Asien

Angespannte Corona-Lage in Indien – mehr als 300.000 Testpositive an einem Tag

In Indien steigt die Zahl der positiv auf SARS-COV-2 getesteten Personen seit einigen Wochen rapide an. Als Grund wird die indische Virusvariante B.1.617 vermutet. Die genaue Ursache ist jedoch unklar, da in Indien wenig nach Mutationen geforscht wird.
Angespannte Corona-Lage in Indien – mehr als 300.000 Testpositive an einem TagQuelle: www.globallookpress.com © Hindustan Times

Indien kam bisher ohne größere Probleme durch die Corona-Krise, doch seit einigen Wochen steigen die Zahlen an positiv auf SARS-CoV-2 getesteten Personen rapide an. Die indischen Gesundheitsbehörden meldeten am Donnerstag 314.835 neue Fälle von positiv auf SARS-CoV-2 getesteten Personen. Somit stieg die Gesamtzahl an Testpositiven auf über 15,9 Millionen an. Im gleichen Zeitraum wurden 2.104 Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19 bekannt gegeben, womit die Gesamtzahl der Todesfälle auf insgesamt 184.657 gestiegen ist.

Die neue Zahl übertraf den bisherigen Tageshöchststand von 297.430 Testpositiven, der im Januar in den USA gemessen wurde, obwohl Indiens Bevölkerung mit mehr als 1,3 Milliarden Menschen die 330 Millionen in den USA bei weitem übertrifft. In Indien wird seit einigen Wochen verstärkt getestet und die Quote positiver Testergebnisse steigt. Die Situation spiegelt sich auch in den Krankenhäusern wieder. In den meisten betroffenen Städten und Regionen sind die Ressourcen erschöpft, besonders in der Metropole Delhi. Vor allem Intensivbetten mit Beatmungsgeräten und Sauerstoffflaschen, aber auch Medikamente wie Remdesivir sind knapp. Medienberichten zufolge herrscht eine sogenannte Sauerstoffkrise. Das Gesundheitssystem sei praktisch zusammengebrochen, vielen Menschen könne nicht mehr geholfen werden, hieß es.

Einer der Gründe für die angespannte Lage in Indien dürfte auch im chronisch unterfinanzierten Gesundheitssystem liegen. Weniger als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden für den Gesundheitssektor ausgegeben. Trotz der kritischen Lage des Gesundheitssystems geht das Leben in Indien weitestgehend normal weiter. Premierminister Narendra Modi hat am Dienstagabend die Bundesstaaten angewiesen, Lockdowns nur als letzte Option zu betrachten und stattdessen auf lokal begrenzte Einschränkungen zu setzen. Religiöse Massenveranstaltungen wie das Kumbh Mela fanden wie gewohnt statt. Auch im nordindischen Haridwar haben Millionen von Menschen ein traditionelles Bad im Ganges genommen, die meisten von ihnen ohne besondere Corona-Schutzmaßnahmen.

Die genauen Ursachen für den derzeitigen Anstieg der Zahlen sind noch unklar. Jedoch wird vermutet, dass die jüngste Zunahme bei den Corona-Befunden in Indien durch eine neue einheimische Variante des Erregers B.1.617 angetrieben wird, die zwei Mutationen enthält, die den Erreger möglicherweise ansteckender machen könnten. Die enorme Steigerung der Corona-Fallzahlen kommt auch zu einem Zeitpunkt, an dem Indien bereits 13 Millionen seiner Einwohner geimpft hat, darunter auch mit Dosen von Covaxin sowie einem vom britisch-schwedischen Unternehmen AstraZeneca entwickelten Impfstoff, der vor Ort unter dem Markennamen Covishield hergestellt wird.

Bekannt ist auch, dass bestimmte SARS-CoV-2-Varianten einer bestehenden Immunität durch Impfungen oder einer durchgestandenen Erkrankung offenbar entkommen können. Dies ist in der Fachwelt auch unter dem Begriff Fluchtmutation (Escape Mutation) bekannt. Eine Studie, die im Fachjournal Cell erschienen ist, zeigte jüngst, dass sich bestimmte SARS-CoV-2-Varianten wie die britische, dänische und weitere durch Impfstoffe bekämpfen ließen. Bei der südafrikanischen Variante B.1.351 und der brasilianischen P.1 war die Neutralisation durch Antikörper aber kaum noch effektiv. Derzeit ist jedoch noch nicht bekannt, ob und in welchem Maße Impfstoffe gegen die indische SARS-CoV-2-Variante schützen.

Momentan wird noch diskutiert, was genau den Anstieg der Zahl an positiv getesteten Personen verursacht. Ob die Ursache in der neuen Variante B.1.617 liegt, ist noch unklar, da in Indien zu wenig nach Mutanten geforscht wird, um Schlussfolgerungen ziehen zu können. Eine Genom-Sequenzierung wird in Indien bisher nur im geringen Maßstab betrieben. Ob die indische Variante infektiöser ist, ist in der Fachwelt ebenfalls umstritten.

Das Land arbeitet derzeit zudem an der Entwicklung von Covaxin, einem eigenen, lokal entwickelten Impfstoff gegen das Coronavirus. Am Mittwoch hat das in Hyderabad ansässige Unternehmen Bharat Biotech das Vakzin als bis zu 78 Prozent wirksam gegen die Krankheit bezeichnet. Die indischen Gesundheitsbehörden haben dem Mittel Anfang des Jahres eine Notfallgenehmigung erteilt. Millionen Covaxin-Impfungen wurden bereits im ganzen Land verabreicht. Bis September sollen 100 Millionen Dosen pro Monat ausgeben werden. Wie der Indische Rat für medizinische Forschung am Mittwoch bekannt gab, soll der Covaxin-Impfstoff auch gegen die indische SARS-CoV-2-Variante wirksam sein.

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