Meinung

Ukrainische Armee beschießt massiv Zivilisten im Donbass – Was sagt die westliche Wertegemeinschaft?

Sieben Jahre nach dem Maidan ist die Ukraine tief gespalten. Kiew verstärkt seit 2021 den Terror gegen die eigene Bevölkerung im Südosten des Landes und lässt die ukrainische Armee vermehrt mit schweren Waffen auf Zivilisten im Donbass schießen – das Schweigen westlicher Medien darüber ist ohrenbetäubend.
Ukrainische Armee beschießt massiv Zivilisten im Donbass – Was sagt die westliche Wertegemeinschaft?Quelle: www.globallookpress.com © Michael Bunel/ZUMAPRESS.com

Kommentar von Eva Bartlett

Während sich die Welt größtenteils auf jeweils eigene Probleme im Zusammenhang mit der COVID-Pandemie konzentriert, geht der siebenjährige Krieg der Ukraine gegen die Menschen im Donbass weiter. In den letzten Wochen wurde der Beschuss gegen dort lebende ukrainische Zivilisten durch Kiews Militär noch intensiviert – was auf vorhersehbares Schweigen der westlichen Medien traf.

Angeblich gab es ja nach den Minsker Vereinbarungen einen Waffenstillstand. In Wirklichkeit sind die Bewohner des Donbass in Ortschaften, die nahe der "Friedenslinien" liegen, ununterbrochenem ukrainischem Beschuss ausgesetzt. Die Ukraine setzt unter Verletzung des Abkommens schwere Waffen ein, darunter Mörser vom Kaliber 82 und 120 Millimeter (Anm. d. Red.: Mörsergranaten im Kaliber 82 Millimeter lassen sich auch mittels der Panzerfaust RPG-7 und der Raketenmotoren der dazugehörigen Munition verschießen, indem sie anstelle des Panzerabwehrsprengkopfes über einen Adapter an den Raketenmotor angeschraubt werden. Eigentlich für den Kampf in dichter besiedelten Regionen entwickelt, wird diese Möglichkeit jedoch von der ukrainischen Seite genutzt, um sich über das Verbot schwerer Waffen im Abzugsgebiet hinwegzusetzen, denn mit dem Wegfall des nun überflüssigen Mörsers fehlt eben die eigentliche verbotene "Waffe"), der Beschuss erfolgt routinemäßig nachts, wenn die Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) die Gegend nicht patrouillieren.

Aber die ukrainischen Streitkräfte schießen auch tagsüber – und tatsächlich hat dies in letzter Zeit zugenommen (allem Anschein nach unter anderem mit Phosphormunition) und erfassen dabei sogar Zielgebiete, die weiter hinter der Frontlinie liegen.

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Den meisten Menschen könnte man verzeihen, wenn sie von den Ereignissen in den abtrünnigen ukrainischen Republiken Donezk und Lugansk (DVR/LVR) in der Donbass-Region nicht viel mitbekommen: Die Konzernmedien rühren das Thema entweder gar nicht erst an oder aber sie machen ihre Berichterstattung gefällig für die ukrainische Regierung.

Und doch gibt tatsächlich noch echte Journalisten und Internetseiten mit echten Nachrichten zu diesem Thema, die ihr Publikum mit regelmäßigen Meldungen auf dem Laufenden halten – doch sie sind nicht so weit bekannt, wie sie sein sollten.

Seit meiner eigenen Berichterstattung vor Ort im September 2019 aus den Dörfern der DVR nahe den Frontlinien habe ich weiterhin Kontakt zu Reportern ebenso wie zu den Bewohnern, die über die Lage dort berichten.

Einer von ihnen war Iwan Prichodko, der Bürgermeister von Gorlowka, einer Stadt nordöstlich von Donezk. Er berichtete auf seinem Telegrammkanal am 19. Februar detailliert über die nahegelegenen Dörfer Saizewo und Schachta 6/7 (eine Siedlung von Bergleuten, benannt nach der Zeche Nummer 6/7), die unter schwerem Artilleriebeschuss durch die Ukraine stehen. Einen schweren Artilleriebeschuss von Schachta 6/7 und eines weiteres Dorfes meldete er zum Beispiel am frühen Morgen des 20. Februar – Einheimische sprachen von mehr als hundert Treffern.

