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Corona-Dissens "nicht genehm" – ehemaliges Mitglied rechnet mit Leopoldina ab

"Der Wissenschaft vertrauen" lautete das Credo der Bundesregierung zur Rechtfertigung der eigenen Corona-Politik. Immer neue Wissenschaftler und Mediziner sind damit nicht einverstanden. Darunter der Mathematiker Stephan Luckhaus. Ende letzten Jahres trat er aus der Leopoldina aus. Nun wandte er sich mit einem Video an die Öffentlichkeit.
Corona-Dissens "nicht genehm" – ehemaliges Mitglied rechnet mit Leopoldina ab© Screenshot

Prof. Dr. Stephan Luckhaus ist in der deutschen Wissenschaftslandschaft wahrlich kein Unbekannter. 2002 wurde er Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. 2003 erhielt er den Max-Planck-Forschungspreis. Am 28. März 2007 (Matrikel-Nr. 7124) wurde er zum Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina gewählt.

Bis zum 6. Dezember 2020 war er Leopoldina-Mitglied und dort Senator für die Sektion Mathematik. Aus Protest trat er jedoch aus der renommierten Wissenschaftsinstitution aus. Vor wenigen Tagen wandte er sich auf der Video-Plattform YouTube erneut an die Öffentlichkeit, um seinen Schritt zu begründen.

Zu Beginn seiner Ausführungen stellt Luckhaus klar, dass er kein sogenannter "Corona-Experte wie Lauterbach, Spahn und Wieler" sei.

"Ich bin Mathematiker mit Erfahrung in den Gleichungen der mathematischen Epidemiologie, den stochastischen Prozessen, und in nichtparametrischer Statistik."

Der Seniorprofessor am Mathematischen Institut der Universität Leipzig kommt schnell zur Sache. In der Altersklasse unter 70 würden nur wenige Menschen an COVID-19 erkranken. Noch weniger würden an einer entsprechenden Infektion versterben. Luckhaus konkretisiert, dass bei einer Person im Alter von 50 bis 64 Jahren, die sich im April 2020 infiziert hätte, die Wahrscheinlichkeit, auch an der entsprechenden Infektion zu sterben, bei "circa ein Promille (0,1 Prozent oder Wahrscheinlichkeit 0,001)" gelegen habe.

"Das ist die Wahrscheinlichkeit für eine Person in diesem Alter, auch ohne Corona im Zeitraum von zwei Monaten zu versterben."

Zudem kämen auf jeden sogenannten "Corona-Toten" in der von ihm genannten Altersklasse mindestens 700 Personen, die eine Immunantwort entwickeln würden. In der Tat werden derlei Vergleiche in Politik und Qualitätsmedien nur im Ausnahmefall angestrengt.

Während seiner Ausführungen erwähnt der renommierte deutsche Wissenschaftler zwei von ihm in englischer Sprache verfasste Artikel. Bei diesen habe es sich um eine Auftragsarbeit für die NAL-Live der Leopoldina gehandelt.

NAL steht für Nova Acta Leopoldina. Gemeinsam mit der Acta Historica Leopoldina (AHL) werden die wissenschaftlichen Zeitschriften der Leopoldina seit 2020 durch die "NAL-live" ergänzt.

Das onlinebasierte Open Access-Format sieht dabei vor, die Artikel fortlaufend zu aktualisieren. Damit entstehen nach Leopoldina-Angaben "Living Documents", die nach eigener Einschätzung "eine lebendige wissenschaftliche Diskussion dokumentieren" sollen.

Doch laut Luckhaus seien seine in den Artikeln formulierten Erkenntnisse "nicht genehm" gewesen. Ein als Gutachter fungierender Kollege und Virologe habe ihm vielmehr vorgeschlagen:

"Warten Sie mit der Publikation ein paar Monate", denn der Artikel stehe im Widerspruch zur Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie.

Anschließend habe Luckhaus nach eigenen Angaben darum gebeten, "die deutsche Kurzfassung über den E-Mail-Verteiler der Leopoldina als meine persönliche Stellungnahme an die Mitglieder zu verteilen". Dies sei jedoch aus Datenschutzgründen abgelehnt worden.

Bei der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) sei es ihm demzufolge ähnlich ergangen. So habe sich der Experte für partielle Differenzialgleichungen während der Corona-Impfkampagne als auswärtiges Mitglied schriftlich an die Mitarbeiter des Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften (Mathematics in the Sciences MiS) gewandt. Dabei habe er auf die Bedeutung der Tatsache hingewiesen, dass die aktuell zirkulierenden Corona-Impfstoffe nur eine Notfallzulassung besäßen.

Laut Luckhaus habe ihm "Kollege (Bernd) Sturmfels", seines Zeichens MiS-Direktor, anschließend "eine Art Abmahnung" zukommen lassen.

"Dissens sei natürlich erlaubt, aber er wolle sich mit mir über die Außenwirkung unterhalten."

Demzufolge hatte Sturmfels auch bereits "mit der Expertin für Kommunikation konferiert". Auch "die beiden anderen Direktoren" hätten nach Angaben des Mathematikers abgelehnt, die von ihm beschriebenen "Ergebnisse als Ergebnisse, die im Institut entstanden sind, nach außen zu tragen".

Die von ihm geschilderten Episoden vermittelten eine ungefähre Vorstellung davon, was sich hinter der Begrifflichkeit "Konsens in der Wissenschaft" verberge.

"Ich bin aus Leopoldina und MPG ausgetreten. Ich bin anscheinend doch kein Konsens-Typ."

Anschließend wendet sich Luckhaus dem Themenkomplex "Inzidenz, Impfen und Immunität" zu und verweist auf eine Studie, die demzufolge im Auftrag des baden-württembergischen Verkehrsministeriums entstanden sei.

"Die Ergebnisse hätten eigentlich wie eine Bombe einschlagen müssen. In einer randomisierten Testgruppe hat es Mitte Februar bis Ende März circa ein Prozent Neuinfektionen pro Woche gegeben. Also so viel zu RKI-Inzidenzen."

Zudem betrage "die mittlere Zeit, während der die Probanden PCR-positiv waren, nicht mehr als vier Tage", was sehr kurz sei.

Die Latenzzeit, während der die Probanden PCR-positiv und Antikörper-negativ waren, habe "aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr als drei Tage" gedauert. Dies ließe nur den Schluss  von "Reinfektionen" (mit der englischen Variante des neuartigen Coronavirus) zu. Es habe sich also nicht um "Neuinfektionen" gehandelt.

"Weit mehr als die Hälfte war schon mit der Wuhan-Variante durch. Weshalb soll man die Leute jetzt noch dem geringen, aber unkalkulierbaren und unkalkulierten Risiko einer Impfung aussetzen?"

Bei seinen Ausführungen betont der Experte immer wieder, dass er seine ehemalign Kollegen sehr geschätzt habe. Luckhaus beendet seine Kritik mit einem Appell "an alle Mediziner, insbesondere die Universitätsmediziner, für die das kein finanzielles Problem darstellt":

"Untersuchen Sie auf vorhandene Immunität mit dem neuen T-Zellen-Test, bevor Sie impfen."

Laut dem Experten bestehe zwar die Gefahr, dass eine "hohe Anzahl von Positiv-Tests die Impfpropaganda ein wenig" relativiere. Der hippokratische Eid, so Luckhaus, wiege jedoch wohl schwerer.

Bislang liegt weder von der Leopoldina noch von der Max-Planck-Gesellschaft eine Stellungnahme zu den Vorwürfen des renommierten Experten vor.

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