Meinung

Nach US-Rückzug aus Afghanistan: Massive geopolitische Verschiebungen im Nahen Osten

Die Taliban rücken weiter auf Kabul vor. Die US-Regierung zeigt sich von der jüngsten Entwicklung unbeeindruckt, da die Folgen des raschen Abzugs für die Region ein bewusstes Kalkül der USA sind, um damit Rivalen zu schwächen. Mit dem Rückzug der USA aus dem Nahen Osten wird unter anderem der Spielraum für neue Akteure in der Region größer.
Nach US-Rückzug aus Afghanistan: Massive geopolitische Verschiebungen im Nahen OstenQuelle: AFP

von Seyed Alireza Mousavi

Die Lage in Afghanistan verschärft sich weiter, nachdem die Taliban mit der Einnahme der Stadt Ghazni am Donnerstag die zehnte von 34 Provinzstädten binnen einer Woche eroberten. Ghazni ist durch seine Nähe zur afghanischen Hauptstadt Kabul und die Verkehrsanbindung von strategisch wichtiger Bedeutung. Nach übereinstimmenden Medienberichten ist auch die drittgrößte Stadt Afghanistans Herat an Taliban gefallen.

Nachdem die Taliban in dieser Woche eine weitere Provinzhauptstadt eingenommen hatten, ohne auf nennenswerten Widerstand der afghanischen Truppen zu stoßen, erklärte die US-Regierung, es sei Aufgabe der afghanischen Sicherheitskräfte, das Land zu verteidigen. Präsident Joe Biden teilte mit, dass der US-Militäreinsatz in Afghanistan am 31. August enden wird, da das afghanische Volk selbst über seine Zukunft entscheiden müsse und er nicht noch eine weitere Generation von US-Amerikanern dem 20-jährigen Krieg aussetzen wolle. Nach der jüngsten Einschätzung aus US-Geheimdienstkreisen könnten die Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul in 30 Tagen belagern und möglicherweise in 90 Tagen einnehmen. Die US-Regierung zeigt sich von der jüngsten Entwicklung in Afghanistan unbeeindruckt.

Dass die Zukunft der Afghanen und die seit 20 Jahren von der US-Regierung unterstützte afghanische Regierung in Kabul für US-Amerikaner auf einmal völlig irrelevant sind, sollte jemanden, der sich ein bisschen mit der US-Außenpolitik befasst hat, nicht wundern. "Amerika hat keine dauerhaften Freunde oder Feinde, nur Interessen", sagte einst der frühere US-Außenminister und Stratege Henry Kissinger.

Nach zwei Jahrzehnten Besatzung flohen die letzten US-Truppen einfach wie Diebe aus dem Land, ohne zuvor ein grundlegendes Niveau an politischer Stabilität und Sicherheit in Afghanistan erreicht zu haben. Die Folgen des raschen Rückzugs für die Region dürften jedoch ein bewusstes Kalkül der USA gewesen sein. Ein von Radikalismus und einem neuen Bürgerkrieg heimgesuchtes Afghanistan wird die Hauptkontrahenten der USA in der Region, nämlich Russland und China, auf Jahre hinaus beschäftigen. Ein destabilisiertes Afghanistan wird nicht nur Chinas Neue-Seidenstraße-Projekt gefährden, sondern auch Russland angesichts der möglichen Zunahme der Aktivitäten dschihadistischer Gruppen und IS-Ablegern an der Grenze seiner Verbündeten, nämlich der ehemaligen sowjetischen zentralasiatischen Länder, in Alarmbereitschaft versetzen. Unabhängig davon wollen sich die USA in der internationalen Politik künftig stärker auf die "Eindämmung Chinas", also auf die Strategie des "Schwenks nach Asien" fokussieren. Insofern haben die USA ihre Truppen schrittweise unter anderem aus dem Nahen Osten abgezogen, um ihre Muskeln nunmehr im Südchinesischen Meer spielen zu lassen. 

