Meinung

Mutanten, Sauerstoffmangel, überfüllte Kliniken: Was ist wirklich los in Indien?

In den Nachrichten kursieren derzeit Horrormeldungen über die Corona-Krise in Indien. Dass Metropolen wie Neu-Delhi in den letzten Jahren mehrfach aufgrund von Atemwegserkrankungen durch Smog den Gesundheitsnotstand ausriefen, wird konsequent ignoriert.
Mutanten, Sauerstoffmangel, überfüllte Kliniken: Was ist wirklich los in Indien?Quelle: www.globallookpress.com © Hindustan Times

 von Daniel Schrawen

"Ich habe Schwierigkeiten zu atmen, und meine Augen brennen."

Im ersten Moment könnte man denken, es handelt sich hierbei – wieder einmal – um die drastische Schilderung einer an COVID-19 erkrankten Person, wie man sie in den Mainstream-Medien in letzter Zeit so oft zu lesen bekam. Doch das Zitat stammt aus einem Artikel des Tagesspiegel vom 7.11. 2016, der die extreme Luftverschmutzung in Indiens Metropole Neu-Delhi thematisiert. Mittlerweile sorgt Indien erneut für Schlagzeilen, diesmal jedoch offensichtlich aus anderen Gründen.

In den letzten Tagen machten in den Medien die üblichen Horrormeldungen über die Lage Indiens in der Corona-Krise die Runde: "Einem Land wird die Luft abgeschnürt", titelte die Zeit. Bei ntv heißt es "Neu-Delhi ist apokalyptisch". Auch der Spiegel, bei dem es heißt: "Tödliche Corona-Krise: Indiens Höllenfeuer", ist bei den Schreckensmeldungen ganz vorne mit dabei. Das Boulevardblatt Bild treibt es mit "Das Virus verschlingt die Menschen wie ein Monster" natürlich auf die Spitze. Die Absicht hinter dieser Berichterstattung sollte klar sein: Zum einen soll Angst vor der neuen indischen Mutante B.1.617 geschürt werden, obwohl bisher umstritten ist, inwiefern die Mutation aus Indien infektiöser ist. Zum anderen soll Indien nun auch als Paradebeispiel dafür dienen, was passiert, wenn man keinen harten Lockdown über die Bevölkerung verhängt und die Maßnahmen lockert.

Um eine möglichst drastische Wirkung zu zeigen, verwendet man natürlich auch gerne Bilder von Menschen, die auf den Straßen sterben, wie beispielsweise die New York Post. Dabei ist es auch vollkommen egal, dass die Aufnahmen nichts mit Corona zu tun haben: Die Bilder zeigen die Opfer eines Gaslecks in einem Industriegebiet in Andrah Pradesh und sind auf Mai 2020 datiert.

Gerne werden in den Mainstream-Medien auch Superlative bemüht, um das "apokalyptische Szenario" mit Zahlen zu untermauern: Die Rede ist beispielsweise von mehr als 2.700 Personen, die täglich mit oder an COVID-19 versterben, was einen "Rekord" darstellen soll. Die absoluten Zahlen klingen natürlich erst einmal erschreckend, aber setzt man sie ins Verhältnis zu den fast 1,4 Milliarden Einwohnern Indiens, relativieren sich diese sehr schnell. Laut Statista beträgt der Sieben-Tage-Schnitt der Sterberate je eine Million Einwohner in Indien etwa 11,2. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt die Sterberate 16,5.

Zugegeben, solche Vergleiche sind immer etwa schwierig, da Indien eine andere, wesentlich jüngere Altersstruktur der Bevölkerung hat und auch andere Faktoren wie das Klima, die Gesundheitsversorgung und auch Vorerkrankungen der Bevölkerung eine entscheidende Rolle spielen. Bezogen auf die Einwohnerzahl hat Indien beispielsweise nur ein Viertel der Intensivbetten Deutschlands, da Indiens Gesundheitssystem schon immer "auf Kante genäht" war.

Wie eingangs erwähnt, sind auch Atemwegserkrankungen in Indien nicht erst seit der Corona-Krise ein Problem. Im Artikel "Smog-Alarm: Atemnot in Delhi" des Tagesspiegel werden die enormen Gesundheitsschäden durch die extreme Smogbelastung in Neu-Delhi thematisiert: Die Feinstaubbelastung durch Partikel unter 2,5 Mikrometer in Neu-Delhi ist dem Artikel zufolge 70-mal höher als der empfohlene Wert der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Partikel sind besonders gefährlich, weil sie tief in die Atemwege eindringen und die Lungen nachhaltig schädigen. Fachärzte warnten sogar davor, dass die Feinstaubbelastung so hoch sei, dass sie "Männer unfruchtbar machen und bei Frauen Fehlgeburten auslösen können".

Weiter heißt es in dem Artikel, die Kliniken seien überlastet mit Patienten, die unter Asthma, Allergien Bronchitis, Lungenentzündungen, Atemnot und Herz-Kreislauf-Beschwerden leiden:

"Wir hatten vorher in unserem Krankenhaus um die 15 bis 20 Prozent von Fällen, die mit der Luftverschmutzung zusammenhängen, doch nun liegt die Zahl bei 60 Prozent."

