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Twitter-Alternative des Trump-Teams: GETTR importiert Twitter-Kontos und nimmt Abonnenten gleich mit

Mitglieder des Teams von Donald Trump haben am Donnerstag ihr Twitter-Pendant GETTR eröffnet. Dieses soll Nutzern vollständige Datenübernahme von ihren Twitter-Konten ermöglichen, inklusive aller Tweets – und aller Follower, für die es bei Bedarf ebenso Konten anlegt.
Twitter-Alternative des Trump-Teams: GETTR importiert Twitter-Kontos und nimmt Abonnenten gleich mit© Screenshot: https://gettr.com/

von Dmitry Gukov

Ehemalige Mitglieder des Teams des Ex-US-Präsidenten Donald Trump haben am Donnerstag das soziale Netzwerk GETTR gestartet. Dieses wird, wie zuvor schon Parler, als eine freiheitlichere Alternative zu den liberaldemokratisch dominierten Giganten Facebook, YouTube und vor allem Twitter positioniert: Die Moderation wird sich nicht nach den Regeln der sogenannten Cancel Culture richten und soll überhaupt deutlich mehr die Redefreiheit der Nutzer achten. Die Zensur, der (nicht nur) Trump-Anhänger und Trump selbst bei Facebook und vor allem bei Twitter ausgesetzt waren und sind, soll es dort nicht geben.

Jason Miller, Trumps früherer Präsidialsprecher, zeichnet für die eigentliche Online-Plattform verantwortlich; Tim Murtaugh, der frühere Sprecher in Trumps Wahlkampagnenstab, ist ein Berater für die Entwicklung und den Betrieb der dazugehörigen Apps. Die Finanzierung übernahm anfangs eine Stiftung im Besitz von Guo Wengui (auch bekannt als Miles Kwok), einem exilchinesischen Milliardär, und seiner Familie, schreibt die US-Onlinezeitschrift The Daily Beast unter Verweis auf Miller. Der in China wegen Korruption gesuchte Unternehmer habe eine enge Verbindung zu Steve Bannon, der unter Trump leitender Strategieberater des Weißen Hauses und leitender Präsidialberater war. Auch soll die Technik hinter GETTR von seinem Konzern Guo Media kommen: GETTR habe zuvor Getome geheißen und sei als Teil eines sogenannten digitalen Ökosystems mit dem sprechenden Namen "G-ecosystem" des Konzerns im Mai 2021 in der Betaphase gestartet worden.

Die offizielle Eröffnung der noch in der Betatest-Phase befindlichen Online-Plattform wurde jedoch für wenige Tage später angekündigt, schreibt das US-Blatt Politico: und zwar – wie hätte es auch anders sein sollen – für den US-Unabhängigkeitstag am 4. Juli.

Huckepack auf Twitter

Der Name GETTR ist eine Abkürzung aus "get together" (Deutsch: zusammenkommen). Das empfohlene Mindestalter der Nutzer wird auf 17 Jahre angesetzt.

Das neue soziale Netzwerk soll sich sehr stark an Twitter orientieren – und setzt seinen Schwerpunkt somit auf textliche Inhalte, die im Format des Mikroblogs veröffentlicht werden. Auch das Interface sei stark an Twitter angelehnt: Recode, ein Technikmagazin von VOX, stellt einen entsprechenden Vergleich an. Die Höchstlänge der Texte wurde jedoch im Vergleich zu Twitters 140 beziehungsweise später 280 Zeichen auf 777 festgesetzt. Das Hochladen von Videomaterial von bis zu drei Minuten Länge wird unterstützt – aber auch Livestreams, so Politico mit Verweis auf einen anonymen Entwickler der zu GETTR dazugehörigen Smartphone-App.

Von Twitter wechseln – Tweets und Follower mitnehmen

Doch die Verbindung zu Twitter besteht in mehr als bloßer Ähnlichkeit – zu den Funktionen gehört auch der automatische Import von Twitter auf GETTR: Dieses kann alle Daten vom Twitter-Konto eines neuen Nutzers selbständig eins zu eins übernehmen. Und zu den Daten gehören nicht nur alle Beiträge, sondern sogar die Abonnenten – sofern ein Nutzer, der einem auf Twitter folgt, noch kein Konto bei GETTR hat, wird für ihn eines angelegt. Ob und wie die auf solche Art angelegten "Geisterkonten" von ihren anzunehmenden Besitzern auch wirklich übernommen werden können, scheint bisher niemand getestet zu haben – von einer solchen Möglichkeit ist jedoch auszugehen.

Vor allem mit dieser Funktion der Datenübernahme dürfte ferner zu tun haben, dass alle E-Mail-Adressen, mit denen sich Inhaber verifizierter Twitter-Konten anmeldeten, vorsorglich reserviert wurden und bei Erstanmeldung auf GETTR freigeschaltet werden müssen.

