Meinung

Nach Scheitern des Westens: Afghanische Stammesgesellschaft und Herausforderungen der Nachbarländer

Pakistans Premierminister Imran Khan sagte unlängst, die westliche Demokratie habe ausgedient. Nach dem Debakel des Westens in Afghanistan suchen Nachbarländer nach einem regionalen Konzept, um dem von ethnischen Konflikten heimgesuchten Land bei der Bewältigung der Krise zu helfen.
Nach Scheitern des Westens: Afghanische Stammesgesellschaft und Herausforderungen der NachbarländerQuelle: AFP © Aref Karimi

von Seyed Alireza Mousavi

Die Mainstream-Medien haben sich in den vergangenen Tagen mächtig ins Zeug gelegt, um die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan zu einer großen Gefahr für die sogenannte "freie Gesellschaft" zu dramatisieren. Die westlichen Meinungsmacher geben zwar mittlerweile zu, dass in Afghanistan eigentlich der Westen gescheitert ist, aber es ist unwahrscheinlich, dass sie damit aufhören, die westlichen Werte als Exportgut der ganzen Welt anbieten oder gar aufzwingen zu wollen. Sie werden weiterhin Interventionsgründe herbeizuzaubern, um sich überall einzumischen.

Obwohl westliche Politiker inzwischen "bedauern", dass angebliche "Errungenschaften" der von den USA installierten Regierung in Kabul in der vergangenen 20 Jahren mit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan verloren gehen würden, entstand im Ergebnis  jedoch in den vergangenen Jahren eine Fassadendemokratie in Afghanistan mit einer prowestlichen korrupten Oligarchie als den eigentlichen Machthabern. Der letzte Machthaber dieses Systems – Aschraf Ghani – soll auch das Land in einem Hubschrauber voller Geld verlassen haben, bevor die Taliban die Hauptstadt Kabul einnahmen. 

Pakistans Premierminister Imran Khan lobte Anfang Juli China  für sein einzigartiges Modell eines Regierungssystems und nannte es eine Alternative zur westlichen Demokratie: "Bisher wurde uns gesagt, dass sich Gesellschaften am besten durch die westliche Demokratie verbessern können. China hat jedoch ein alternatives System eingeführt, und sie haben alle westlichen Wahldemokratien geschlagen." Imran Khan fügte hinzu, eine Gesellschaft sei nur dann erfolgreich, wenn sie über Strukturen verfüge, die die herrschende Elite zur Rechenschaft ziehen und eine Leistungsgesellschaft gewährleisten könne.

Für die Nachbarländer Afghanistans ist nun die Stunde gekommen, um die Region nach dem Rückzug der westlichen Truppen neu- oder umzugestalten. Mit dem Rückzug der USA aus der Region wird der Spielraum für die Nachbarländer Afghanistans größer, um einen Dialog mit afghanischen Stämmen anzukurbeln, um damit innerhalb Afghanistans und in der Region auch Stabilität nach einem regionalen Konzept zu bringen.

Man sollte sich in Afghanistan vor Augen führen, dass das Land ein Vielvölkerstaat und besser ausgedrückt eine Stammesgesellschaft ist – ein Staat mit vielen verschiedenen ethnischen Gruppierungen. Die Taliban entstammen der Gruppe der Paschtunen. Die Zukunftsfrage Afghanistans wird deshalb zugleich die Frage nach den Beziehungen zwischen den Taliban und den nicht zu den Paschtunen zählenden Ethnien im Land sein. Neben den Paschtunen machen Tadschiken und Hazara andere große Volksgruppen in Afghanistan aus. Der Westen hatte diese entscheidenden Aspekte der afghanischen Gesellschaft in letzten Jahren komplett ignoriert und versuchte, seine abstrakte Demokratie-Agenda in Afghanistan durchzusetzen.

Die Taliban von 2021 sind eine ganz andere Organisation als die Taliban von 2001. Taliban-Funktionäre nahmen längst diplomatische Beziehungen mit den Nachbarländern Iran, Pakistan, China, den ehemaligen sowjetischen zentralasiatischen Länder inklusive auch Russland auf, um auf deren Bedenken über die Zukunft Afghanistans einzugehen. 