Am gleichen Tag und ebenfalls aus Gorlowka schrieb Alexei Karpuschew:

"Von etwa fünf Uhr morgens und bis zum jetzigen Zeitpunkt setzen bewaffnete Formationen der Ukraine die Stadt schwerem Artilleriebeschuss aus. Das gab es so schon lange nicht mehr."

Laut Karpuschew – einem ehemaligen Ersten Sekretär des Komitees der Kommunistischen Partei der Ukraine in Gorlowka – nahm in den letzten Wochen die Zahl der Angriffe der ukrainischen Armee "deutlich zu." Er erwähnte, dass kürzlich ein 22-jähriger Zivilist bei den Angriffen schwer verletzt wurde. (Anm. d. Red.: In Karpuschews Facebook-Chronik finden sich im Schnitt täglich Meldungen zu Beschüssen von Zivilisten und zivilen Objekten durch die Ukraine. Nutzen Sie nötigenfalls die integrierte Übersetzungsfunktion von Facebook.)

Ich fragte ihn: Warum gerade jetzt dieser verstärkte Beschuss? Er antwortete mit folgender Beobachtung:

"Die Aggression der Ukraine hat genau dann zugenommen, als Biden in den Vereinigten Staaten an die Macht gekommen ist."

Es ist also sehr wahrscheinlich, dass sich der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij mit der Rückkehr der Kriegstreiber ins Weiße Haus zuversichtlicher fühlt. Nicht lange nach der Machtübernahme durch Biden nahmen die USA auch ihre rechtswidrige Bombardierung Syriens wieder auf.

Gestatten – Zielobjekte der ukrainischen Granaten: "Wir leben nicht – wir überleben"

Bei meinen Streifzügen durch Dörfer nordwestlich und nördlich von Gorlowka, vorbei an vielen mit Brettern vernagelten oder gänzlich zerstörten Häusern (ein Haus qualmte immer noch nach dem von Granaten im Inneren ausgelösten Brand), traf ich damals die Bewohner: Sie waren – trotz des nächtlichen Beschusses und der Schäden – in ihren Häusern geblieben, weil sie einfach gar keine andere Wahl hatten.

Eine von ihnen – eine 74-jährige Frau, deren Haus nach mehrmaligem Beschuss kurz davor stand, zusammenzustürzen – gestand:

"Ich habe Angst in der Nacht – dann fangen sie mit richtig schwerem Beschuss an. Mein Mann ist tot. Ich kann nirgendwo hin."

In einem anderen Dorf traf ich einen Mann, der gerade eine Straße entlang gehen wollte, die zu meiden man mich gewarnt hatte – wegen der Gefahr, von ukrainischen Scharfschützen beschossen zu werden. Sein Haus lag in einem jetzt weitgehend unbewohnten Gebiet, denn wer dort hingeht, begibt sich direkt in die Schusslinie. Doch er konnte sonst nirgendwo hin, genauso wie andere, die ich traf.

Er war zu einem Gespräch bereit, aber ohne Kamera: Er erklärte, die ukrainische Artillerie habe sein Haus beschossen – und zwar merkwürdigerweise unmittelbar nachdem er ein Videointerview gegeben hatte. Er berichtete auch, dass er einmal von einem Scharfschützen am Bein angeschossen wurde; viele andere Male musste er sich Deckung suchend auf den Boden werfen, wenn die Scharfschützen anfingen zu schießen.

Ein anderer Mann aus derselben Gegend hatte dagegen keine Angst, vor der Kamera zu sprechen – obwohl auch sein Haus durch ukrainische Artillerie beschädigt worden war.

