Deutschland

Kommt die bundesweite 2G-Regelung? – Drosten sieht "echte Notfallsituation"

Der Winter rückt näher und trotz Impfungen und Maßnahmen beherrscht die "vierte Welle" die politische Debatte. Der Virologe Christian Drosten warnte nun vor einem "sehr anstrengenden Winter". Und nicht nur der Mediziner und SPD-Politiker Karl Lauterbach fordert erneut die flächendeckende Anwendung der 2G-Regelung.
Kommt die bundesweite 2G-Regelung? – Drosten sieht "echte Notfallsituation"Quelle: www.globallookpress.com

Im Vergleich zum selben Zeitraum des vergangenen Jahres hat sich das Corona-Geschehen trotz massiver Impfkampagne und der von der Politik eingesetzten Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 keineswegs entspannt. Im Gegenteil, es beherrschen aktuell vor allem Fragen nach einer Verschärfung der Teststrategie und Rufe nach bundesweiten Einschränkungen für noch Ungeimpfte die Diskussion. Dies vor dem Hintergrund der wieder steigenden Anzahl positiv auf SARS-CoV-2 getesteter und aufgrund oder mit COVID-19 hospitalisierter Menschen. Es gilt, sich nunmehr der "vierten Welle" zu stellen.

Die Politik und weite Teile der Ärzteschaft zeigen sich alarmiert und sehen vor allem die Ungeimpften in der Verantwortung. So plädierten etwa Linksfraktionschef Dietmar Bartsch und die Ärztegewerkschaft Marburger Bund für eine bundesweit geltende 2G-Regelung (genesen, geimpft). Die Sorge um die Gesundheit der Bürger zieht sich dabei durch fast das gesamte politische Spektrum. Durchgreifen ist demzufolge das Gebot der Stunde. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil sprach sich für schärfere Kontrollen von Maßnahmen aus, insbesondere in der Gastronomie. "Es muss klar sein: Wer sich an das Kontrollieren der 3G- oder 2G-Nachweise als Betreiber nicht hält, der muss die Konsequenzen spüren", hieß es vom Sozialdemokraten gegenüber der Rheinischen Post.

Für Linksfraktionschef Bartsch gibt es angesichts des Geschehens nur noch die Wahl zwischen einem Lockdown oder dem bundesweiten Ausschluss der Ungeimpften. Der Deutschen Presse-Agentur teilte er mit:

"Es geht um eine Güterabwägung und um die Frage, was ist der größere Grundrechtseingriff: ein erneuter Lockdown mit katastrophalen Folgen, insbesondere für Kinder und Familien, oder ein bundesweit geltendes 2G-Modell."

Die Corona-Lage sei wieder außer Kontrolle. Bei der Grundfrage der Pandemiebekämpfung dürfe es keinen Flickenteppich und keine falsche Rücksichtnahmen geben, wusste Bartsch mitzuteilen.

Auch der seit eineinhalb Jahren hochfrequentierte Talkshow-Gast, Mediziner und SPD-Politiker Karl Lauterbach sieht sich in seinen Rufen nach schärferen Maßnahmen bestätigt und forderte nun erneut die flächendeckende Anwendung von 2G. Gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) machte Lauterbach deutlich:

"Wir brauchen entweder einen Lockdown oder eine 2G-Regel, und einen Lockdown wird es nicht mehr geben."

Eine deutschlandweite Einführung der 2G-Regel sei im Bund jedoch ohne die Länder nicht durchzusetzen.

"Ich rate daher jeder Landesregierung zur Einführung von 2G."

Er wünsche sie "in allen Bereichen außer in der Grundversorgung", so Lauterbach, der aus seinen Ambitionen, Gesundheitsminister zu werden, kein Geheimnis macht.

Der Marburger Bund folgt laut RND der aktuellen Logik, wonach vor allem die Ungeimpften im Fokus stehen, wenn es um die Vermeidung von Fehlern bei der Pandemiebekämpfung geht: "Sollten wir keine bundesweite 2G-Regel einführen, wäre das der nächste Fehler in der Pandemiebekämpfung." Dabei, dass nun 2G statt 3G endlich Besserung verspricht, ist man sich fraktionsübergreifend einig. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) hatte am Dienstag ebenfalls für eine bundesweite 2G-Regelung im Freizeitbereich plädiert.

Die Parteien der voraussichtlichen Ampel-Koalition – SPD, Grüne und FDP – stellen es in ihrem Gesetzentwurf für das künftige bundesweite Corona-Regelwerk, der ab dieser Woche im Bundestag beraten wird, den Bundesländern offiziell frei, ob sie 3G- oder 2G-Regeln anordnen, wobei einige Länder bereits 2G-Vorschriften erlassen und damit den weitgehenden Ausschluss von Ungeimpften aus dem gesellschaftlichen Leben beschlossen haben.

Gegenüber Gesundheitsökonom Karl Lauterbach gilt wiederum der Virologe Christian Drosten Beobachtern als der besonnener auftretende, dafür aber in Summe oftmals keineswegs weniger alarmierte und vielzitierte Fachmann. Der Leiter der Virologie an der Berliner Charité erwartet nun "einen sehr anstrengenden Winter" und hält auch erneute Kontaktbeschränkungen für denkbar.

"Wir haben jetzt im Moment eine echte Notfallsituation", sagte Drosten angesichts der Lage auf den Intensivstationen im eigenen NDR-Podcast ("Das Coronavirus-Update"). Nun gelte es, erneut das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen: "Wir müssen jetzt sofort etwas machen." Dabei müsse man auch Maßnahmen diskutieren, "die wir eigentlich hofften, hinter uns zu haben", stellte Drosten fest.

"Wir müssen also jetzt die Infektionstätigkeit durch Kontaktmaßnahmen wahrscheinlich wieder kontrollieren – nicht wahrscheinlich, sondern sicher."

Allerdings könnte es juristisch schwer sein, breite allgemeine Kontaktmaßnahmen durchzusetzen. Derweil hält es Kölns Oberbürgermeisterin, die parteilose Henriette Reker, bei weiter stagnierender Impfbereitschaft eine Impfpflicht für angezeigt. Nunmehr ist es die Impfpflicht, die demnach den Weg zur Freiheit ebnet. Gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger gab das Oberhaupt der Millionenstadt zu Protokoll:

"Ich fürchte, dass wenn wir bis Weihnachten keinen richtigen Schub bei der Impfquote haben, werden wir über eine Impfpflicht für alle diskutieren müssen. Es kann ja jetzt nicht auf Dauer so weitergehen mit den Einschränkungen in unserem Leben."

Der Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, Andreas Zick, warnte im RND allerdings vor einer zunehmenden Radikalisierung "bestimmter Gruppen": "Wir können über einen Impfzwang diskutieren. Doch der Preis dafür wird sein, dass bestimmte Gruppen unter den Impfgegnern noch sehr viel aggressiver vorgehen." Man habe gehofft, dass die Herdenimmunität einen Ausweg biete und man damit jede Form von Zwangsmaßnahmen umgehen könne. Jetzt werde sich die Lage weiter verschärfen. "Wir rennen immer weiter in ein Dilemma hinein, das dramatisch ist. Mit der vierten Welle geht die nächste Welle der Radikalisierung einher."

Mehr zum Thema - Berlin: Senat bereitet umfassende 2G-Regeln vor

(rt/dpa)

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