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Pariser Polizeichef erntet scharfe Kritik für Trotzki-Zitate in Neujahrskarten

Zitate des russischen Revolutionärs Trotzki in offiziellen Neujahrsgrüßen bringen den Pariser Polizeipräfekten Lallement in arge Bedrängnis. Sein ohnehin angekratztes Image nimmt weiteren Schaden. Zu welchem Zweck zitierte er aus Trotzkis Rede zum Aufbau der Roten Armee?
Pariser Polizeichef erntet scharfe Kritik für Trotzki-Zitate in Neujahrskarten© Libary of Congress

Der Polizeipräfekt von Paris Didier Lallement löste durch die Verwendung von Zitaten des russischen Revolutionärs Leo Trotzki in den offiziellen Neujahrs-Grußkarten einen Aufruhr aus. Die Karten werden zu Hunderten an Amtspersonen und Institutionen versendet.

Nach dem harten Jahr 2020 versuchte Lallement anscheinend, Zusammenhalt und Kameradschaft seiner Mitstreiter für das neue Jahr zu wecken – mit einigen Zeilen von Trotzki, dem Gründer der Roten Armee, in denen dieser seine Genossen zum Kampf gegen die russische Bourgeoisie mobilisiert. Die Zitate stammen aus dem ersten Band von Trotzkis Militärschriften. Sie datieren auf den 21. April 1918 – nach der siegreichen Oktoberrevolution 1917 und der Intervention der Entente-Mächte in Russland, woran sich auch Frankreich beteiligte. Trotzki hatte eine Vorlesung in Moskau gehalten, die später als Schrift mit dem Titel "Die Sowjetmacht und der internationale Imperialismus" veröffentlicht wurde.

Das Zitat in Lallements Karte lautet im deutschen Original:

"Ich bin tief überzeugt, dass wir diese Ordnung schaffen werden, wie die schwarzen Krähen auch krächzen mögen; wir werden mit vereinten Kräften diese Ordnung schaffen, diese Disziplin festsetzen, denn ohne das steht uns der Zusammenbruch bevor, ohne das ist der Untergang unvermeidlich."

Das Zitat geht bei Trotzki weiter – ohne von Lallement übernommen worden zu sein:

"Und gegenwärtig bilden wir die rote Arbeiter- und Bauernarmee. In dem zentralen Vollzugsausschuss der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Kosaken-Deputierten ist bereits das Gesetz über die allgemeine obligatorische militärische Ausbildung angenommen."

Im Jahr 2021 haben die Zeilen Trotzkis keine skandalöse Wirkung mehr – die Rote Armee und der Interventionskrieg sind historische Angelegenheiten. Dennoch hinterfragten Politiker fast aller Fraktionen die Sinnhaftigkeit von Lallements Trotzki-Zitaten – insbesondere die rechtsorientierte Politikerin Marine Le Pen, die dem Polizeichef eine "schräge Auslegung" der französisch-republikanischen Prinzipien unterstellte.

Die rechte Partei Rassemblement National fragte auf Twitter, ob die "Selbstgefälligkeit" des Pariser Polizeichefs ein Driften zur extremen Linken sei. Remi Feraud von der Sozialistischen Partei widersprach dem Kommentar heftig: "Was für ein Driften? Wohin sind die republikanischen Prinzipien verschwunden, die den Staatsaufbau lenken sollen?"

Lallement übernahm sein Amt als Präfekt von Paris im März 2019. Er ist eine umstrittene Figur in der französischen Politik und Öffentlichkeit. Eine Umfrage von YouGov-HuffingtonPost ergab, dass mindestens 40 Prozent der Franzosen ihn seines Amtes enthoben sehen wollen.

Vor einem Monat forderte er die französischen Polizisten auf, "die republikanische Linie bis zum Ende zu halten" – gegen die Proteste anlässlich der neuen französischen Sicherheitsgesetze, die beinhalten, dass Fotos von Polizisten nicht mehr öffentlich zur Schau gestellt werden dürfen. Die Regierung versprach hinterher, dass dieser Aspekt aus dem Sicherheitsgesetz gestrichen werde.

2019 fingen Fernsehkameras ein, wie Lallement einem Mitglied der französischen Gelbwesten sagte: "Wir stehen nicht auf derselben Seite" – ein Vorfall, der sein Ansehen als Polizeipräfekt in der Öffentlichkeit schwer beschädigte.

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