"Wenn ihr euch an den Zweiten Weltkrieg erinnert – warum unterstützt ihr dann Nazis? Warum unterstützt ihr jetzt die Nazis? Offene, unverhohlene Nazis... Warum schweigt sich Europa aus? Alle kommen hierher und stimmen mir zu – doch es ändert sich nichts. Die OSZE schreit auf – doch wenn sie selber unter Beschuss kommt, schweigt sie – sie sagt nicht, dass die Ukraine sie angreift."

In Saizewo, einem anderen Dorf nahe der Frontlinie, erzählte mir die Vorsitzende Irina Dikun von der Hölle, in der das Dorf seit sechs Jahren lebt: In ihrem Dorf kam die angebliche "Waffenruhe"  nie an.

"Wir leben hier nicht – wir überleben. Diejenigen, die weggehen konnten, sind auch gegangen. Diejenigen, die geblieben sind, sind überwiegend die älteren Menschen."

Krankenwagen können die Häuser in der Gegend der Frontlinie, die von der Ukraine bombardiert wird, nicht erreichen – also lernte sie Autofahren und absolvierte eine Erste-Hilfe-Ausbildung, um verletzten Bewohnern helfen zu können. Neben einer detaillierten Schilderung der Zerstörung des Dorfes – "Straße um Straße" – durch die ukrainischen bewaffneten Formationen unterstrich sie nachdrücklich, dass die Behauptungen westlicher Medien über eine angebliche "russische Invasion" in die abtrünnigen Republiken falsch sind.

"Hier gibt es keine russische Invasion. Nur ganz normale friedliche Menschen, die anders leben wollten. Am Anfang wollten wir auch keine Republik gründen, wir wollten nur Autonomie. Aber man hörte nicht auf uns. Die Ukraine hat ihre Streitkräfte gegen die Menschen entsandt und ihre Artillerie gegen uns eingesetzt."

Auch mit zahlreichen Soldaten der DVR konnte ich mich unterhalten. Ich fragte sie unter anderem, warum sie zu den Waffen gegriffen hatten. Einer antwortete:

"Wegen des Mordes an all den Menschen damals in Odessa. Das hat uns dazu gebracht, dem Militär beizutreten – um  unsere Heimat zu verteidigen."

Ein anderer Soldat erzählte, er habe sich zunächst den Protesten gegen den Putsch in Kiew angeschlossen und dass er "das Nazi-Regime nicht unterstützt". Und schließlich habe auch er zur Waffe gegriffen, um die DVR zu verteidigen.

In diesen Frontgebieten – 500 Meter von den ukrainischen Streitkräften entfernt – musste ich eine Schutzweste und einen Helm tragen. Als ich dann verschiedenen älteren Menschen zuhörte, die über den Artilleriebeschuss fast jede Nacht und das Feuern schwerer Maschinengewehre klagten, dem sie ausgesetzt waren, wurde mir schlagartig klar: Diese tapferen Seelen haben ja gar nichts, was sie beschützen könnte, auch weltweit keine Instanz, die die Ukraine daran hindern würde, sie zu verstümmeln und zu ermorden, ihre Häuser zu beschädigen oder gänzlich zu zerstören – jahraus, jahrein.

Hingegen hat die (offizielle) Ukraine die westlichen Staaten, die ihre Verbrechen schönfärben und ihr auch noch die Waffen liefern.

Westliche Botschafter auf Desinformationstour an der Frontlinie

Am 11. Februar berichtete die ukrainische Regierung, Präsident Selenskij und eine Schar westlicher Botschafter besuchten die Frontlinien auf der von der Ukraine kontrollierten Seite. Dabei schwafelte Selenskij darüber, wie wichtig es doch sei, dass seine Mittäter in der Desinformation "mit eigenen Augen" sehen sollten, was im Donbass passiert.

Naja – nee! Gar nichts haben sie bei dieser sterilen Visite gesehen, was über die ihnen gesetzten Grenzen hinausginge. Vor allem dürften sie mit Sicherheit keine Berichte der gepeinigten Menschen von der Art gehört haben, wie ich sie ich unmittelbar auf der anderen Seite der Frontlinie gehört habe.