Kein Twitter-Ausweichserver: Nutzer sollen umziehen

Die beschriebene Übernahmefunktion sei allerdings genau einmal nutzbar – bei der GETTR-Neuanmeldung, erklärte der anonyme App-Entwickler:

"Die Tweets [werden] genau bis zum Zeitpunkt [übernommen], an dem man sich [bei GETTR] anmeldet, es saugt sie nicht kontinuierlich nach. Wir wollen, dass die Leute von Twitter zu GETTR umziehen – das ist der Gedanke dahinter."

Ebenso wenig wie die Tweets werden nach der GETTR-Anmeldung die Twitter-Abonnenten "nachgeerntet", so der Informatiker; er wies jedoch darauf hin, dass sich das soziale Netzwerk noch in der Beta-Phase befinde – daraus lässt sich schließen, dass sich diese Parameter auch ändern könnten.

Ständig aktualisiert werden hingegen die mit Hashtags markierten Trendthemen: Zusätzlich zu den GETTR-eigenen werden die Themen, die im jeweiligen Tagestrend auf Twitter liegen, automatisch ausgelesen und übernommen, schreibt VICE News.

Datenmitnahme bald ein (US-)Jedermannsrecht?

Ob das automatisierte Auslesen all dieser Daten rechtliche Konsequenzen für die Betreiber von GETTR oder die GETTR-Nutzer, die davon Gebrauch machen, haben kann, ist noch unklar: Sprecher von Twitter verweigerten bisher den Kommentar. Möglicherweise wartet man bei Twitter das Schicksal eines Gesetzesentwurfs ab, der im US-Kongress eingereicht wurde: Der ACCESS Act – falls er wirklich verabschiedet wird – würde das der US-Gerichtsbarkeit unterstehende Twitter (und auch andere sozialen Netzwerke, die im US-Segment des Internets zugänglich sein sollen) ohnehin verpflichten, den Nutzern den Export aller ihrer Daten zu ermöglichen, schreibt das IT-Magazin techdirt.com. Es ist dennoch davon auszugehen, dass die Möglichkeit rechtlicher Schritte intern geprüft wird, ebenso wie Möglichkeiten, dieses Datenauslesen technisch zu unterbinden.

Die Vorgeschichte

"In aller Stille" sei der Vorabstart von GETTR erfolgt, schreibt Politico – unerwartet war ein solcher oder ähnlicher Schritt indes beileibe nicht: In den letzten Jahren folgten mehrere Säuberungs- und Zensurwellen in den sozialen Medien Twitter und Facebook aufeinander, die neben Konten einiger Nichtregierungsorganisationen sowie progressiver, sozialistischer und links- wie rechtsradikaler Nutzergruppen immer auch die Konten Rechtskonservativer in den USA und spezifisch die von Republikanern und Trump-Anhängern erfassten. Schließlich wurde auch Trump (noch während seiner Amtszeit als US-Präsident) bei Twitter zensiert und dann sein offizielles Konto gelöscht und jenes bei Facebook suspendiert. Viele der so behandelten US-Rechtskonservativen und Anhänger rechtsradikaler und rechtsextremer Strömungen wandten sich auf der Suche nach Alternativen etwa zum im September 2018 gegründeten sozialen Netzwerk Parler. Da diesem jedoch für eine ganze Weile die technische Betriebsgrundlage in mehrfacher Hinsicht entzogen wurde, blieb dessen großer Durchbruch bisher aus. Auch Trump selbst scheint dort bisher kein offizielles Konto angelegt zu haben.

Dafür gab es eine ganze Zeit lang Berichte über die mögliche Gründung einer neuen sozialen Online-Plattform oder aber den möglichen Kauf einer fertig bestehenden – es hieß, dass Trump sich bei seinen Treffen mit IT-Experten von ihnen möglicherweise gerade zu diesem Thema beraten ließ. In einem Interview bestritt er jedoch die Notwendigkeit, soziale Medien zu nutzen – zumindest für den Zweck seiner eigenen Selbstpräsentation. Die Gründe für diese augenscheinliche Zurückhaltung seien technisch-finanzieller Natur, schätzten Experten ein.

Die Neugründung eines sozialen Netzwerks, das das von "auch nur einem Bruchteil von Trumps Anhängern" generierte Datenaufkommen verdauen könnte, schien technisch enorm schwierig und selbst für einen Donald Trump enorm kostspielig – zudem seien doch die Technologien hierfür auch noch im Besitz von Trumps Feinden, schrieb damals Politico. Und ein Einkauf schien sogar noch unwahrscheinlicher, so die vom US-Blatt zitierten Experten: Besitzer eines sozialen Netzwerks würden selbst im Normalfall bereits weit mehr als das Zehnfache an den kumulativen Investitionen verlangen – und dazu käme für den ehemaligen US-Präsidenten möglicherweise auch noch ein zusätzlicher Trump-Aufschlag hinzu.

