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Litauens Präsident will EU-Staaten vor Weißrusslands AKW mit US-Serie "Chernobyl" warnen

Ende vergangenen Jahres ging Weißrusslands erstes Atomkraftwerk ans Netz. Es liegt nahe der Grenze zu Litauen und sorgte bereits vor der Inbetriebnahme für scharfen Protest aus Vilnius. Nun will Litauens Präsident die EU-Mitgliedsländer vor dem AKW warnen.
Litauens Präsident will EU-Staaten vor Weißrusslands AKW mit US-Serie "Chernobyl" warnenQuelle: Reuters © Vasily Fedosenko

Litauens Präsident Gitanas Nauseda will angeblich die Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedsländer vor möglichen Gefahren warnen, die demnach vom kürzlich ans Netz gegangenen Atomkraftwerk in Weißrussland ausgingen. Laut einem Medienbericht sollen dafür Kopien der Erfolgsserie "Chernobyl" des US-Kabelsenders HBO, die die Nuklearkatastrophe von 1986 in der damaligen Sowjetunion thematisiert, an die Politiker verteilt werden.

Ein Beamter der Präsidialverwaltung teilte in einer Erklärung gegenüber der litauischen Nachrichtenagentur ELTA mit: 

"Die Geste des Präsidenten ist ein einfacher, unkonventioneller Weg, um die Aufmerksamkeit der EU-Führungsspitzen auf die Gefahr zu lenken, die das Ostrowez [Atomkraftwerk in Weißrussland] nicht nur für Litauen, sondern für die gesamte EU darstellt."

Litauens Präsident wird offenbar die DVDs mit der US-Erfolgsserie bei der informellen Tagung der EU-Staats- und Regierungschefs, die am 7. und 8. Mai im portugiesischen Porto stattfinden soll, verteilen.

Die fünfteilige HBO-Produktion über einen der schlimmsten Unfälle in der Geschichte der Kernenergie hat das Publikum weltweit in ihren Bann gezogen und wurde zu einer der am höchsten bewerteten TV-Shows auf der Filmdatenbank IMDB.

"Der Präsident hält diesen Film für sehr effektiv", hieß es demnach laut Medienberichten aus Nausedas Kabinett.

Während bereits viele auf beträchtliche historische Ungenauigkeiten in dem Drama hingewiesen haben, hat Litauens Präsident scheinbar entschieden, das es gut genug ist, um es als ein überzeugendes Werkzeug in der realen Politik zu verwenden.

Das Atomkraftwerk in Ostrowez ist das erste des osteuropäischen Landes. Ans Netz ging es Anfang November vergangenen Jahres. Es liegt etwa 60 Kilometer von der litauischen Hauptstadt Vilnius entfernt. Litauen behauptet, dass das AKW nichts anderes sei als "Moskaus geopolitisches Projekt", das von "ähnlichen sowjetischen Geheimhaltungsprinzipien" geleitet werde, die zur Katastrophe von Tschernobyl beigetragen hätten. In der Erklärung aus dem Kabinett des Präsidenten heißt es:

"Die EU muss hier und jetzt handeln."

Litauen befindet sich seit längeren in einem Zwist mit Weißrussland wegen des Kraftwerks. So hatte Vilnius wiederholt Bedenken über die Sicherheitsstandards des Meilers geäußert und massive Einwände gegen seinen Bau erhoben. Unmittelbar nach der Inbetriebnahme des ersten Reaktorblocks hatte Litauen seinen Bezug von Strom aus Belarus gestoppt.

Im Februar sagte der litauische Energieminister Dainius Kreivys den lokalen Medien, dass sein Land immer noch beträchtliche Mengen an Energie aus Weißrussland importiere – eine Aussage, die in Minsk für Verwunderung sorgte. Das weißrussische Energieministerium entgegnete später, die Behauptung entspräche "nicht der Realität".

Offizielle Vertreter in Minsk verwiesen auf die Internetseite des litauischen Energieunternehmens Litgrid, die zeigte, dass die Energieimporte aus Weißrussland "gleich Null" seien.

Ob die Sorgen der Litauer bezüglich der Sicherheit berechtigt sind, ist eine andere Frage. Der Reaktor war ein Gemeinschaftsprojekt zwischen Weißrussland und dem staatlichen russischen Kernenergieunternehmen Rosatom. Das Unternehmen baue nicht mal mehr Reaktoren vom Tschernobyl-Typ, hieß es seitens Rosatom im April gegenüber dem russischen Wirtschaftsportal RBC.

Das Unternehmen habe zudem zahlreiche Verbesserungen an seinen Reaktor-Konstruktionen vorgenommen, die auch auf der Analyse der Tschernobyl-Katastrophe beruhten.

"Alle modernen russischen Reaktoren ... erfüllen alle modernen Sicherheitsnormen und -Anforderungen, einschließlich derjenigen, die von der IAEA [Internationale Atomenergiebehörde] festgelegt wurden", hieß es seitens Rosatom.

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