutfunktionierende Demokratie – von welcher Deutschland und viele andere Staaten, wo in der Regel eine oligarchisch geprägte Mischverfassung existiert, heutzutage mindestens genauso weit entfernt sind wie das klassische Athen – beruht einerseits auf funktionalen Strukturen, Systemen und Prozessen. Idealerweise werden durch die Prinzipien der Gleichberechtigung (Isonomie), Redefreiheit (Parrhesie) und der Agonalität (vom altgriechischen Substantiv ἀγών Agon, das "Wettkampf" bedeutet) ganz unterschiedliche Ideen – wie in einem dialektisch geführten platonischem Dialog – im rationalen, evidenzbasierten Diskurs auf ihre Viabilität (intellektual-darwinistisch könnte man prägnant auch von Überlebensfähigkeit sprechen) getestet und idealerweise der beste Ansatz zur Annahme ausgesondert.

Mindestens genauso wichtig wie die formalen Rahmenbedingungen eines Diskurses sind positive Tugenden und Werte, die von allen Diskussionsteilnehmern verinnerlicht sind, und gemeinschaftsfördernden Verhaltensnormen, die kollektiv in einer Art von mos maiorum (Sitte der Vorfahren) verankert sind. Dagegen werden in einer Gesellschaft wie in den Vereinigten Staaten, in welcher der Logos (Verstand) nicht mehr verlässlich die Oberhand behält und sich raue Umgangsformen häufig ungehindert verbreiten, der Demagogie Tür und Tor geöffnet. Wenn solche Verhältnisse in Deutschland Einzug halten sollten, ist selbst im Land der Dichter und Denker mit einem Wiederaufleben der aus der Weimarer Republik berühmt-berüchtigten Saalschlachten und der Zunahme anderer Formen politisch-motivierter Gewalt zu rechnen.

Im Zusammenhang mit den informellen Aspekten der Demokratie spielt auch strukturell verankerte "politische Keuschheit" eine große Rolle. Diese macht die politischen Akteure überhaupt erst zum Dialog bereit und fähig. Bedauerlicherweise ist eine solche kommunikative Offenheit und Kompetenz in weiten Teilen unserer ideologisch geprägten und gespaltenen Gesellschaft bereits verloren gegangen. Paradoxerweise ist die Keuschheit eine bewusste, scheinbar ärmer machende Zurücknahme, die im Endeffekt aber zur individuellen und kollektiven Bereicherung führt.

Konkret müssen Gesprächsforen durch ein System kollektiver Regeln von der Dominanz negativer Motive und Emotionen so weit wie möglich gereinigt werden, aber ohne dass äußere und innere Zensur Einzug hält. Im Diskurs sollte die folgende, aus dem Thomismus bekannte Verfahrensweise eingeführt werden: Versuche, mit großer intellektueller Güte deinen Opponenten möglichst gut zu verstehen, mache seine Thesen möglichst stark und strebe dann danach, seine Argumente logisch und substantiiert möglichst effektiv zu widerlegen, gegebenenfalls indem du durch geschickte Ausnutzung der Hebelwirkung das Gewicht des Gegners in seinen Nachteil wendest!

Dabei sollten immer das Streben nach Wahrheit und die Förderung des Gemeinwohls im Vordergrund stehen, nicht die Interessen von Fraktionen. Das Wort "Fraktion" leitet sich übrigens vom lateinischen Verb frangere (brechen) ab, das keine für die Gesellschaft positive Handlung beschreibt!

Diese Art der fundierten politischen Hygiene ist genau das Gegenteil von dem, was die SPD in bösartiger Absicht mit ihrem verkürzten und verzerrten Wahlkampfvideo zur vermeintlichen Beförderung ihrer Partikularinteressen getan hat. Denn mit ihrer Botschaft spaltet sie die Gesellschaft und zerlegt sie in Bruchstücke, anstatt nach nationaler Einheit zu streben. Dies kann leicht eine Spirale der emotionalen und körperlichen Gewalt in Gang setzen. Die katastrophalen Folgen einer konfessionellen Spaltung werden schon durch einen kurzen Blick auf die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges deutlich.

