Meinung

E.T. made in China? US-Presse im profitablen Propagandawahn

Dem US-Kongress wird ein Bericht über UFO-Sichtungen vorgelegt – und die US-Presse sorgt prompt im Vorfeld dafür, dass die Rüstungsindustrie ihr Scherflein erhalte. Denn es sind gar keine Aliens, erzählt sie. Wie auch sonst, sollen dahinter wieder die üblicherweise Verdächtigten stecken: Russland und China.
E.T. made in China? US-Presse im profitablen PropagandawahnQuelle: AFP © Luis ROBAYO / AFP

von Dagmar Henn

Von 2007 bis 2012 hatte das US-Pentagon jährlich über 20 Millionen Dollar ausgegeben, nur um Meldungen über angeblich nicht identifizierbare fliegende Objekte zu sammeln und Zeugenaussagen zu überprüfen. Nach dem offiziellen Ende des Programms sammelte dessen ehemaliger Leiter, der Militärgeheimdienstler Luis Elizondo, munter weiter, bis er 2017 aus Protest gegen die Geheimhaltung der Informationen den Dienst quittierte, nicht ohne gleichzeitig zu versichern, er habe einen Nachfolger, der die Arbeit fortsetze.

Dabei war nicht nur Elizondos Büro im Pentagon involviert, auch die Firma Bigelow Aerospace wurde beauftragt, unter anderem Materialien zu untersuchen, die im Zusammenhang mit solchen Phänomenen gefunden wurden. Insgesamt dürfte dadurch die umfangreichste Sammlung entstanden sein, die zu diesem Thema existiert; sie befasst sich mit mehr als 120 Vorfällen über einen Zeitraum von 20 Jahren hinweg.

Für einen Teil dieser Daten soll nun die Geheimhaltung aufgehoben werden, um sie in einem Bericht zusammengefasst zu veröffentlichen. Millionen UFO-Gläubige weltweit warten schon begierig auf diesen Bericht, der am 25. dieses Monats dem US-Kongress vorgelegt werden soll. Sie ersehnen eine offizielle Bestätigung von Sichtungen "außerirdischer" Fluggeräte – und vielleicht ist sogar mancher darunter, der leise hofft, eine Bestätigung außerirdischer Präsenz würde dem neuen Kalten Krieg einen Grund zur Einigung der Menschheit entgegensetzen. Aber es ist bereits jetzt klar, dass eher das Gegenteil geschehen wird.

Denn selbst dann, wenn es wie ein dummer Witz klingt: Die US-Massenmedien sind sich bereits weitgehend einig, dass hinter den unerklärlichen fliegenden Phänomenen ja nur – man ahnt es schon – die bösen Russen und/oder Chinesen stecken können.

Ausgelöst hat die willkommene Wendung die New York Times. Sie schrieb: "Mitarbeiter der Geheimdienste glauben, dass zumindest einige der Luftphänomene experimentelle Technologie einer rivalisierenden Macht gewesen sein könnten, am ehesten Russland oder China.
Ein ranghöherer Mitarbeiter, der über die Erkenntnisse informiert wurde, sagte ohne zu Zögern, die US-Stellen wüssten, dass es keine amerikanische Technologie sei. Er sagte, es gebe Sorgen unter den Militärs und Geheimdienstmitarbeitern, dass China oder Russland mit Überschalltechnologie experimentierten." Und es geht weiter im Reich des Konjunktivs: "Wenn diese Phänomene chinesische oder russische Fluggeräte sind, (...) würde das nahelegen, dass die Überschallforschungen der beiden Mächte die amerikanische militärische Entwicklung weit hinter sich gelassen hätten."

CNN setzte dann noch einen drauf: "Die US-Behörden können auch die Möglichkeit nicht ausschließen, dass es sich bei diesen fliegenden Objekten um Flugzeuge handelte, die Amerikas Gegnern gehören, namentlich Russland und China – eine möglicherweise weit beunruhigendere Schlussfolgerung, die eine ganze Reihe möglicher Fragen bezüglich der nationalen Sicherheit aufwirft, sagte eine der Quellen."

Klar, alles "Aussagen", deren Ursprung geheim gehalten werden muss; alles nicht belegbar, sondern Vermutung, und zwar von jener "Qualität", dass man sogleich den Aluhut zücken möchte. Aber das verhindert dennoch nicht, dass diese neue Legende weite Kreise ziehen wird. Schließlich lässt sich selbst aus so einer Geschichte noch etwas Honig saugen, um weitere Aufrüstung zu begründen – oder, wie es die Washington Post formulierte:

"Das Pentagon konzentriert sich zunehmend auf den Wettstreit mit Russland und China, die bei fortgeschrittenen Technologien weit vorangekommen sind, einschließlich Überschall- und Energie-Waffen."

Wohlgemerkt, wir reden hier von einem "Bericht über UFOs" ...

Luis Elizondo versucht bisher vergeblich, diese Wendung abzuwehren. Sein zweifellos plausibler Einwand, solche Phänomene reichten schließlich 70 Jahre zurück, und zu jener Zeit könne man doch weder Russland noch China der Verfügungsgewalt über solche Technologien verdächtigen, vermag sich vermutlich aus gutem Grund nicht durchzusetzen. Denn zu groß ist die Versuchung, daraus noch ein bisschen Aufrüstung herauszuquetschen.

Die australische Journalistin Caitlin Johnstone, die diese propagandistische Umwertung aufmerksam beobachtet hat, geht davon aus, dass die UFO-Fans nur enttäuscht werden können: "Sollte es wirklich Außerirdische geben und sie tatsächlich in seltsamen Fluggeräten um unsere Erde herumfliegen, dann erfahren wir die Wahrheit darüber eher noch von den Außerirdischen selbst als vom US-Militär."

Auch in Großbritannien wurde dieser E.T.-Spin von den üblichen Verdächtigen bereits begeistert aufgegriffen, von der BBC bis hin zum Guardian. In Deutschland ziert man sich bisher noch etwas, diesem neuesten Propagandacoup zu folgen. Lediglich T-Online hat bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung die Idee aufgegriffen, zitiert munter die New York Times und bezieht sich auf deren Fantasien als einer "brisanten Vermutung" gleich in der Überschrift.

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