Der CDU-Politiker Norbert Röttgen brachte vor Kurzem eine Beteiligung der Bundeswehr an einer möglichen militärischen Aktion in Afghanistan ins Spiel, falls die Taliban wieder im Land Fuß fassen sollten, da der Vormarsch der Gruppe  die "Sicherheit in Europa" bedrohe. Anhand dieser Aussage des Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag lässt sich feststellen, dass Deutschland den Kern der transatlantischen Weltpolitik noch nicht begriffen hat. Die USA denken nur an ihre eigenen globalen Ambitionen, und dabei spielt die Sicherheit Europas eine untergeordnete Rolle. Dass Röttgen das Leben deutscher Soldaten wieder aufs Spiel zu setzen bereit ist, macht nur deutlich, wie weit sich die deutsche Außenpolitik von der Realität der politischen Entwicklungen entfernt hat.

Mit dem Rückzug der USA aus der Region wird der Spielraum für neue Akteuren im Nahen Osten größer. Eine Beobachtung der Entwicklungen in den letzten Wochen macht deutlich, dass Großbritannien und Israel an die Stelle der USA in der Region zu treten versuchen. Der britische Verteidigungsminister Ben Wallace signalisierte kürzlich, dass Großbritannien versuche, eine Militärkoalition aus "gleichgesinnten" Verbündeten zu bilden, um die afghanischen Streitkräfte nach dem Abzug der US-Truppen zu unterstützen und ein Machtvakuum im Land zu verhindern. Selbst ein Alleingang der Briten sei angedacht worden, sagte Wallace der Daily MailAber letztlich sei entschieden worden, dass eine Entsendung britischer Truppen nach Afghanistan "nicht machbar" sei, da eine solche einseitige Intervention bedeuten würde, dass sich Großbritannien hierfür "von vielen anderen Orten auf der Welt zurückziehen" müsste.

Israel beschloss unlängst die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain. Hinter den Kulissen kooperieren Israel und diese Golfstaaten plus Saudi-Arabien aber schon länger in Sicherheitsfragen. Israel hatte bereits im Zuge der Normalisierungsversuche seiner Beziehungen zu den arabischen Staaten den Persischen Golf ins Visier genommen – insbesondere seit die USA ihren Rückzug aus der Region ankündigten. Israel fährt seither einen neuen Kurs in der Region und will das Krisengebiet von den israelisch besetzten Gebieten am Persischen Golf in die Region um den Golf von Oman verlagern. Der Drohnenangriff auf einen israelischen Öltanker und die angebliche Entführung mehrerer Tanker im Golf von Oman im Indischen Ozean heizten vor Kurzem den Konflikt zwischen Israel und Iran weiter an. Die israelische und viele westliche Regierungen, insbesondere Großbritannien, warfen Iran vor, den Drohnenangriff auf den israelischen Öltanker MT Mercer Street inszeniert zu haben; Teheran wies diese Anschuldigungen vehement zurück. Der russische Sondergesandte für Afghanistan Samir Kabulow sagte, Russland glaube nicht, dass Iran hinter dem Angriff stecke. Iran warnte in letzter Zeit mehrfach, dass das Land nach dem schrittweisen Abzug der US-Truppen aus der Region keine israelischen Schiffe im Persischen Golf und generell die Präsenz Israels in der Region nicht tolerieren werde.

Im Zuge der neuen geopolitischen Entwicklung im Nahen Osten teilte Ali Schamchani, Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrats in Iran, kürzlich mit, er habe mit seinem russischen Amtskollegen Nikolai Patruschew über einen Beitritt Irans zur Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) gesprochen: "Glücklicherweise wurden die politischen Hürden für die Mitgliedschaft Irans in der SOZ beseitigt, und die Mitgliedschaft Irans wird bald verwirklicht." Bemerkenswert war dabei, dass Schamchani seinen Beitrag auf Twitter auch auf Hebräisch verfasste, um damit die Botschaft an Israel zu senden, dass die Region nach dem Abzug der US-Truppen nach dem Konzept der regionalen Akteure umgestaltet wird.

Der rasche Rückzug der USA aus der Region basiert auf dem US-Kalkül zum Entfachen neuer Konflikte zur Schwächung ihrer Rivalen in der Region, ohne viel für diese neue Strategie zu bezahlen. Mit diesem Schritt mischen sich auch neue Akteure in die Region ein, um die neue politische Landkarte im Nahen Osten mitzugestalten. Russland und China werden allerdings alles daransetzen, der Lage Herr zu werden und das von den USA neu entfesselte Chaos in der Region einzudämmen. 

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