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Corona macht mobil: Britische Armee erfreut über "bemerkenswerten" Zulauf

Die Angst geht um. Welche Angst ist in der Bevölkerung größer? Die vor COVID-19 oder die vor der eigenen wirtschaftlichen und sozialen Zukunft? Laut britischem Verteidigungsministerium geht es neuen Rekruten vor allem darum, dem Volk während der Pandemie zu "dienen".
Corona macht mobil: Britische Armee erfreut über "bemerkenswerten" ZulaufQuelle: Reuters © David Moir

Die Corona-Krise und die nunmehr nahtlos ineinanderlaufenden Lockdowns wecken in immer mehr Menschen Existenzängste und Unsicherheit. So auch in Großbritannien, wo die postulierte Pandemie zu einer verhältnismäßig besonders hohen Zahl an positiv auf das Coronavirus getesteten Bürgern und entsprechenden politischen Maßnahmen führte.

Doch während die Volkswirtschaften unter der Corona-Krise ächzen, hat das Militär der EU-Nachbarinsel keinen Grund zu klagen. Im Gegenteil: Laut Angaben der britischen Armee sei man auf dem besten Weg, das jährliche Rekrutierungsziel zu erreichen – zum zweiten Mal in acht Jahren.

Wobei es "Anzeichen" dafür gäbe, dass die Pandemiekrise als "Aufruf zum Dienen" gewirkt habe, schreibt der britische Guardian.

So hätten sich knapp drei Monate vor dem Ende des Rekrutierungsjahres im März 2021 insgesamt 7.719 junge Menschen nun dazu entschieden zu "dienen". Damit sind bereits 78 Prozent der gesteckten Zielmarke erfüllt, offiziell räumte das britische Verteidigungsministerium bislang jedoch nicht ein, dass es vor allem die sozialen und wirtschaftlichen Verheerungen der Corona-Krise sind, die der Armee die jungen Rekruten in die geöffneten Arme treibt.

"(...) aber eine Quelle aus dem Verteidigungsministerium erklärte, man gehe davon aus, dass die fast ein Jahr andauernde Krise einer der Faktoren war, die junge Leute dazu brachten, sich zu melden. Es ist klar, dass es ein Bedürfnis (rallying cry) gibt, zu dienen."

Auch wenn es keine Frage sei, dass sich die Rekrutierungsbüros "in Zeiten wirtschaftlicher Schwäche" füllten.

"Die Armee bietet eine sichere Karriere zu einer Zeit, in der viele andere Beschäftigungsmöglichkeiten eingeschränkt wurden."

Derweil zeigte sich der britische Offizier General Tyrone Urch erfreut über die aktuelle Entwicklung:

"In einem einzigartig anspruchsvollen Jahr für uns alle war es bemerkenswert und wirklich ermutigend, die große Zahl talentierter junger Menschen zu sehen, die der Armee beitreten wollen."

Urch ist unter anderem Kommandeur des Standing Joint Command (SJC). Zweck des SJC ist es, die Zuarbeit des britischen Verteidigungsministeriums zu den sogenannten Resilienzoperationen der Regierung, in diesem Fall COVID-19, zu koordinieren. Seinen sogenannten "Aktivierungsbefehl" im ausgerufenen Kampf gegen COVID-19 erhielt das SJC von Downing Street bereits am 28. Februar. Anschließend erklärte Urch, dass 20.000 Soldaten für die Aufgabe (Operation Rescript) bereitstünden.

Gut fünftausend britische Militärangehörige sind derzeit in Großbritannien im Kampf der Regierung gegen COVID-19 im Einsatz, was das britische Verteidigungsministerium Anfang der Woche als "die größte Heimatschutzoperation in Friedenszeiten" bezeichnete. Die Militärangehörigen führen Corona-Tests durch und entwickeln Pläne "zur Lieferung des Impfstoffs an Standorte im ganzen Land".

Seit 2012 wurde die Rekrutierung neuer Militärangehöriger teilweise in die Hände privater Unternehmen übergeben. Seither wurde das ausgegebene Rekrutierungsziel "sechs Jahre in Folge" verfehlt.

Nun nutze das britische Verteidigungsministerium die COVID-19-Pandemie, um eine langfristige Rekrutierungskrise zu überwinden, die dazu führte, dass die eigenen Rekrutierungsziele in den letzten sechs Jahren verfehlt worden seien. Zudem wolle man den "Ansehensverlust wettzumachen, der durch die Militärkampagnen im Irak und in Afghanistan entstanden ist". Diese Ansicht vertraten zumindest die britischen Journalisten Matt Kennard und Joe Glenton bei declassified UK im Mai 2020.

Demzufolge machten Äußerungen des britischen Militärs seit Beginn der COVID-19-Krise in Großbritannien deutlich, dass man im Verteidigungsministerium gewillt sei, "die größte innenpolitische Krise seit dem Zweiten Weltkrieg als Chance" zu begreifen.

"Unter Rückgriff auf die interne Marketingstrategie der Armee nutzt das Militär die Idee der 'Zugehörigkeit', um junge Rekruten aus der Arbeiterklasse zum Eintritt in die Streitkräfte zu bewegen."

So hätten etwa leitende Militärs wiederholt die Hashtags #InThisTogether und #ThisIsBelonging verwendet, um das Rekrutierungsprogramm des Militärs zu bewerben. Und weiter in declassified UK:

"In einem Tweet vom 2. April 2020, der später gelöscht wurde, räumte das Royal Logistics Corp sogar ein: Die Armee hat sich vorgenommen, ihre Größe während des Ausbruchs des #coronavirus zu maximieren."

Angesichts des schwindenden Vertrauens der Öffentlichkeit in das britische Militär, das zum Teil auf die gescheiterten Interventionen im Irak und in Afghanistan zurückzuführen sei, habe das Verteidigungsministerium (MOD) auch versucht, sein beschädigtes Image aufzupolieren, indem es sich als "eine Kraft des Guten" im Kampf gegen COVID-19 positioniere.

Wie der ehemalige Soldat und Journalist für Verteidigungsfragen, Joe Glenton, schreibt, bleibe aktuell größtenteils unerwähnt, wie "Arbeitsplatzunsicherheit, Armut und die Angst vor einer Rezession infolge des Brexits und der Pandemie" wahrscheinlich ebenfalls zum aktuellen Rekrutierungserfolg beitrügen.

Die diesjährige Rekrutierungskampagne der britischen Regierung firmiert unter dem Hashtag #FailLearnWin (scheitere, lerne, gewinne) in den sozialen Netzwerken.

Wie Glenton erläutert, sei die Kampagne von der PR-Firma Karmarama entwickelt worden. Ein Unternehmen, das in den vergangenen Jahren auch eine Reihe von Werbespots für die Armee produziert habe, darunter die erwähnte Kampagne "This is Belonging".

Ein Bericht über die #FailLearnWin-Inititiative auf der kampagneneigenen Website scheine laut dem Afghanistanveteranen Glenton ebenfalls darauf hinzudeuten, "dass das neue Video mit den Ängsten junger Menschen" spiele:

So heißt es dort, dass die Kampagne von Untersuchungen unterstützt werde, die zeigten, dass sich 76 Prozenten der 16- bis 25-Jährigen durch die Angst vor dem Scheitern ausgebremst fühlen, wenn sie sich neuen Herausforderungen stellen, aber 83 Prozent stimmten zu, "dass Scheitern ein wichtiger Teil des Lernens und Wachsens" sei.

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