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Britische Wissenschaftler: Wahrscheinlich mehr Todesfälle infolge der Lockdowns als durch Corona

Ein Team von britischen Wissenschaftlern weist auf seine jüngsten Forschungsergebnisse hin, wonach Schulen nicht hätten geschlossen werden müssen. Lediglich Risikogruppen hätten isoliert werden sollen und Herdenimmunität wäre möglicherweise der bessere Weg gewesen.
Britische Wissenschaftler: Wahrscheinlich mehr Todesfälle infolge der Lockdowns als durch CoronaQuelle: AFP © Justin Tallis

von Rob Lyons

Eine neue Studie von Wissenschaftlern der Universität Edinburgh legt nahe, dass Lockdowns nicht dazu beitragen, die Zahl der Corona-Todesopfer zu verringern, sondern diese möglicherweise nur hinausschiebt. Es ist ein weiteres Beweisstück, das darauf hinweist, dass eine andere Strategie zur Bekämpfung der Pandemie erforderlich ist. Eine Strategie ohne pauschale Einschränkungen für die gesamte Gesellschaft.

Die Untersuchung wurde von einem Team der Fakultät für Physik und Astronomie der Universität Edinburgh durchgeführt. Falls das merkwürdig klingt, so hat Professor Graeme Ackland, einer der Autoren des Berichts, eine gute Erklärung dafür. Er erzählte mir:

Seit März ist jeder seriöse Epidemiologe zu SPI-M (Wissenschaftliche Gruppe zur Modellierung einer Grippepandemie) und SAGE (wissenschaftliche Hauptberatergruppe für Notfälle) abgestellt worden, um neue Forschungsergebnisse auf einer Zeitskala von Tagen zu erstellen. Es gibt einfach nicht genug von ihnen, um auch Replikationen oder sogar sorgfältige Gruppenuntersuchungen durchzuführen. Aber es gab Tausende von Menschen, die Datenbereinigung, Codeüberprüfung, Validierung und Replikation durchführen konnten.

Ackland und seine Kollegen wurden, wie er sagt, "von SPI-M und SAGE beauftragt, etwaige 'Vorbehalte' zu untersuchen. SPI-M verstand das Problem des Gruppendenkens in einer geschlossenen Gemeinschaft sehr gut und bat uns, alles zu testen. Noch etwas, was echte Epidemiologen selbst tun würden, wenn sie genügend Zeit hätten".

Das Paper stellt keine wirkliche Kritik an der Modellierung der Situation dar, die vor dem Lockdown erfolgte. Mehr noch: Es wurde das vom Imperial College verwendete Modell angewandt, um eine breitere Palette von Szenarien zu bewerten, als dies damals der Fall war. "Meine allgemeine Meinung ist, dass die Experten der Regierung zuverlässig bessere Vorhersagen erstellt haben, als die 'Zeitungsexperten' es taten", sagte Ackland. Ein Satz in dem neuen Bericht ist im Hinblick auf die ursprüngliche Arbeit des Imperial College besonders auffällig:

Entgegen der weit verbreiteten Meinung wurde der Lockdown, der dann umgesetzt wurde, in dieser Arbeit nicht spezifisch modelliert.

Wenn man bedenkt, dass die Abriegelung monatelang andauerte und die Schulen bis zum Herbst geschlossen blieben, ist es bemerkenswert, dass man nicht noch einmal zurückging, um zu sehen, was das Modell über die Auswirkungen des Lockdowns aussagt.

Ziel des Berichts sei es, "die Informationen zu replizieren und zu analysieren, die den politischen Entscheidungsträgern im Vereinigten Königreich zur Verfügung standen, als im März 2020 die Entscheidung über die Abriegelung getroffen wurde". Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass das ursprüngliche Modell eine gute Prognose geliefert hätte, wenn es auf einer Reproduktionszahl für das Virus von 3,5 basiert hätte. (Der Bericht des Imperial College vom 16. März ging davon aus, dass  "R" [die Reproduktionszahl] zwischen 2,2 und 2,4 lag.) Das kontraintuitive Ergebnis des Modells legt nahe, dass "die Schließung von Schulen und die Isolation jüngerer Menschen die Gesamtzahl der Todesfälle erhöhen würde, wenn auch auf eine zweite und nachfolgende Wellen verschoben".

