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Nach Bayern und Baden-Württemberg hebt auch Berlin Priorisierung auf – Hausärzte befürchten Chaos

Bereits nach der Aufhebung der Impfpriorisierung bei AstraZeneca erlebten Haus- und Fachärzte einen Patientenansturm. Nun will nach Bayern und Baden-Württemberg auch Berlin die Vorrangliste nach Alter oder Beruf in den Arztpraxen abschaffen – trotz Impfstoffknappheit.
Nach Bayern und Baden-Württemberg hebt auch Berlin Priorisierung auf – Hausärzte befürchten ChaosQuelle: Reuters © Fabrizio Bensch

In Bayern und in Baden-Württemberg dürfen ab kommender Woche alle bisher verfügbaren Corona-Impfstoffe ohne Rücksicht auf die staatlich vorgegebene Priorisierung in Arztpraxen verabreicht werden. Auch Berlin kündigte nun an, nachzuziehen. Ab Montag soll sich jeder bei Haus- und Betriebsärzten einen Impftermin ausmachen können. Dabei stehen alle Corona-Impfstoffe zur Auswahl. Auch Sachsen will am 24. Mai folgen. Die Priorisierung nach Beruf, Alter oder Vorerkrankung fällt weg.

Bereits zuvor war die Vorrangliste für die Präparate des schwedisch-britischen Herstellers AstraZeneca und des US-Unternehmens Johnson & Johnson abgeschafft worden. 

Das Bundesgesundheitsministerium hatte bereits vor wenigen Tagen skeptisch auf das Vorpreschen einzelner Länder reagiert, denn der Impfstoff sei nach wie vor knapp. Auch von Ärzteverbänden gab es Kritik. Nun warnten Hausärzte davor, dass der Druck auf Praxen wachse. Die bislang erhältlichen Impfstoffmengen würden nicht ausreichen, um ab Montag all diejenigen zu versorgen, die bereits angefragt hätten, erklärten mehrere Mediziner gegenüber dem Tagesspiegel. Und nun würden sich weitere Zehntausende melden und ebenfalls einen Impftermin haben wollen. Von keinem Impfmittel gebe es jedoch dafür derzeit genug Vorrat.

"Das Chaos ist vorprogrammiert"

Scharfe Kritik am Vorgehen in Berlin kam von der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (KV), die für die niedergelassenen Ärzte zuständig ist. Demnach würde der Schritt des Senats "unvorbereitet" die Praxen treffen. Laut der Vereinigung sei "das Chaos vorprogrammiert". Zudem soll es zuvor keine Absprachen gegeben haben. In einer Mitteilung des Verbandes heißt es dazu: 

"Zu diesem Vorgehen hat es mit uns im Vorfeld leider keine Absprache gegeben. So war eine rechtzeitige Information der KV Berlin gegenüber den Praxen nicht möglich, die nunmehr ab Montag mit einem noch größeren Ansturm impfinteressierter Berlinerinnen und Berliner rechnen müssen."

Dabei habe sich an der Situation in den Praxen nichts geändert, so die Vereinigung weiter. Noch immer gebe es dort nicht ausreichend Impfstoff, "sodass selbst prioritär zu impfende Personen bislang nicht umfassend geimpft werden können".

"Der von der Politik angekündigte 'Ketchup-Effekt', wonach in absehbarer Zeit sehr viel mehr Impfstoff zur Verfügung steht, ist bislang nicht eingetreten."

Der Verband warnte davor, dass die Frage der Impfpriorisierung "nicht zum Wahlkampfthema" gemacht werden dürfe. Mit der kurzfristigen Aufhebung der Priorisierung wecke der Berliner Senat demnach "falsche Erwartungen" in der Bevölkerung und provoziere damit das Chaos in den Praxen. 

Bereits bei der Freigabe bei AstraZeneca hatten Haus- und Fachärzte von einem Patientenansturm berichtet. So sagte jüngst Thomas Preis, Chef des Apothekerverbands Nordrhein, gegenüber der Rheinischen Post:

"Der Impfstoff von AstraZeneca wird so stark nachgefragt, dass die bereitgestellten Mengen nicht mehr ausreichen."

Zur erhöhten Nachfrage trage bei, dass die zweite Dosis nun in einer Frist von vier bis zwölf Wochen gegeben werden könne. Die Verkürzung der Impfabstände auf vier Wochen mache den Impfstoff für junge Menschen attraktiv, so Preis weiter. "Sie wollen bei den anstehenden Lockerungen durch einen kompletten Impfschutz gut vorbereitet sein."

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