Gesellschaft

Neuer Film: Oliver Stone kehrt zum Kennedy-Attentat zurück

Nach seinem Spielfilm von 1991 widmet sich Oliver Stone in seinem neuesten Dokumentarfilm erneut der Ermordung John F. Kennedys. Im Interview sprach Stone über den Film, seine Bewunderung für Kennedy und darüber, warum sogar Präsident Donald Trump nicht alle Akten freigab.
Neuer Film: Oliver Stone kehrt zum Kennedy-Attentat zurückQuelle: AFP © JOHN MACDOUGALL / AFP

Ist Geschichte einmal festgeklopft, lässt sie sich nur schwer wieder aufgraben. Oliver Stone tut es in seinem neuesten Film aber doch. In der Dokumentation "JFK Revisited: Through the Looking Glass" ist der 74-Jährige mithilfe neuer Beweismittel dem Attentat auf Präsident John F. Kennedy (JFK) erneut auf die Spur gegangen, das sich im Jahr 1963, vor fast 60 Jahren, ereignete. Anlässlich der Vorführung auf den Filmfestspielen in Cannes sprach Stone in der Sendung Going Underground mit Afshin Rattansi über sein neuestes Werk.

In der Vergangenheit hatte Stone bereits an zahlreichen Spiel- und Dokumentarfilmen als Regisseur, Produzent und Drehbuchautor gearbeitet. Dreimal wurde er mit dem Oscar ausgezeichnet, davon zweimal als bester Regisseur für die Vietnamkriegsdramen "Platoon" und "Geboren am 4. Juli" und einmal als bester Drehbuchautor für das Drama "Midnight Express".

Im Jahr 1991 hatte sich Stone schon einmal mit dem Thema des JFK-Attentats in Form eines Spielfilms auseinandergesetzt. Die Handlung des Films folgt dem Bezirksstaatsanwalt von New Orleans, gespielt von Kevin Costner, beim Versuch, die wahren Umstände um die Ermordung Kennedys aufzudecken.

Seit dem Ende der 1990er-Jahre produziert Stone mehrheitlich Dokumentarfilme, zuletzt im Jahr 2017 "Die Putin-Interviews".

Kennedy war ein "Kämpfer für den Frieden"

Für die meisten ist JFK Geschichte, nicht so für Stone. Kennedy habe viel mehr getan als das, wofür er heute anerkannt wird. Das sei falsch, zumal er auch ein dekorierter Veteran des Zweiten Weltkriegs war. "JFK war ein Kämpfer für den Frieden!" Zu seinen Erfolgen als Präsident habe u. a. gehört, Kuba die Hände gereicht zu haben.

Stone ist sich sicher: Der Kalte Krieg neigte sich eigentlich schon 1963 dem Ende zu. Mächtige Figuren im Hintergrund hatten aber andere Pläne. Daher habe man auch bis heute die Embargo-Politik mit Kuba nicht beendet:

"Die heutigen Nachrichten zu Kuba sind eine Schande!"

Für Stone war Kennedy zudem der letzte Präsident, der wirklich am Frieden in der Welt gearbeitet hat. Ebenso war er ein überzeugter Gegner des Kolonialismus. Aus Vietnam wollte er in einer zweiten Amtszeit die Armee abziehen, den Krieg beenden – auch gegen die Überzeugung seines Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson.

Zweifel an der Warren-Kommission

An der offiziellen Darstellung der Ermordung Kennedys durch die Ermittlungsbehörden hat es immer Zweifel und Kritik gegeben. Die Warren-Kommission unter dem damaligen Obersten Richter des Supreme Courts Earl Warren arbeitete mit großer Eile. Bis zur Wahl im November 1964 wollte man die Angelegenheit erledigt haben. Schlussendlich plädierte der Bericht der Kommission für die Einzeltätertheorie. Der alleinige Schuldige: der später ebenfalls ermordete Lee Harvey Oswald.  

Eine Menge Beweismaterial war durch die Kommission aber nie berücksichtigt worden oder wird teilweise bis heute offiziell unter Verschluss gehalten. Laut Angaben der JFK Assassination Records liegt der größte Teil der Sammlung (88 Prozent) seit dem Ende der 1990er-Jahre der Öffentlichkeit vor. In den Jahren 2017 und 2018 wurden erneut Zehntausende ehemals geheime Dokumente freigegeben. Auch aus dieser Sammlung bezieht Stone seine Erkenntnisse.

Robert Kennedy: "Habt ihr es getan?"

Zum Beispiel habe sich Oswald gar nicht im sechsten Stockwerk des Gebäudes befunden, aus dem der tödliche Schuss abgefeuert worden sein soll. Keiner sah ihn, aber die Warren-Kommission habe die betreffenden Zeugenaussagen verändert.

Auch die Reaktion Robert Kennedys, JFKs Bruder, spreche für ein Komplott. Laut Robert Kennedys Sohn habe sein Vater nach Meldung des Attentats bei der CIA angerufen und gefragt: "Habt ihr es getan?" Robert Kennedy plante, die Warren-Kommission erneut aufzurollen, strebte auch deshalb die Präsidentschaft an – und wurde wie sein Bruder ermordet.

