Taliban rücken auf Kabul vor: Westliche Staaten evakuieren diplomatische Vertretungen

Die Taliban setzen ihre Gebietsgewinne in Afghanistan in rasantem Tempo fort, wobei sie inzwischen binnen einer Woche mehr als die Hälfte aller Provinzhauptstädte einnahmen. Am Donnerstag war die drittgrößte Stadt Afghanistans Herat an die Taliban gefallen, und nach übereinstimmenden Medienberichten wurde am Freitag auch Kandahar, die zweitgrößte Stadt Afghanistans, von den Taliban eingenommen. Die Milizen rücken auf die Hauptstadt vor, inzwischen stehen die Taliban 50 Kilometer vor Kabul.
Der Norwegische Flüchtlingsrat warnte mittlerweile vor einer humanitären Katastrophe in Afghanistan. Die Flüchtlingscamps in Kabul seien überfüllt, und Familien kämpften um Nahrungsmittel, berichtet Reuters.
Mehrere Staaten bereiten sich auf die Evakuierung ihrer Botschaftsmitarbeiter vor. Wegen der verschärften Bedrohungslage in Afghanistan verlegen die US-Streitkräfte zusätzliche 3.000 Soldaten an den Flughafen in Kabul, um die Reduzierung des Personals in der US-Botschaft in Kabul abzusichern, wie das US-Außenministerium am Donnerstag berichtete. Erste US-Truppen sind am Freitag in Kabul eingetroffen, um bei der Evakuierung der Botschaft zu helfen. Auch Großbritannien will 600 zusätzliche militärische Kräfte nach Afghanistan entsenden, die bei der Rückführung von Briten aus dem Land helfen sollen. Verteidigungsminister Ben Wallace sagte laut der BBC diesbezüglich: "Die Sicherheit britischer Staatsangehöriger, britischer Militärangehöriger und ehemaliger afghanischer Mitarbeiter hat für uns oberste Priorität. Wir müssen alles daransetzen, ihre Sicherheit zu gewährleisten."
Als Konsequenz aus dem Vormarsch der Taliban in Afghanistan reduziert auch die Bundesregierung das Personal der deutschen Botschaft in Kabul in den nächsten Tagen auf das "absolute Minimum". Das kündigte Außenminister Heiko Maas am Freitag nach einer Sitzung des Krisenstabs der Regierung an.
„Wir haben im Krisenstab Folgendes beschlossen: Wir werden die Belegschaft der 🇩🇪 Botschaft in #Kabul auf das Minimum reduzieren & ein Krisenunterstützungsteam schicken. Ich rufe alle 🇩🇪 Staatsbürger auf, die noch in #Afghanistan sind, jetzt das Land zu verlassen.“ @HeikoMaaspic.twitter.com/IjNM2hEzd4
— Auswärtiges Amt (@AuswaertigesAmt) August 13, 2021
Aufgrund der sich verschlechternden Lage hat die Bundesregierung nun beschlossen, fast alle Diplomaten möglichst schnell auszufliegen. Dazu soll Maas bereits mit seinem US-Kollegen Antony Blinken Kontakt aufgenommen haben. Dabei habe Blinken Deutschland angeboten, dass die Diplomaten mit US-Flugzeugen aus der Botschaft ausgeflogen werden könnten, da Washington sein Botschaftspersonal ebenfalls massiv reduziert und gut 1.600 der bisher 2.000 Mitarbeiter in Sicherheit bringt. Ob Berlin das Angebot annimmt, ist derzeit noch unklar, berichtet der Spiegel. Zur Absicherung der Evakuierung könnte auch die Bundeswehr zum Einsatz kommen. Dazu müsste der Bundestag allerdings vermutlich ein neues Mandat einholen. In Militärkreisen hieß es am Freitag, möglich sei die Entsendung einer militärischen "Evakuierungseinheit", die die Bundeswehr für Krisenfälle wie in Afghanistan bereithalte.
Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) kündigte zudem an, alle Möglichkeiten für eine schnelle Ausreise der örtlichen Bundeswehr-Helfer auszuschöpfen. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums sind bereits rund 1.800 afghanische Helfer und deren Familienangehörige in Deutschland eingetroffen.
Reuters zufolge schließen Dänemark und Norwegen angesichts des Vormarsches der Taliban in Afghanistan ihre Botschaften in Kabul vorübergehend. Sowohl Dänemark als auch Norwegen sind NATO-Mitglied. Die skandinavischen Länder sind in den vergangenen Jahren am NATO-Einsatz in Afghanistan beteiligt gewesen. Das schwedische Außenministerium teilte darüber hinaus mit, die Zahl der Botschaftsangehörigen in Kabul reduzieren zu wollen. Spanien kündigte außerdem an, dass es mit der Evakuierung von Botschaftsmitarbeitern in Afghanistan begonnen habe.
Die NATO-Mitgliedsstaaten trafen sich am Freitag in Brüssel, um die Entwicklungen in Afghanistan inmitten einer sich rapiden verschlechternden Sicherheitslage angesichts der Taliban-Offensive zu erörtern, berichtet AP. Zentrales Thema sollen die Evakuierungsmaßnahmen gewesen sein, nachdem die USA beschlossen hatten, ihre Diplomaten und Staatsangehörigen aus Afghanistan auszufliegen. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte den Journalisten, nachdem er am Freitag Gespräche mit NATO-Botschaftern geführt hatte, dass die "Verbündeten" zutiefst "besorgt" über das hohe Maß an Gewalt seien, das durch die Offensive der Taliban verursacht werde, darunter Angriffe auf Zivilisten.
Stoltenberg sagte: "Die Taliban müssen verstehen, dass sie von der internationalen Gemeinschaft nicht anerkannt werden, wenn sie das Land mit Gewalt einnehmen." Die NATO sei verpflichtet, eine "politische Lösung" des Konflikts zu unterstützen. Stoltenberg erklärte, das Ziel der NATO sei es, "die afghanische Regierung und die Sicherheitskräfte so weit wie möglich zu unterstützen". Dies soll fast ausschließlich aus dem Ausland geschehen. NATO-Beamte hatten im Vorfeld des Sondertreffens betont, dass diese diplomatische Präsenz in Afghanistan aufrechterhalten und bei Bedarf weiter angepasst werde.
#NATO Allies met to consult on the situation in #Afghanistan. Our aim remains to support the Afghan government & security forces. We maintain our diplomatic presence in Kabul & the security of our personnel is paramount. https://t.co/dcaQV5CZLO
— Jens Stoltenberg (@jensstoltenberg) August 13, 2021
Afghanistans ehemaliger Präsident Hamid Karzai hatte im Juni in einem Interview mit AP gesagt, dass die USA mit ihrer zwei Jahrzehnte währenden Mission in Afghanistan gescheitert seien. Der NATO-Militärfeldzug in Afghanistan sei sich nicht gegen Extremismus oder Terrorismus gerichtet gewesen, sondern gegen afghanische Dörfer und Häuser. Die NATO und die USA hätten Afghanen in Gefängnisse gesteckt und in deren eigenem Land Gefängnisse für sie errichtet.
Der rasche Rückzug der US-Truppen wurde mittlerweile zu einem westlichen Trauma, da es in Afghanistan selbst nach 20 Jahren Krieg keine Spuren von Stabilität und Sicherheit gibt. Im Zuge der Taliban-Offensive haben sich auch Zivilisten bewaffnet, wodurch ein neuer Bürgerkrieg auszubrechen droht.
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