Das Modell suggeriert, dass sofortige Interventionen wirksam waren, um zu Stoßzeiten die Nachfrage nach Intensivbetten zu reduzieren, aber die Epidemie auch verlängern würden. In einigen Szenarien könnte dies auf lange Sicht zu mehr Todesfällen führen. Warum? Weil, wie der Bericht feststellt, "die COVID-19-bezogene Sterberate stark auf ältere Altersgruppen ausgerichtet ist. Ohne ein wirksames Impfprogramm würde keine der vorgeschlagenen Eindämmungsstrategien im Vereinigten Königreich die vorausgesagte Gesamtzahl der Todesfälle unter 200.000 senken".

Es ist ratsam, mit bestimmten Zahlen vorsichtig umzugehen. Als die Forscher ein ähnliches Modell zum Beispiel auf Schweden anwandten, lagen die Zahlen weit über den tatsächlichen Ergebnissen. Nichtsdestotrotz war es nicht das oft angeführte Zitat von der halben Million Todesfälle durch eine Politik des Nichtstuns, die im März wirklich alarmierend war. Es war die Behauptung des Teams vom Imperial College, dass die "wirksamste Minderungsstrategie", die sie untersuchten, zu etwa 250.000 Todesfällen führen würde. Diese sah eine Isolation der Betroffenen, Quarantäne der Privathaushalte und soziale Distanzierung der älteren Menschen vor.

Das war der Grund, so wurde uns gesagt, warum nichts anderes als ein Lockdown helfen würde. Wenn die Regierung Professor Neil Ferguson gebeten hätte, ein Modell für den Lockdown zu entwerfen, und das Ergebnis wären 200.000 Tote gewesen – mit anderen Worten, in der gleichen Größenordnung –, wären wir dann in den Lockdown gegangen, angesichts des Schadens, den er angerichtet hat?

Insbesondere war die Schließung von Schulen und Universitäten wegen COVID-19 ein schwerwiegender Fehler, wie es scheint (im Gegensatz zu den April-Kommentaren von Ferguson, der die ursprüngliche Modellierung leitete). Sie geöffnet zu lassen, hätte bedeutet, dass sich viele jüngere Menschen mit relativ geringem Schaden mit dem Virus infiziert hätten, was jedoch den Prozess des Erreichens der "Herdenimmunität" beschleunigt hätte.

Abschließend schreiben die Autoren von der Universität Edinburgh:

Die optimale Strategie zur Rettung von Leben in einer COVID-19-Epidemie unterscheidet sich von der für eine Grippeepidemie durch ein anderes Altersprofil der Todesfälle.

Zumindest hätten die Schulen offen bleiben und gleichzeitig alles dafür tun können, die am stärksten gefährdeten Gruppen zu schützen, so Ackland. Absolute Priorität war es, die Krankheit von Krankenhäusern und Pflegeheimen fernzuhalten.

Es überrascht nicht, dass genau diese Botschaft von SAGE vor der Veröffentlichung der Modellierungsergebnisse des Imperial College am 16. März erfolgte. Zum Beispiel sagte Professor Graham Medley, Vorsitzender des SPI-M und Mitglied des SAGE, am 13. März gegenüber BBC Newsnight:

Dieses Virus wird uns noch eine lange Zeit begleiten. Wir werden eine Epidemie haben, dann wird es endemisch werden und sich mit all den anderen Coronaviren, die wir alle ständig haben, zusammenschließen, ohne dass wir es bemerken. Wir werden das erzeugen müssen, was wir Herdenimmunität nennen. Das ist also eine Situation, in der die Mehrheit der Bevölkerung gegen die Infektion immun ist. Und die einzige Möglichkeit, dies ohne Impfstoff zu erreichen, besteht darin, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung infiziert.