Weiter sollen in Neu-Delhi im Jahr 2016 elektrische Luftreiniger ausverkauft gewesen sein, "Atemschutzfilter werden zu Wucherpreisen angeboten". Simple Schutzmasken würden für mehr als das 30-Fache ihres Preises verkauft. Auch andere Passagen des Artikels sollten dem Leser bekannt vorkommen:

"Die Regierung hat den Notstand ausgerufen. Mit drastischen Maßnahmen soll die dreckige Luft geklärt werden: Alle Schulen sind bis Mitte der Woche geschlossen, auf Baustellen darf nicht mehr gearbeitet werden …"

In Indiens Metropole ist die Luftqualität schon seit längerem ein Problem: In den letzten Jahren war Neu-Delhi immer unter den zehn Städten mit der schlechtesten Luftqualität weltweit vertreten, von den 15 Städten mit der schlechtesten Luftqualität befinden sich zudem 14 in Indien. Experten zufolge ist ein Tag in Neu-Delhi so schädlich wie das Rauchen von 40 bis 50 Zigaretten. In der Vergangenheit hatte dies öfter dazu geführt, dass in der Stadt der Notstand ausgerufen, Schulen geschlossen und Fahrverbote verhängt wurden. Doch eine wirkliche Lösung des Problems war nie in Sicht, da sich politisch niemand für langfristige Lösungen verantwortlich fühlte. Durch den ersten Lockdown im Frühjahr des vergangenen Jahres hatte sich die Luftqualität in Neu-Delhi zu einem hohen sozialen Preis zwar deutlich verbessert. Doch seit November 2020 ist das Smog-Problem wieder dasselbe und verschärft seither die Gesundheitskrise durch COVID-19.

Die Problematik der toxischen Luft in Indiens Metropolen wurde in den letzten Jahren auch von anderen Medien gelegentlich thematisiert: "Smog in Delhi: Tödliche Luft", lautete beispielsweise die Überschrift eines FAZ-Artikels aus dem November 2019. Auch der Spiegel griff das Thema im Jahr 2014 im Artikel "Indien: Smog in Neu-Delhi ist schlimmer als in Peking" auf, ebenso die Welt 2017 mit "Smog-Alarm: Neu-Delhi derzeit nicht zum Wohnen geeignet". Die NZZ berichtete 2019 sogar über die erste "Sauerstoff-Bar" in Indien. Vermutlich fanden sich die Beiträge irgendwo auf Seite 11 der jeweiligen Ausgabe, vielleicht schafften es einige Artikel auch auf die Hauptseite – um in den nächsten Tagen wieder vergessen zu werden.

Doch seit der Corona-Krise muss man das Bedrohungsszenario bekanntermaßen aufrechterhalten: Da spielt es auch keine Rolle mehr, dass die Atemwegserkrankungen COPD und Tuberkulose sowie Atemwegsinfektionen wie Bronchitis, die zu Lungenentzündungen führen, zu den zehn häufigsten Todesursachen in Indien zählen. Man stirbt bekanntlich nur noch an COVID-19. In Indien gab es bisher etwas mehr als 200.000 Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19. Im Vergleich dazu starben in den letzten Jahren 1,2 Millionen Inder vorzeitig an den Folgen der Luftverschmutzung. Die Dunkelziffer könnte jedoch noch viel höher sein, da Feinstaub als Todesursache nicht immer eindeutig zu erkennen ist.

Und Atemwegserkrankungen sind nicht das einzige Gesundheitsproblem in Indien: Dort sterben jeden Tag etwa 2.000 Menschen an Durchfallerkrankungen, was vor allem auf einen Mangel an sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen zurückzuführen ist. Solche Bedingungen bilden ein ideales Umfeld für übertragbare Krankheiten. Im Land sterben zudem immer noch 450.000 Menschen jährlich an Tuberkulose. Da durch den Lockdown wesentlich weniger Menschen geimpft wurden, dürfte sich diese Zahl in den nächsten Jahren drastisch erhöhen. Aber auf die Kollateralschäden von Lockdowns einzugehen, würde an dieser Stelle zu weit führen.

Damit soll keineswegs die dramatische Lage, die derzeit in Indiens Krankenhäusern herrscht, schöngeredet werden. Doch die Situation ist nicht erst seit der Corona-Krise dramatisch, und diese derart zu instrumentalisieren, wie es derzeit in den Mainstream-Medien geschieht, ist in erster Linie heuchlerisch. An dieser Stelle kann man den Redakteuren einiger Medienhäuser nur empfehlen, gelegentlich einen Blick ins Zeitungsarchiv zu werfen. Die Lektüre der eigenen Artikel aus den letzten Jahren könnte ganz hilfreich sein, um die Lage realistisch einzuordnen – sofern man daran interessiert ist.

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Anmerkung der Redaktion: In einer ursprünglichen Fassung hieß es, dass es etwas mehr als 20.000 Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19 gegeben habe. Tatsächlich waren es etwas mehr als 200.000. 

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