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Die Wahl aus dem Wohnzimmer: Ohne Jubel und Applaus kürt die CDU einen neuen Vorsitzenden

Die CDU hat einen neuen Vorsitzenden gewählt; Armin Laschet setzte sich in der Stichwahl gegen Friedrich Merz durch. Unser Autor hat den Wahlparteitag live verfolgt und beschreibt, wie er das Geschehen in Berlin empfunden hat.
Die Wahl aus dem Wohnzimmer: Ohne Jubel und Applaus kürt die CDU einen neuen VorsitzendenQuelle: www.globallookpress.com © Marquardt,Christian/Keystone Press Agency

von Stefan Fein

Drei Grad minus, ein paar Schneeflöckchen wehen vereinzelt um den Berliner Funkturm, während nebenan in den Messehallen eigentlich das Leben toben sollte. Zumindest sollte in der Nachbarhalle schon längst gegen Corona geimpft werden. Doch auch dort herrscht Leere.

Werner Adams aus Rheinland-Pfalz kämpft in seinem Wohnzimmer noch mit der Technik. Sein Computer läuft, nur die Sache mit dem Mikro klappt einfach nicht.

Währenddessen versuchen im "Tagungspräsidium", so der amtliche Name der fast leeren, aber bedeutungsschwangeren Halle in Berlin, neben ein paar vermummten Kabelträgern drei Herren mit Maske in taubenblauen Anzügen gute Miene zu machen. Sie sehen ein bisschen aus wie die Drei von der Tankstelle. Bestellt und jetzt vom CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak im schwarzen Anzug als Conferencier abgeholt. Das alles ohne Gäste, ohne Jubel. Kein Applaus, keine Raucherecke, keine letzten Anheizgespräche in den Gängen. Eine Anweisung aus der Regie: "Bitte Aufstellung am weißen Tisch, Masken ab!" Es gilt die Zwei-Meter-Regel. Noch beäugen sich die drei Kandidaten argwöhnisch aus dem Augenwinkel. Dann, wie auf Knopfdruck, weicht bei allen Dreien das Unbehagen aus den Gesichtern einem blitzartig aufgesetzten Lächeln.

Die Reihenfolge von links nach rechts ist nicht zufällig: Armin Laschet links, Norbert Röttgen im hellsten Taubenblau in der Mitte, und schließlich der wirtschaftsliberale Friedrich Merz rechts außen. Seine weiß durchsetzte, rötliche Krawatte trug er schon 2018 beim letzten Versuch, den Vorsitz der Partei zu ergattern. Sie sollte ihm auch diesmal kein Glück bringen. Werner Adams aus Rheinland-Pfalz versuchte ein zweites Mal, eine Minute Redezeit zu nutzen und eine Frage an die Drei zu stellen. Doch das Mikro gab dem Rentner keine Chance. Jetzt folgten noch einmal 15 Minuten verbaler Dauerbeschuss pro Kandidat aufs Wahlvolk.

Röttgen will die CDU weiblicher, jünger und digitaler machen. Laschet geriert sich wie auf einem Bergmannstag in Osnabrück, Merz erklärt wirtschaftsliberal den CO2-Bepreisern den Krieg.

967 der 1.001 Delegierten hatten es um 10.37 Uhr digital geschafft und hielten durch. 992 drücken dann aufs Knöpfchen, drei enthielten sich. Laschet und Merz liegen nur fünf Stimmen auseinander. Kurze Schnappatmung bei Merz. Hat er doch noch eine Chance? Kann er Fraktionsvorsitzender und Kanzler? Er weiß das ja. Aber auch die Delegierten? Röttgen ist mit 224 Stimmen weit abgeschlagen. Es wird spannend: Da eine absolute Mehrheit nicht vorhanden ist, gibt es eine Stichwahl zwischen Laschet und Merz. Minuten der Stille bringen Spannung in eine fast leere Halle. Es ist die Stunde von Werner Adams aus Rheinland-Pfalz in seinem Wohnzimmer. Es kommt auf jede Stimme an. Auch auf seine. Hoffentlich macht der Computer das mit. Das hoffen Hunderte andere in ihren Wohnzimmern jetzt auch.

991 Stimmen werden abgegeben, vier enthalten sich digital. Laschet entscheidet mit 521 vor dem plötzlich bitter dreinguckenden Merz (466) die Stichwahl für sich.

Und plötzlich werden drei große Bildschirme zu 34 kleinen, auf denen im Hintergrund ein paar Delegierte wild applaudieren. Da klappt es auf einmal mit dem Mikro.

Laschet stößt Röttgen siegessicher mit dem Ellenbogen an und lobhudelt den Verlierer: "Er kam aus dem Nichts heraus und hat einen starken Wahlkampf geliefert." Zu Merz sagt er nichts. Da gibt es nur seinen Ellenbogen. Der zweite Platz ist das bitterste Ergebnis.

Für Gewinner Laschet dagegen war diese digitale Wahl ein – Achtung: Englisch – ein "Benchmark für die CDU Deutschlands". Ein Aufbruch in die gelobte neue Digitalwelt.

Ist damit aber alles vorbei? Nein. Denn jetzt müssen alle Delegierten noch mal per Brief bestätigen, damit die Abstimmung per Netz auch so ganz konservativ analog nachvollzogen werden kann. Werner Adams aus Rheinland-Pfalz hat schon vor der Abstimmung seinen Computer ausgemacht. Er guckte den Rest im guten alten Fernseher.

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