Sie dürften auch nichts von den vielen Menschen – oft älteren Leuten – wissen wollen, die wortwörtlich zwischen vier Wänden zerstörter Häuser oder nur noch in einem Schulkeller leben, ohne Zugang zu Strom, Wasser, Gas zum Kochen, und daher zum Überleben dringend auf Hilfe angewiesen sind. Auch daran hat die Ukraine Berichten zufolge UN- und Rot-Kreuz-Hilfslieferungen gehindert, nämlich wie kürzlich in die DVR zu gelangen:

Am 24. und 25. Februar beschossen die ukrainischen Streitkräfte Jelenowka, eine frontnahe Ortschaft südlich von Donezk, über die – wie vorsorglich angekündigt – humanitäre Hilfe der UN und des Roten Kreuzes eintreffen sollte, und verhinderten so die Lieferung der Hilfsgüter.

Mit dem Verhindern von Hilfsgüterlieferungen – vom ständigen Beschuss ziviler Objekte ganz zu schweigen – hat sich die Ukraine weitestmöglich davon entfernt, "ihre Verpflichtungen zur Herstellung eines Waffenstillstandsregimes" zu erfüllen, was dennoch Präsident Selenskij gegenüber den westlichen Botschaftern behauptet.

Während das offizielle Moskau die schreckliche Lage von vier Millionen Menschen unter dem Beschuss der ukrainischer Artillerie beklagt, schweigen sich westliche Regierungsbeamte entweder gänzlich aus oder aber sie fabrizieren weitere Anschuldigungen gegen Russland und gegen die dort lebenden Verteidiger des Donbass.

Der Stellvertreter von Russlands Ständigem Vertreter bei den Vereinten Nationen Dmitri Poljanski brachte am 24. Februar erneut Russlands Entrüstung über die menschenverachtende Haltung der Offiziellen in Kiew zum Ausdruck:

"4 Millionen Menschen im Osten der Ukraine leben unter prekären Bedingungen unter ukrainischem Artilleriebeschuss und werden bei den Verhandlungen in Minsk völlig ignoriert. Die Ukraine leugnet die Existenz dieser Menschen nahezu und bezeichnet sie, die sich auf ihrem eigenen Land befinden, als Besatzer."

Westliche Medien schweigen sich, wie vorhersehbar war, zu den Verbrechen der Ukraine aus. Sie verzerren das Bild der Verteidiger des Donbass zu "pro-russischen Separatisten" – völlig losgelöst von dem, was die Menschen im Donbass eigentlich wollen. Nach allem, was ich dort gehört habe, ist alles, was sie wollen, ihre Autonomie von der kriminellen Regierung in der Ukraine. Und vor allem wollen sie ein Ende des Krieges.

Und während westliche Offizielle und Medien über eine angebliche "russische Invasion" in den beiden Volksrepubliken schwadronieren, betonte kürzlich sogar selbst der Vorsitzende der OSZE-Sonderbeobachtungsmission, dass das nicht wahr ist.

Eine Anmerkung noch: Einer der Soldaten fragte mich, wie denn die Reaktion der Menschen im Westen auf die schamlose Zurschaustellung von Nazi-Symbolen in der Ukraine sei. Meine Antwort war, dass die meisten Menschen dank den westlichen Medien davon gar nicht erst erfahren.

Kürzlich warnte der Staatschef der DVR, "Wir müssen auf alles gefasst sein", was aus der Ukraine kommen kann. Und in der Tat, mit der kriegslüsternen Biden-Regierung können wir sicher auch mit einem Anstieg westlicher Unterstützung für die Ukraine bei deren weiterer Bombardierung der Menschen im Donbass rechnen.

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Übersetzt aus dem Englischen.

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Eva Bartlett ist eine unabhängige kanadische Journalistin und Aktivistin. Sie berichtete jahrelang über Konfliktzonen im Nahen Osten, insbesondere in Syrien und Palästina (wo sie fast vier Jahre lang lebte), – direkt vom Ort des Geschehens. Ihren englischsprachigen Twitter-Kanal kann man unter @EvaKBartlett lesen und abonnieren.