Ein besonders wichtiger Aspekt der politischen Keuschheit ist gerade in diesem Zusammenhang die Bekämpfung von Phobien unterschiedlicher Art (von Altgriechisch φόβος phobos: Furcht). Auf individualpsychologischer Ebene gibt es viele solcher Angstzustände, die von der Xenoglossophobie (Angst vor Fremdsprachen), Apotemnophobie (Angst vor Menschen mit Amputation), Triskaidekaphobie (Angst vor der Zahl Dreizehn), Lachanophobie (Angst vor Gemüse) bis hin – man wird es kaum glauben! – zur Kalligynephobie (Angst vor schönen Frauen) reichen!

Auf der kollektivpsychologischen Ebene beschreiben Phobien häufig – in falscher Wortverwendung – Versuche der sozialen Ausgrenzung, wie zum Beispiel die ständig zunehmende Russophobie. In diesem Zusammenhang ist die sogenannte Homophobie ein prägnantes Beispiel. Dieses Wort kann im Deutschen mit "Menschenfurcht" bzw. "Mannesfurcht" (abgeleitet von dem lateinischen Substantiv homo, das "Mensch" oder "Mann" bedeutet) oder mit "Furcht vor dem Gleichen" (von dem altgriechischen Adjektiv ὁμός homos, das "derselbe" oder "der gleiche" meint; siehe Fußnote 1) wiedergegeben werden. Dieses Determinativkompositum wird aber in der Regel falsch verwendet zur Beschreibung einer häufig religiös-sozial begründeten Ablehnung eines homoerotischen Lebensstils, die wohlgemerkt keine "Furcht" im krankhaft-psychiatrischen Sinne ist.

Im Hinblick auf das SPD-Wahlkampfvideo gilt es, besonders eine neuerdings wieder hoffähig gemachte Phobie zu bekämpfen, die nach dem obigen Wortbildungsmuster "Christianophobie" (Christenfurcht) oder "Ekklesiophobie" (Kirchenfurcht; von dem altgriechischen Substantiv ἐκκλησία ekklesia, das "Versammlung" und später auch "Kirche" bedeuten kann) genannt werden könnte. Ich bezeichne diese Spielart des Hasses aber lieber mit meiner philologisch präziseren Wortneuschöpfung "Misekklesianismus" (Kirchenhass; das altgriechische Wort μισεῖν misein bedeutet "hassen"; siehe Fußnote 2).

Anknüpfend an die grausamen Christenverfolgungen in der Spätantike und die massenweise, marxistisch motivierte Verfolgung katholischer Priester und Laien in der Sowjetunion und Volksrepublik China im 20. Jahrhundert ist dieser Misekklesianismus der Wunsch nach einer Ausrottung des institutionalisierten, römisch-katholischen und orthodoxen Glaubens und der ihm treu ergebenen Geistlichen und Laien.

Persönliche Keuschheit führt zum Lebensglück

Die Kritik an dem SPD-Video darf allerdings nicht bei dem oben geschilderten formalprozeduralen Aspekt haltmachen, gerade weil in Deutschland – ohne gezielte Intervention – höchstens eine solche mechanische und blutleere Kritik zu erwarten ist. Denn das Hauptproblem ist nicht der politische "Tabubruch" per se – davon brauchen wir in Deutschland eher eine größere Anzahl, um wirklich frei zu werden – sondern der inhaltliche Tiefschlag.

Konkret gesagt, ist es ein Riesenfehler, sich nur auf formale Aspekte der Debattenführung zu fokussieren und sich von der substantiellen Aussage bezüglich der vorehelichen Enthaltsamkeit zu distanzieren, vielleicht weil sie einem aufgrund scheinbar mangelnder Anschlussfähigkeit geradezu peinlich ist.

In Presseberichten ist schon jetzt gleichsam entschuldigend davon die Rede, dass der katholische Vertraute des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet schon seit Langem nicht mehr von seinem Glauben rede und dies ein "höchstpersönliches" Thema sei; selbst der Leiter des Katholischen Büros in Düsseldorf sprach im Zusammenhang mit der Enthaltsamkeit von "antikatholischen Klischees".