Kennedys Feinde: Geheimdienste und Militär

Seinen Generälen vertraute JFK nie, denn sie drängten den jungen Präsidenten, eine Invasion auf Kuba zu starten. Doch Kennedy und der Generalsekretär der KPdSU Nikita Chruschtschow konnten sich einigen.

Auch in der CIA habe Kennedy Feinde gehabt. Und pikanterweise saß der von Kennedy entlassene ehemalige Chef der CIA Allen Welsh Dulles nach der Ermordung seines Präsidenten in der Waren-Kommission – und machte sich für die Einzeltäterthese stark. Viele der in der Warren-Kommission nicht berücksichtigten Beweise sprächen aber dafür, dass die Ermordung einer geheim geplante Operation folgte – und Kennedys Nachfolger Johnson sogar bei der Verschleierung geholfen habe.

Die oft behauptete Kontinuität der Politik Kennedys durch Johnson hält Stone für Unsinn. Kennedys Politik sei durch Johnson rückgängig gemacht worden, mit Ausnahme des Civil Rights Act von 1964, den Kennedy 1963 vorgeschlagen hatte. Die Ermordung Kennedys sei letztlich ein "Wechsel unseres Systems" gewesen. Seitdem habe es keine Regierung mehr geschafft, den Militär- oder Geheimdienstsektor in die Schranken zu weisen.

Freigegebene Dokumente und offene Fragen

Wiederkehrende Kritik an der widersprüchlichen Einzeltäterthese, aber auch Stones Spielfilm aus dem Jahr 1991 hatten dazu beigetragen, dass verschlossene Aktenschränke vorzeitig geöffnet wurden.

So fand man heraus, dass damals das FBI die Warren-Kommission nach eigenem Ermessen mit Informationen gefüttert hatte. Durch die bereits öffentlichen Dokumente, die Stones Film als Belege nutzt, wisse man aber, dass bestimmte Berichte gezielt zurückgehalten worden waren: die der FBI-Agenten James Sibert und Francis O'Neill zur Autopsie JFKs.

Doch selbst Donald Trump schreckte davor zurück, alles freizugeben, obwohl er es zuvor versprochen habe – aus Gründen der nationalen Sicherheit. Effektiv hat Trump die Angelegenheit seinem Nachfolger Joe Biden aufgedrückt – der die Dokumente nun illegal zurückhalte.

Medien verantworten "Erinnerungsloch"

Doch trotz freigegebener Dokumente und investigativer Recherchen zwischen 1994 und 1998 sei der Fall JFK zu einem Erinnerungsloch geworden. Schuld daran seien die US-Medien, die das Thema schon immer spärlich und einseitig behandelt hätten.

Anlässlich des 60. Jahrestags des Attentats im Jahr 2013 widmeten sich zwar die großen Netzwerke Kennedys Ermordung, aber erneut nur mit Bezug auf den Bericht der viel kritisierten Warren-Kommission. Stones Spielfilm, der eine alternative Version vorgebracht hatte, wurde komplett übergangen: "Die Warren-Kommission wurde von der Presse gekauft, und vom ersten Tag an wurde der amerikanischen Öffentlichkeit die Einzeltäterthese verkauft."

Zudem sei lächerlich, wie in Trumps Fall nach 60 Jahren noch mit "nationaler Sicherheit" zu argumentieren. Dafür soll sein neuer Film jetzt mehr Material liefern. Insgesamt zwei Stunden sei er lang. Stone zeigte sich sichtlich stolz auf das Ergebnis. Vor dem Label Verschwörungstheorie habe er keine Angst. Das ist schließlich eine Erfindung der psychologischen Kriegsführung, um Gegner zu diskreditieren. Der Hang zur Verschwörung liege in der Natur des Menschen.

"Wir zeigen das ganze originale Beweismaterial und zeigen, dass alles ein Schwindel war."

USA haben Angst vor Angriffen auf ihre Werte

Dass der Film nun in Cannes vorgestellt wird und nicht auf US-Streamingdiensten, hat durchaus Gründe. Stones Dokumentation wurde nicht in den USA finanziert, die Streamingdienste lehnten ab.

Stattdessen hatte die unabhängige britische Firma Ingenious die Finanzierung übernommen. Wie es beim Vertrieb aussehen wird, müsse man abwarten. Stone hoffe hier, dass US-Firmen Mut zeigen.

Angst vor Ablehnung, Angst vor Angriff auf ihre Werte mache die US-Regierung leider blind. Aus Angst vor Angriffen auf ihre Werte habe man sich zur Zensur auf YouTube und Facebook hinreißen lassen. Auf Twitter wird sogar ein ehemaliger Präsident geblockt, und auch RT wird immer wieder unter Druck gesetzt. Stone bleibt aber zuversichtlich:

"Die USA sind ein mächtiges Land, aber sie werden es nicht schaffen, diese Neuigkeiten zurückzuhalten."

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