Der Trick besteht darin, dafür zu sorgen, dass die Menschen, die am schlimmsten von der Krankheit betroffen sind, davor geschützt werden. Dies hat die britische Regierung trotz des Lockdowns versäumt.

Das Verschieben einer Lawine von Fällen ist nicht unbedingt eine schlechte Sache. Zum Beispiel hat es uns ermöglicht, einige spezifische Behandlungen zu finden, insbesondere die Erkenntnis, dass das Steroid Dexamethason das Leben der meisten erkrankten Patienten retten kann. Wir haben gelernt, dass Beatmungsgeräte, die zu Beginn der Krise ein so großer Schwerpunkt waren, weniger nützlich sind als zunächst angenommen. Andererseits haben wir gelernt, dass Nierendialysegeräte lebenswichtig sein können. Wenn bald ein Impfstoff auf den Markt gebracht werden könnte, könnte auch das sehr wichtig sein, aber das erscheint vor dem nächsten Frühjahr unwahrscheinlich.

Tatsache bleibt jedoch, dass diese Epidemie erst dann ein Ende haben wird, wenn entweder genügend Menschen mit dem Virus infiziert sind, um die weitverbreitete Übertragung zu beenden, oder bis ein wirksamer Impfstoff zur Verfügung steht. Angesichts des Modells wäre es viel besser, wenn die Menschen, die sich anstecken, jung und gesund wären und nicht alt und ohne Vorerkrankung.

Anstatt ruhig zu bleiben, wie es Schweden tat, geriet die britische Regierung in Panik und verhängte beispiellose Einschränkungen unserer Freiheit. Dies hat der Wirtschaft, der psychischen Gesundheit, der Bildung der Kinder und vielem mehr enorm geschadet. Schlimmer noch, wenn die Wissenschaftler recht haben, wird die Abriegelung keinen großen Einfluss auf die Rettung von Menschenleben darstellen. Und nachdem sich die Regierung zu diesem Kurs verpflichtet hat, scheint sie nicht geprüft zu haben, ob dies mit genau den Modellen, auf die sie sich in erster Linie verlassen hat, überhaupt Sinn ergibt.

Die Tatsache, dass die Zahl der Fälle in ganz Europa gestiegen ist – insbesondere in Ländern wie Frankreich und Spanien, die die strengsten Lockdowns verhängten – sollte uns Anlass zur Sorge aber nicht zur Beunruhigung geben. Es gibt Anzeichen dafür, dass sich die Ausbreitungsgeschwindigkeit verlangsamt hat, was möglicherweise bereits die Auswirkungen einer gewissen Immunität der Bevölkerung widerspiegelt, obwohl die Fallzahlen noch immer steigen. Die Zahl der Todesfälle ist jedoch gering und macht derzeit nur etwa zwei Prozent aller Todesfälle in England und Wales aus.

Es könnte das schlimmste aller Szenarien eintreten: Immer mehr Einschränkungen, immer mehr ältere Menschen infizieren sich mit dem Virus und gehen mit dem üblichen saisonalen Anstieg anderer Krankheiten wie der Grippe, die COVID-19 übertreffen, in den Winter. Mit allen damit verbundenen Belastungen für die Gesundheitsversorgung.

Es ist noch Zeit, den Kurs zu ändern, die Gesellschaft für jüngere Menschen zu öffnen, die Schwachen zu schützen und zu unterstützen und der Epidemie ihren Lauf zu lassen. Es gibt kein Szenario, bei dem niemand stirbt und alles gut und schön ist. Wir sind von einem tödlichen neuen Virus befallen worden. Das ist keine Entschuldigung für eine schlechte Politik, die eine Krise in eine Katastrophe zu verwandeln droht.

Übersetzt aus dem Englischen.

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Rob Lyons ist ein britischer Journalist, der sich auf Wissenschafts-, Umwelt- und Gesundheitsfragen spezialisiert hat. Er ist der Autor des Buches "Panic on a Plate": How Society Developed an Eating Disorder.

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