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Infektiologe Matthias Schrappe: "Frau Merkel hat sich in einen Tunnel vergraben"

Der Infektiologe Matthias Schrappe hat in einem Interview mit dem Focus erneut die Corona-Politik der Bundesregierung scharf kritisiert: Er befürchtet eine "Betonierung" des Lockdowns, da Merkel sich nur mit Menschen umgebe, die alle der gleichen Meinung seien.
Infektiologe Matthias Schrappe: "Frau Merkel hat sich in einen Tunnel vergraben"Quelle: www.globallookpress.com © Kay Nietfeld/dpa

Der Infektiologe Matthias Schrappe hat im Interview mit dem Focus erneut die Corona-Politik der Bundesregierung scharf kritisiert: Bereits seit dem Frühjahr 2020 fordert der Mediziner eine Abkehr von der derzeitigen Lockdown-Politik. Stattdessen müsse man die Risikogruppen wie Hochbetagte besser schützen, fordert der Mediziner. Den geforderten Strategiewechsel hatten Schrappe und eine Arbeitsgruppe aus Medizinern in zahlreichen Thesenpapieren der Bundesregierung vorgelegt. Bekanntermaßen hielt die Bundesregierung weiter an ihrem Kurs fest. Schrappe bezeichnete die Bundesregierung in diesem Zusammenhang bereits früher als "beratungsresistent".

Auch die derzeitige Verlängerung des Lockdowns hält Schrappe für wirkungslos: Damit könne man zwar die Zahlen schönen. Allerdings müsse man das "Instrument" des Lockdowns immer weiter anwenden, da die Zahlen sonst wieder schlechter werden. Auf diese Weise, befürchtet Schrappe, komme es zu einer Betonierung des inadäquaten Lockdown-Instruments. Weiter weist Schrappe im Interview darauf hin, dass bereits der Begriff der Neuinfektionen unzulässig und falsch sei. Es handele sich dabei um nichts weiter als um unzuverlässige Meldedaten, die einfach hochgerechnet werden. Wenn man mehr teste, bekomme man jedoch auch mehr Fälle. Dass das Geschehen mit diesen Zahlen gesteuert wird, ist in seinen Augen "ein Skandal".

Die derzeitigen Kontaktbeschränkungen, die sich zudem an fragwürdigen Grenzwerten orientieren, seien auch kein geeignetes Mittel gegen die Corona-Gesundheitskrise. Zudem bringen sie nichts für Personen, die besonders gefährdet sind. Schrappe weist darauf hin, dass die Sterblichkeit der Über-90-Jährigen bei 16,3 Prozent liegt. Mittlerweile liege sie, trotz Lockdown, bei 23,3 Prozent. Es sei offensichtlich, dass die gesetzten Ziele und verwendeten Methoden nicht funktionieren:

"Dabei möchte ich wetten, dass, wenn die 50 oder 35 erreicht ist, man sich etwas Neues ausdenken wird."

Die derzeit gefahrene Strategie ist laut Schrappe "haltlos, hoffnungslos und sinnlos", denn der Lockdown gehe an den Bedürfnissen derer vorbei, die geschützt werden sollen. Bereits im April vergangenen Jahres habe er, zusammen mit anderen Ärzten, eine Schnellteststrategie gefordert. Es habe zehn Monate gedauert, bis sich da etwas bewegt. Man bräuchte in der derzeitigen Situation eine politische Führung, die in der Gesellschaft eine "Bereitschaft zur Unterstützung und Hilfe" erreicht.

"Aber die politische Führung verbreitet keine Botschaft, die eine Aufbruchsstimmung erzeugen kann. Nur Angst. Und das seit einem Jahr."

Die Kontaktbeschränkungen seien auch deshalb sinnlos, so Schrappe, da man mit Verboten und Drohungen nichts erreiche, sondern nur mit Überzeugung und vernünftigen Konzepten. Dafür müsse man jedoch Fehler zugeben. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sei dazu allerdings offenbar nicht in der Lage:

"Frau Merkel hat sich in einen Tunnel vergraben. In der Risikoforschung nennt man das Kuba-Syndrom, wenn sie eine Führungsgruppe nur mit Menschen umgibt, die alle der gleichen Meinung sind. Dann gibt es nur die dauerhafte Fortsetzung von Fehlern."

Dabei benötige man ein wirklich unabhängiges Beratergremium für die politischen Entscheider, dem auch Praktiker wie Infektiologen, Krankenhaushygieniker und Gesundheitsamts-Experten angehören. Auch die vielfach von der Regierung beschworene Gefahr durch die britische Mutation des SARS-CoV-2-Erregers ist nach Aussage Schrappes nicht besorgniserregend:

"Die Bedrohlichkeit der Mutation ist nichts weiter als Propaganda. Die Studien geben es nicht her."

Der Mediziner erklärte weiter, dass man die Mutationen natürlich beobachten müsse. Allerdings verändern sich Viren ohnehin immer, und die britische Variante habe sich in der Praxis bisher nicht zu einem Problem entwickelt. Das Problem dabei sei jedoch, dass man, wenn man mit dieser Art der Kommunikation weitermache, immer wieder neue Argumente findet, warum man "in einer Angststarre verharrt".

Auch die "No-Covid"-Strategie, die von einigen Virologen und Physikern proklamiert wird, hält der Infektiologe für nicht besonders sinnvoll. Bei diesem Konzept seien Leute federführend, die die Infektionen nur im Labor beobachten. Es sei auch fraglich, wie dies funktionieren soll, wenn ein Landkreis mit niedriger Inzidenz "grün" sei, für benachbarte Landkreise jedoch eine "rote" Warnstufe gelte, sodass niemand hinaus dürfe:

"Müsste man die roten dann abriegeln, militärisch bewachen? Wie soll denn das gehen?"

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