Im Dienst der Wahrheit ist somit neben der prozeduralen Kritik auch eine inhaltliche Offensive vonnöten, in der die Positionen der SPD wie die Holzpuppe im Werbevideo auseinandergenommen werden.

Da die SPD nun einmal gerade das Thema "Enthaltsamkeit vor der Ehe" als wichtig für einen Bundeswahlkampf erachtet – eine Erwägung, die nicht in allen Schichten der Bevölkerung nachvollzogen werden kann – soll hier im zweiten Schritt auch zu dieser Steilvorlage Stellung genommen werden. Der zerstörerische Akt der SPD wird dabei zu einer kreativen Zerstörung im Sinne des österreichischen Nationalökonomen Joseph Schumpeter umgekehrt, indem das Böse durch konstruktive Aufnahme des thematischen Fadens zum Anlass genommen wird, um in einem Akt der Wandlung das Gute zu bewirken.

Unser Körper ist das einzige zur Verfügung stehende Sprachrohr unserer Seele. In der leiblichen Vereinigung zwischen Mann und Frau, die sich fundamental und existentiell von anderen Sympathiebezeugungen unterscheidet und nicht nur ein losgelöster Akt des Vergnügens ist, spricht der Körper folgenden, von Natur aus in sein Fleisch eingeschriebenen, lebensbejahenden Satz, nach dem sich eigentlich jeder Mensch im Innersten sehnt: "Ich liebe dich als einzigartige, nicht-austauschbare Person (und zwar ganz und für immer), ich werde immer für dich da sein und ja, ich wünsche mir ein Kind von dir."

Wer sich vor der Ehe (oder noch allgemeiner gesprochen, außerhalb der Ehe) paart, der lügt und täuscht mit seinem Körper und verfehlt den Zweck der fleischlichen Vereinigung. Denn er gibt ein Versprechen ab, das er nicht gewillt ist einzuhalten, denn nur die Ehe, die verbindlich und endgültig ist - ein Ja ohne Wenn und Aber - bietet einen geschützten, stabilen und somit einzig geeigneten Rahmen für die Liebe, welche die andere Person nicht zum Objekt der eigenen Bedürfnisbefriedigung macht. Man kann, wie Papst Johannes Paul II. sagte, nicht nur auf Probe leben, man kann nicht nur auf Probe - gleichsam mit einem "Ja, aber" – lieben und einen Menschen nur auf Probe und Zeit "annehmen". Wahre Liebe gießt sich ganz aus und opfert sich ganz auf für den einen, lebenslangen Ehepartner! Wahre Liebe ist auch immer offen für Kinder, die zum Schutz gleichsam das Dach der elterlichen Ehe benötigen.

Der Grundgedanke der vorehelichen Enthaltsamkeit ist übrigens nicht nur in der römisch-katholischen Kirche fest verankert. Vielmehr lehrt auch die orthodoxe Kirche, die in der Verkündung ihrer moralischen Vorschriften mancherorts noch entschiedener als die römisch-katholische Kirche auftritt, den Verzicht auf vorehelichen Verkehr. Zudem bestehen auch die Lehrer des Judentums und Islams auf einer solchen Abstinenz. Selbst nicht-religiöse Menschen verspüren oft zumindest eine diesbezügliche Vorahnung im Herzen.

Die SPD greift also, möglicherweise aufgrund religiöser oder kultureller Unkenntnis, einfachen Desinteresses oder blindmachender, opportunistischer Machtbesessenheit mit ihrer wahltaktischen Diffamierungskampagne ungeschickter- und fatalerweise nicht nur Katholiken, sondern zumindest auch Juden und Muslime an.

Die Tatsache, dass so viele unterschiedliche Menschen, in so vielen unterschiedlichen Kulturen an so vielen unterschiedlichen Orten über einen so langen Zeitraum dieselbe Einsicht bezüglich der vorehelichen Enthaltsamkeit erlangten, pflegten und tradierten, sollte dem modernen Kritiker zumindest Anlass zum Nachfragen und Nachdenken sowie zur systematischen Überprüfung des eigenen Standpunktes geben, auch wenn ein Traditionsargument per se noch kein überzeugender Rechtfertigungsgrund ist.

