Meinung

Eurovision als Hort der Meinungsdiktatur – wie die EBU Weißrussland "auf Linie" bringt

Die Europäische Rundfunkunion hat ein weißrussisches Lied als zu "politisch" abgewiesen – zur Freude der Gegner des amtierenden Präsidenten Lukaschenko. Dabei stellt das Lied keine politische Hymne dar, wie manche Lieder der ukrainischen Ex-Teilnehmer, sondern Satire.
Eurovision als Hort der Meinungsdiktatur – wie die EBU Weißrussland "auf Linie" bringt© BTRC

von Wladislaw Sankin

Die Europäische Rundfunkunion (EBU) hat beschlossen, das Lied aus Weißrussland "Ya Nauchu Tebya" (zu Deutsch "Ich bringe es dir bei") der Band Galasy ZMesta nicht zur Teilnahme am Eurovision Song Contest zuzulassen. Diese Entscheidung begründet die Organisation damit, dass das Lied "die apolitische Natur des Wettbewerbs" infrage stelle:

"Wir haben dem Fernsehsender BTRC, der für die Teilnahme Weißrusslands am Eurovision Song Contest verantwortlich ist, mitgeteilt, dass das Lied in seiner aktuellen Form nicht zur Teilnahme am Wettbewerb berechtigt ist."

Am selben Tag wurde das Lied vom offiziellen YouTube-Kanal der EBU entfernt – nachdem das Video die höchste Klickzahl erreicht hatte.

Aber was sollte an dem Lied für die EBU so problematisch sein? Politische Parolen findet man im gesamten Text nicht. Das Lied ist ein spöttisch-ironischer Appell des lyrischen Ich-Protagonisten an eine bestimmte Gemeinschaft von Menschen (oder eine Person). Der Held, in dessen Namen der Frontmann der Gruppe Dmitri Butakow singt, ruft dazu auf, ihm zu gehorchen, keine "Rückwärtsgewandtheit" zuzulassen, "die Auswüchse der Geschichte" auszulöschen und von "neuen Gadgets" zu träumen. Im Refrain wird sein Zuhörer aufgefordert, zu lernen, wie man "zum Taktstock tanzt", "an der Angelrute pickt" und "auf der Schnur geht".

Da Budakow, der aus einer kleinen Provinzstadt stammt, seit dem erst fünfmonatigen Bestehen der Band fast alle seine Lieder der Straßenopposition und ihren Anführern widmet, wurde auch im Lied zum Wettbewerb schnell politischer Text auf Metaebene entdeckt. Im Zentrum der Erzählung steht offenbar ein geschichtsvergessener, konsumorientierter Oppositioneller aus der städtischen Mittelschicht, der sich leicht durch politische Agitation und wohlklingende Parolen manipulieren lässt – darauf deuten viele Reime hin:

"Ohne die Vergangenheit wird alles einfach sein; Rückwärtsgewandtheit ist inakzeptabel; Die freie Welt ist unausweichlich; Träume von neuen Gadgets; Ich bringe dir die ganze Welt auf den Teller; Ich bringe dir bei, zum Taktstock zu tanzen usw."

Diese Anspielungen lösten in den Kommentaren bei YouTube, aber auch bei den Anführern der Opposition wie dem Ex-Diplomaten Pawel Latuschko Wut aus. Der in Polen lebende Oppositionelle nannte es ein "Sakrileg", wenn ganz Europa Vertretern der Staatspropaganda applaudieren würde.

Die Beschwerden wurden im Genfer Hauptsitz der EBU erhört, und das Lied wurde als "politisch" abgewiesen. Da der Liedermacher angekündigt hatte, keine Änderungen in seinem Song vornehmen zu wollen, wurde das Land von der diesjährigen Teilnahme am populären Musikwettbewerb ausgeschlossen.

Ja, es wäre in der Tat eine Zumutung gewesen, zumindest für die Moderatoren aus den EU-Staaten und ihre Verbündeten wie die Ukraine, die spöttischen Anspielungen der Band auf die Länder der "freien Welt" zu kommentieren. Es wäre unheimlich schwer, den Zuschauern zu erklären, warum der zur Gitarre singende, etwas bäuerlich wirkende Mann aus dem "autoritär regierten" osteuropäischen Land die in der EU in den Himmel gelobte, aufgeweckte "Zivilgesellschaft" in seinem Lande vor ihren Augen auslachen darf.

Wenn diese Anspielungen tatsächlich so gemeint wären. Nach Angaben des Direktors des Fernsehsenders BTRC konnte die EBU den angeblich politischen Charakter des Liedes im Briefwechsel mit dem Sender nicht belegen.

Die Entscheidung der EBU ist jedoch nachvollziehbar, wenn man die Grundsätze des gesamteuropäischen Musikwettbewerbs ernst nimmt, wonach Musik Länder und Gesellschaften nicht spalten darf, sondern vereinen soll.

Wenn man allerdings nur wenige Jahre in der Geschichte des Eurovision Song Contest zurückblickt, findet man mehrere Beispiele dafür, dass die Rundfunkunion die Bewerber und ihre Lieder mit zweierlei Maß messen. 

