Europa

Ukraine beschlagnahmt von Wissenschaftlern produzierten Wodka aus Tschernobyl

Ein Team von britischen und ukrainischen Wissenschaftlern kämpft vor Gericht gegen die ukrainische Regierung, um die Rückgabe ihrer 1.500 Flaschen Wodka zu erzwingen. Der Wodka wurde aus in der Nähe des Kernkraftwerks Tschernobyl angebautem Getreide hergestellt und ist dreimal destilliert.
Ukraine beschlagnahmt von Wissenschaftlern produzierten Wodka aus TschernobylQuelle: AFP © HO/Universität von Portsmouth/AFP

Der Wodka mit dem bezeichnenden Markennamen "Atomik" ist Teil eines vierjährigen Experiments, mit dem die Wissenschaftler herausfinden wollten, ob sie aus Wasser in der Nähe von Tschernobyl sowie dort wachsendem Getreide ein sicheres und konsumierbares Produkt herstellen können. Das Team bezog den Roggen von einem Landwirt am äußeren Ring der Sperrzone, deren Radius 30 Kilometer beträgt. In dieser äußeren Zone leben noch etwa 10.000 Menschen, und die Wissenschaftler hoffen, dass die Landwirtschaft, die dort offiziell noch immer verboten ist, bald wieder aufgenommen werden kann.

Die erste Flasche Wodka dieser Sorte wurde 2019 produziert. Die Wissenschaftler verwendeten ebenso wie den Roggen auch Wasser aus der Sperrzone. Dieses Jahr hatten die Wissenschaftler gehofft, ihre erste Ladung nach Großbritannien verschiffen zu können, wobei die Gewinne als Lebensgrundlage an die örtliche Gemeinde in der Nähe von Tschernobyl gehen sollten. Doch der ukrainische Sicherheitsdienst SBU beschlagnahmte die Flaschen in einer Brennerei im Westen der Ukraine. Grund sei, so die ukrainische Staatsanwaltschaft, nicht die Strahlung, sondern ein Problem mit den Zollpapieren der Flaschen.

"Ich habe keine Ahnung, warum. Der Grund, den sie angaben, war, dass sie dachten, die Flaschen hätten gefälschte Zollstempel drauf. Aber sie hatten eindeutig die britischen Stempel drauf. Wir hoffen, dass es nur ein Versehen war", sagte Jim Smith, Professor für Umweltwissenschaften an der Universität von Portsmouth als einer der Wissenschaftler, die hinter dem Wodka-Projekt stehen. Die Staatsanwaltschaft der Stadt Kiew sagte gegenüber dem US-Nachrichtensender ABC News, dass die britischen Stempel der Flaschen nicht mit den Mustern übereinstimmten, die von der Anlage für die Registrierung eingereicht wurden.

Schon viele Interessenten

Smith berichtete, dass seine Gruppe eine erste Runde vor Gericht gewonnen habe, um den beschlagnahmten Schnaps zurückzubekommen. Jetzt warte man auf eine neue Anhörung, nachdem die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt hatte. Der Wodka sollte vor allem die Aufmerksamkeit auf die eigentliche Arbeit der Wissenschaftler in der Sperrzone lenken, wo sie jahrelang untersucht haben, wie sich die Landschaft um Tschernobyl nach der Reaktorkatastrophe von 1986 erholt hat.

Jim Smith und Gennadi Laptew, ein Wissenschaftler des Ukrainischen Hydrometeorologischen Instituts, der selbst an den Aufräumarbeiten nach der Katastrophe beteiligt war, glauben, ihre Studien könnten zeigen, dass die Kontamination im Außenring so schwach ist, dass Einschränkungen für die Landwirtschaft keinen Sinn mehr haben. Obwohl es immer noch sogenannte "Hotspots" in der Sperrzone gibt, an denen die Strahlungswerte potenziell gefährlich hoch sind, seien die Werte in den meisten Gebieten – auch näher am Kraftwerk selbst – normal und die Natur habe sich in den letzten Jahren dort gut erholt.

Die Rohstoffe für den Wodka wiesen zwar leicht erhöhte Strahlungswerte auf, überschritten aber nicht den Grenzwert, der nach ukrainischem Recht als sicher für den Verzehr gilt. Um die Sicherheit des Wodkas zu beweisen, schickte Smith ihn bereits im Jahr 2019 zur Analyse an Wissenschaftler der Universität Southampton. Die Wissenschaftler fanden keine Anzeichen von ungewöhnlicher hoher Strahlung, sagte er. Die einzige Radioaktivität in dem Wodka, sagte Laptew, stammt vom Kohlenstoff-Isotop C-14 – einem radioaktiven Isotop, das in Spirituosen naturgemäß vorkommt.

Die gleichen Wissenschaftler der Universität Southampton sollten die neue Lieferung analysieren, bevor sie beschlagnahmt wurde. Der Wodka sollte für umgerechnet rund 40 Euro in Großbritannien verkauft werden. Laut den Wissenschaftlern gibt es bereits großes Interesse daran. "Wir bekommen Emails von Leuten aus der ganzen Welt – aus Australien, USA, Kanada, Frankreich – von Leuten, die fragen: 'Wo können wir etwas kaufen?' ", so Smith.

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