Die Weisheit unserer Vorfahren und anderer Kulturen dagegen unreflektiert und unbegründet ohne Evidenz als "vorsintflutlich", "nicht mehr zeitgemäß" oder einfach nur "sinnentleert" abzustempeln, zeugt von Arroganz gegenüber den intellektuellen Giganten, auf dessen Schultern wir stehen. Solch eine primitive Haltung qualifiziert nicht für eine intellektuell anspruchsvolle Diskussion, wie sie beispielsweise in der englischen Oxford Union, dem berühmtesten Debattierclub der Welt, geführt wird, sondern höchstens als ideologisches Eignungskriterium für eine Saalschlacht in einem bayerischen Brauhaus.

Zurückkehrend zu dem Anlass dieses Beitrages ist abschließend folgende Warnung zu beherzigen: Wenn man der moralischen Diffamierung neben der prozeduralen Kritik an der Transgression der SPD nicht auch etwas Positives entgegensetzt, wird das Matroschka-Video der Sozialdemokraten als durchschlagender Erfolg in die Lehrbücher der Wahlkampfführung eingehen.

Wenn diese geistig-moralische Aufbauarbeit auf der Mikro- und Makroebene jedoch ausbleiben sollte, hätten die Genossen zwar momentane und flüchtige, auch in den Medien ausgebreitete Empörung anderer Parteien zu spüren bekommen, die in der Hauptsache durch die Furcht vor der Retribution katholischer Wählerschichten motiviert ist. Der Kanzlerkandidat der CDU würde aber langfristig behaftet bleiben mit dem Etikett des Altmodischen und Rückständigen, denn es gilt der Grundsatz: "Etwas bleibt immer hängen" (auf Lateinisch: aliquid semper haeret). Und dies, obwohl die Paränese hinsichtlich der Enthaltsamkeit vor der Ehe in Wirklichkeit kein Zeichen von Rückständigkeit und kein Schwachpunkt ist, den man verbergen müsste, sondern eine progressive, zukunftsweisende und in unserer Zeit wahrhaft revolutionäre Anleitung zum glücklichen und erfüllten Leben!

Mehr zum Thema - Heftige Kritik an Wahl-Video der SPD: Angriff auf religiöse Werte von Laschet-Vertrautem

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Fußnoten:

(1) Die Kombination aus lateinischen und griechischen lexikalischen Bestandteilen scheint am Anfang zu der Wortbildung "Homophobie" geführt haben. Denkbar ist aber auch eine Ableitung von Altgriechisch ὁμός homos (derselbe, der gleiche) und φόβος phobos (Furcht). Dann wäre die Homophobie die "Furcht vor dem Gleichen".

(2) "Misekklesianismus" bedeutet wörtlich "Hass gegen die Auserwählten", abgeleitet von Altgriechisch μισεῖν misein (hassen) und ἔκκλητος ekkletos (auserwählt) und in einem weiteren Schritt "Hass gegen die Kirche", von Altgriechisch ἐκκλησία ekklesia (Versammlung, Kirche). Bei einer stärkeren Fixierung auf die Person Jesu Christi könnte man auch von "Misochristianismus" sprechen.

Zum Autor: Der Autor, Prof. Dr. Kai-Alexander Schlevogt (Ph.D. Oxford; Univ.-Prof. SPbU a. D.) ist Experte für strategische Führung und Krisenmanagement. Er war u.a. Professor an der St. Petersburg State University, National University of Singapore und Peking University. Er arbeitete auch als Unternehmensberater für McKinsey & Co. in Großchina und fungierte als Berater des malaysischen Premierministers hinsichtlich des Aufbaus einer "elektronischen Regierung" (electronic government). Prof. Schlevogt istAutor von sechsBüchern, darunter "The Art of Chinese Management" (Oxford University Press), "The Innovation Honeymoon" (Pearson Prentice Hall) und "Brave New Saw Wave World" (Pearson/FT Press). Webseite: www.schlevogt.com

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