So war es schon einmal möglich gewesen, dass sogar offenkundige politische Manifestationen zum gesamteuropäischen Musikwettbewerb nicht nur zugelassen, sondern beim Finale regelrecht gefeiert wurden. Dabei denke man an die Hymne der proeuropäischen Proteste während der sogenannten Orangen Revolution in der Ukraine "Rasom nas bahato" ("Zusammen sind wir viele"). Nur einen Satz mussten die Liedermacher streichen, "Juschtschenko, unser Präsident!", um am ESC-Finale im Mai 2005 teilnehmen zu dürfen.

Das Rap-Lied der ukrainischen Band Greenjolly ist eine Anspielung auf das legendäre Lied der chilenischen Band Quilapayún "El pueblo unido jamás será vencido" aus dem Jahre 1973. Es wurde zur Hymne der chilenischen Kommunisten und wird auch in den heutigen Tagen bei Straßenprotesten in Chile gesungen.

Die Ukrainer sangen über die Einheit der Nation "aller Ukrainer", die gemeinsam "unbesiegbar" seien. Während der dazugehörigen Tanz-Performance versuchten die Darsteller, sich aus Ketten zu befreien.

Man könnte sich zu Recht fragen, wer im Lied eigentlich als imaginärer Unterdrücker gemeint war: Russland? Die Ukrainer aus dem anderen politischen Lager? Gut die Hälfte der Bürger, die Wähler des Juschtschenko-Rivalen Wiktor Janukowitsch, könnten im Lied durchaus als Angriff auf sich selbst als angebliche Feinde der Freiheit sehen. Denn auch nachdem der Name Wiktor Juschtschenkos aus dem Text gestrichen wurde, wussten sie sehr wohl, gegen welche politischen Kräfte sich die Band im Lied auflehnte. Doch für die EBU war das kein Problem, denn die Künstler standen politisch auf der "richtigen, proeuropäischen Seite".

Die Geschichte wiederholte sich im Jahre 2016, als sich die ukrainische Sängerin krimtatarischer Abstammung Jamala im Wettbewerb mit einer beeindruckenden Performance knapp gegen ihren Rivalen aus Russland, Sergei Lasarew, durchsetzen konnte. Ihr ESC-Beitrag "1944" über die Verbannung der Krimtataren von der Krim nach Zentralasien nach einem Stalin-Erlass hätte, wie sie selbst auch später zugab, genauso "2014" heißen können.

Jamala (bürgerlich Susana Dschamaladinowa) ist glühende Gegnerin der russischen "Besatzung" der Krim, wie sie die Eingliederung der Republik Krim in die Russische Föderation bezeichnete. Ihr Sieg wurde politisch zu einem Dauerereignis, das in der Nichtzulassung der russischen Kandidatin Julia Samoilowa zur Teilnahme am Finale im Jahr 2017 in Kiew gipfelte. Für die Medien in Europa wie etwa den Deutschlandfunk war damals der politische Sinn ihrer Aktion mehr als offensichtlich:

"Politischer Song gewinnt den ESC. Auch wenn die Prüfer der EBU in Genf dem ukrainischen Beitrag im Vorfeld beschieden hatten, er enthalte keine politische Botschaft: Für die Krimtatarin Jamala ist es ein politisches Lied. In ihrer Heimat wird die Sängerin jetzt als Volksheldin gefeiert."

Auch das war für die Europäische Rundfunkunion, die nicht nur EU-Staaten vertritt, kein Anlass zur Rüge, obwohl das Lied und dessen politisch aktive Autorin damals die gesamte osteuropäische Welt spaltete. Denn die politischen Appelle von Jamala entsprachen grundsätzlich den Richtlinien der EU-Staaten und ihren Medien.

Heute ist es Alexander Lukaschenko, der wegen mutmaßlicher Wahlmanipulation und Polizeigewalt bei der Zerschlagung der Straßenproteste in der EU offiziell als "Machthaber" bezeichnet wird, ein Paria. Eine politisch unerwünschte Person. Deswegen wächst die Ironie seiner Sympathisanten gegenüber den politischen Gegnern in den Augen der EBU-Juroren zu gefährlicher Propaganda heran. Und zwar selbst dann gefährlich, wenn die Satire nur vermutet wird, denn der Sänger hat die Botschaft seines ESC-Songs bislang nicht kommentiert.

Ob er von Anfang an mit einem solchen Szenario gerechnet hat, ist ungewiss. Seinen möglichen Ausschluss vom Wettbewerb sieht Budakow jedenfalls gelassen. "Eishockey haben sie uns schon weggenommen", sagte er in Anspielung auf den Entzug der Ausrichtung der nächsten Weltmeisterschaft, die in Minsk hätte stattfinden sollen, durch den internationalen Eishockeyverband IIHF. Am Montag sagte er im weißrussischen Fernsehen, dass seine Band zwei Ersatzlieder einreichen will. 

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