Ein MAGA.net ohne Trump – kann das gutgehen?

Bei der Einordnung von GETTR muss man aktuell im Hinterkopf behalten: Es wird zwar als das neue soziale Netzwerk für Trump-Anhänger behandelt – dabei ist Trump selbst aber überhaupt nicht mit an Bord. Tatsächlich hat sich der ehemalige US-Präsident bisher nicht offiziell auf GETTR angemeldet, obwohl für ihn ein Konto reserviert worden war und dies ein sehr gern gesehener Schritt wäre, schreibt Politico unter Verweis auf einen Entwickler der GETTR-Anwendung. Dies ist laut Jennifer Jacobs, einer Reporterin von Bloomberg im Journalistenpool des Weißen Hauses, auch gar nicht angedacht; auch finanziell habe sich Trump nicht beteiligt und habe das auch nicht vor. Diesen Stand der Dinge seitens Trump beschrieb die Journalistin mit Verweis auf eine anonyme Quelle:

"Anscheinend hat der Ex-Präsident immer noch Pläne für eine separate Plattform. Für was für eine genau, ist unklar."

Ob Trump immer noch ernsthaft die Gründung oder den Kauf eines sozialen Netzwerks prüft oder nicht, in Bezug auf GETTR ist seine Zurückhaltung durchaus logisch. Möglicherweise möchte Trump auch schlicht abwarten, was keine schlechte Idee wäre.

Nach Dafürhalten der von VICE konsultierten Experten ist GETTR aktuell schwer von Fehlern und Sicherheitslücken geplagt – Stichwort Betaversion. Ebenfalls dem Beta-Status der Plattform dürfte der Grad an Moderation der Inhalte geschuldet sein: Diese ist nicht bloß libertär, sondern mangelhaft bis nicht vorhanden. Offen rassistische, pornografische, gewaltverherrlichende und Spam-Inhalte werden sehr spät bis überhaupt nicht entfernt, bemängelt techdirt.com. Trump als ehemaliger US-Präsident und möglicherweise erneuter Kandidat wäre also schon aus Prestigegründen gut beraten, sich von einem technisch und inhaltlich derart unausgegorenen sozialen Netzwerk entweder vorab oder permanent tunlichst fernzuhalten.

Dies könnte für GETTR jedoch ebenso verhängnisvoll werden wie seinerzeit für Parler: Obwohl Parlers mehrmonatige Schließung der Beliebtheit der Alt-Right-Onlineplattform sicherlich nicht zuträglich gewesen sein dürfte, hält die Tatsache, dass Trump dort nicht offiziell vertreten ist, Parlers Entwicklung noch viel mehr zurück. Die große MAGA-Wanderung von Facebook, YouTube und Twitter zu all den alternativen sozialen Netzwerken begann, als Trump sich auf den erstgenannten Plattformen nicht mehr frei äußern konnte. Recode formuliert treffend:

"Damit entstand eine klaffende Lücke im sozial-medialen Ökosystem der Trump-Abonnenten, die zwar noch online aktiv sind, aber keine Tweets des Ex-Präsidenten haben, die sie weiterverbreiten und auf die sie antworten könnten."

Hingegen würde Trumps offizielle Internetpräsenz auf GETTR dem Netzwerk unverzüglich zu Rang und Namen unter den US-Konservativen und allen im politisch rechten Spektrum verhelfen – diese Binsenweisheit hielt The Daily Beast fest. Doch ohne Trump an Bord bliebe GETTR nur eine Alt-Right-Onlineplattform von mehreren. Gegen diese müsste es sich zu allem Überfluss auch noch behaupten. Und in einem solchen Konkurrenzkampf hätte GETTR zwar möglicherweise den Vorteil aktuellerer Informationstechnik und die allgemeine Verbindung zu hochrangigen politischen Prominenten aus der Welt von Trump und MAGA – aber dafür auch den Nachteil des Neuankömmlings.

Ungeachtet der Frage, ob GETTR nun zur neuen Referenz bei Trumps Anhängern werden kann oder nicht: Grundsätzlich ist das Aufkommen eines weiteren großen sozialen Netzwerks in Konkurrenz und als Alternative zu den Zensurgroßreichen der Großen Drei zunächst (mit aller nötigen Vorsicht) eher zu begrüßen – sofern die Neuen ihrer technischen Probleme Herr werden und für angemessene Moderation (gegen rassistische Hetze und Spam) sorgen können, ohne selbst gleich in die entgegengesetzte Zensur (ihrerseits gegen Linke und Linksliberale aller Art) zu verfallen.

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