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Russischer Soziologe über die Situation in Kabul nach den Anschlägen: "Die Stadt hat ein Eigenleben"

Laut dem Soziologen und Chef einer russischen NGO, Maxim Schugalei, bemühen sich die neuen Machthaber in Kabul um die Rückkehr zum normalen Leben. Exekutionen habe er nicht beobachtet, und dramatische Szenen spielten sich nur im Kabuler Flughafen ab.
Russischer Soziologe über die Situation in Kabul nach den Anschlägen: "Die Stadt hat ein Eigenleben"Quelle: Sputnik

Der russische Soziologe und Politkonsultant Maxim Schugalei, Präsident der russischen NGO "Stiftung zum Schutz nationaler Werte", ist seit dem 25. August in Kabul. Sein Ziel war es, herauszufinden, welches Verhältnis die Afghanen zu Taliban haben und wie sie die aktuellen Ereignisse im Land wahrnehmen. Im Gespräch mit RT beschrieb Schugalei, was derzeit auf den Straßen der afghanischen Hauptstadt passiert und wer seiner Meinung nach von den gestrigen Terroranschlägen in der Nähe des Flughafens Kabul profitiert hat.

Wie sieht die Lage in Kabul jetzt aus?

Es ist Freitag, es wird gebetet. Es ist ein Tag der Ruhe. In der Stadt ist alles ruhig. Natürlich stehen alle unter Schock über das, was gestern passiert ist. Auf Telegram wurden Augenzeugenberichte und Fotos der Opfer gepostet. Natürlich ist es furchtbar, was gestern Abend passiert ist. Wir haben sechs Explosionen gezählt. Das Ganze war ein ständiges Kommen und Gehen. Im Moment ist alles ruhig und unter Kontrolle, es fallen keine Schüsse.

Können Sie genau angeben, wo in der Stadt die Explosionen stattgefunden haben?

Alles fand in der Nähe des Flughafens statt. Die erste Explosion ereignete sich kurz vor dem Eingang des Flughafens. Die zweite war nahe dem Hotel, das sich in der Nähe befindet. Der Flughafen wird von der US-Armee kontrolliert, aber zwei Kontrollpunkte weiter befindet sich ein Taliban-Kontrollpunkt. Von dort aus kontrollieren sie die Situation.

Die Taliban erlauben Journalisten problemlos Video- und Fotoaufnahmen. Die US-Flughafenwächter verbieten strengstens jegliche Videoaufnahmen, selbst aus dem Flugzeugfenster. Es sind nicht Tausende oder Hunderttausende von Menschen auf dem Platz, wie man sagt. Nur 200 bis 300 Personen. Der Platz selbst ist recht klein, sodass er den Eindruck einer Menschenmenge vermittelt. Ich habe mit diesen Leuten gesprochen. Sie versuchen, zu fliehen und die Situation auszunutzen, um in entwickelteren Ländern den Flüchtlingsstatus zu erhalten. In der Tat war eine solche Menschenmenge ein großer Köder für die Terroristen, und die Menge wurde angegriffen.

Die meisten Journalisten filmen diese Menschenmenge, weil es in der Stadt nichts zu filmen gibt. Die Stadt hat ein Eigenleben. Eigentlich ist es spannend, was da passiert ist, aber es findet nichts wirklich Berichtenswertes statt.

Die ganze Presse, alle fahren genau dorthin, zum Flughafen, um diese Menschenmenge zu filmen. Und das war der große Köder für die Terroristen. Und wir sehen, was passiert ist.

Gegen wen war Ihrer Meinung nach der Terroranschlag gerichtet?

Der Angriff richtete sich gegen die derzeitigen Machthaber – gegen die Taliban. Die Taliban versuchen zu zeigen, dass sie keine Terroristen sind, dass sie gewillt sind, ein zivilisiertes Land aufzubauen, natürlich auf der Grundlage ihrer muslimischen Vorstellungen, unter Berücksichtigung ihrer Traditionen und allem anderen. Gleichzeitig sind sie bereit, mit allen im Rahmen des Völkerrechts zusammenzuarbeiten, und stehen absolut loyal zum Volk, das in Afghanistan lebt. Alles deutet darauf hin, dass die Terroristen versuchen, mit ihren Aktionen die Taliban zu kompromittieren. Alle sehen, dass die Taliban an die Macht gekommen sind, dann sehen sie die Terroranschläge, und die Schlussfolgerung ist, dass das jetzt passiert. Keiner hat eine Ahnung, wer es getan hat. Menschen sind gestorben – und das ist das Schlimmste, das passiert ist.

Im Internet finden sich zahlreiche Berichte über Musikverbote, das Zerschlagen von Telefonen und die Bedrohung von Frauen durch die Taliban. Sind das Fälschungen, oder passiert das wirklich?

Dies sind meist Fälschungen. Vielleicht gibt es irgendwo solche Vorfälle, denn die Organisation (die Taliban) ist ziemlich groß. Und wie in jeder Institution kann es gute und schlechte Menschen geben. Ich war im Ministerium für Kultur und Information und habe gesehen, wie sich die Taliban verhalten. Die Frauen laufen mit bedecktem Kopf, aber mit offenem Gesicht herum. Alle gehen ganz normal damit um.

Haben Sie jemanden von der russischen diplomatischen Vertretung getroffen? Wie ist deren Situation?

Ja, wir haben uns getroffen. Unser Konsulat arbeitet in aller Ruhe. Sie arrangierten für uns ein Treffen mit einem Taliban-Sprecher. Es gab eine Pressekonferenz, unsere Journalisten waren dabei. Völlig normale Interaktion. Alle russischen Bürger, die das Land verlassen wollten, verließen es. Flugzeuge flogen an und brachten sie zurück. Ich sehe keine Panik, ich sehe keine Bedrohung für uns oder für unser Konsulat.

Sie haben in Libyen gearbeitet. Gibt es Ähnlichkeiten oder Unterschiede zwischen den Ereignissen?

Es gibt sehr große Unterschiede. Hier gibt es keine militärische Intervention wie in Libyen. Hier wird die Situation kontrolliert. Die Menschen leben ihr eigenes Leben. Im Grunde hat niemand Angst vor irgendetwas. Frauen, Kinder – alle sind auf den Straßen unterwegs. In Tripolis war die Lage natürlich noch ernster.

Was war der Grund für Ihren Besuch in Afghanistan?

Der einzige Zweck ist es, mit Menschen zu sprechen. Wir planen, eine Umfrage durchzuführen. Wir werden Bürger unterschiedlichen Geschlechts und Alters ansprechen und sie befragen. Wer auch immer zustimmt, wir werden mit ihnen vor der Kamera sprechen.

Wir haben 18 Standardfragen im Fragebogen: Einstellung zur Situation, Einstellung zur neuen Regierung, Einstellung zu den USA, die dort 20 Jahren anwesend waren, welche Pläne, welche Wünsche, welche Probleme es gibt usw. Dies wird zumindest ein objektives Bild vermitteln.

Zurzeit sind viele Fälschungen im Umlauf. Viele beschuldigen die derzeitige Regierung des Terrorismus. Sie zeigen, wie Menschen auf dem Flughafen erschossen werden. Und jeder hat das Bild im Kopf, dass die neue Regierung das Land auf den Abgrund zusteuert. Dies ist jedoch nicht ganz richtig, denn es gibt noch kein vollständiges und objektives Bild davon, was im Lande geschieht und wie die Menschen über die neue Regierung denken. 

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