Iran freut sich zwar über den Abzug der US-Amerikaner aus Afghanistan, aber die Führung in Teheran wie in anderen Nachbarländern hat an einer Destabilisierung des Nachbarlandes keinerlei Interesse. Für Iran ist wichtig, dass schiitische Minderheiten wie die Hazara, die die drittgrößte ethnische Gruppe im Land ausmacht, unter Herrschaft der sunnitischen Taliban ihre Religion frei ausüben können. Die Taliban sandten in den letzten Tagen unter anderem freundschaftliche Signale nach Teheran: Nachdem die Taliban die Stadt Herat eingenommen hatten, verhafteten sie dort Muhammad Ismail Khan, einen ehemaligen Warlord und Verbündeten Irans. Ein paar Tage nach seiner Festnahme wurden Fotos von ihm in der Stadt Maschhad in Iran veröffentlicht. Es wird spekuliert, dass die Taliban ihn auf Wunsch der iranischen Regierung freiließen, um das Land in Richtung Iran zu verlassen. Iran rief zudem im Zuge des Taliban-Vormarsches seine Verbündete – insbesondere die Brigade Liwa Fateiyoum, eine afghanische schiitische Miliz – auf, nicht auf gegen die Taliban zu kämpfen. Der iranischen Führung war schon im Vorfeld bewusst, dass sich die USA womöglich einen Bürgerkrieg innerhalb Afghanistan zwischen den sunnitischen Taliban und den schiitischen, nichtpaschtunischen afghanischen Ethnien wünschen, um so ein destabilisiertes Afghanistan zu hinterlassen und zugleich das Nachbarland von Iran zu schwächen. Nach der Machübernahme der Taliban lässt sich – geopolitisch gesehen – erwarten, dass Iran und Indien sich annähern könnten, um der geopolitischen Stärke Pakistans in Afghanistan unter Herrschaft der Taliban entgegenzuwirken.

Dass die afghanischen Taliban von den pakistanischen Geheimdiensten (ISI) unterstützt werden, ist längst ein offenes Geheimnis. Heute setzt Pakistan darauf, dass die Taliban in Afghanistan die Regierung bilden werden. Afghanistan ist zumindest für Pakistan ein geopolitisch sehr wichtiges Land. Mit den Taliban an der Spitze wird Afghanistan keine gegen Pakistan gerichtete Außenpolitik betreiben. Es dürfte insofern zu keiner engen Zusammenarbeit mit Indien oder mit anderen Mächten kommen, deren Politik gegen Pakistans Ambitionen in der Region gerichtet sind. Als Atommacht will Pakistan seinen Einfluss in der Region ausweiten. Dabei sieht Pakistan die Taliban und auch China als enge Partner an. Für Pakistan ist Afghanistan ein Rückzugsgebiet der Armee. Sollte Indien im Osten eine Überraschungsoffensive starten, könnten sich pakistanische Truppen im Westen in afghanische Grenzgebiete zurückziehen. Pakistan hofft zudem, dass die Taliban den Pakistani dabei helfen werden, die pakistanischen Taliban in Schach zu halten. In Pakistan leben offenbar noch mehr Paschtunen als in Afghanistan. 

China, das enge Beziehungen zu Pakistan pflegt, nahm bereits offizielle diplomatische Beziehungen zu den Taliban auf. Afghanistan ist aus Sicht Pekings ein wichtiger Korridor zu den Staaten Zentralasiens und könnte Teil des chinesisch-pakistanischen Wirtschaftskorridors CPEC werden. Die große Sorge, die China allerdings mit Blick auf neue Entwicklungen in Afghanistan umtreibt, sind uigurische Dschihadisten, die offenbar seit Jahren mit aufseiten der Taliban kämpfen. Es besteht nämlich für China die Gefahr, dass sich viele uigurische Extremisten durch den reibungslosen Sieg der Taliban ermutigt fühlen, woraus eine Dynamik entstehen könnte, weitere Anschläge in China zu planen und zu verüben. Die Taliban bemühten sich in letzter Zeit, China als potentiellen Verbündeten zu umwerben. Während der Westen angesichts der geopolitischen Interessen die Gefahr der uigurischen Extremisten für China stets gezielt herunterspielt, sollen die Taliban der chinesischen Führung bereits garantiert haben, dass Afghanistan kein Rückzugsort für uigurische Dschihadisten sein wird.

In Russland ist die größte Angst im Grunde nicht der Sturz der prowestlichen Regierung in Kabul, sondern der Aufstieg extremistischer Gruppen in Afghanistan, die Russland seit Jahren zum Beispiel gerade in Syrien bekämpft. Russland befürwortet einen nationalen Dialog, an dem alle politischen Kräfte Afghanistans beteiligt sind. Vor dem Hintergrund von Berichten über den Widerstand gegen die Taliban in Pandschschir betonte der russische Spitzendiplomat Lawrow kürzlich, dass die Taliban-Bewegung nicht das gesamte Gebiet Afghanistans kontrolliere. Russland ruft deshalb zum nationalen Dialog unter Beteiligung aller entgegengesetzten Kräfte aller ethnisch-religiösen afghanischen Gruppen auf.

Während der Großteil Afghanistans tatsächlich von den Taliban besetzt ist, leistet die Provinz Pandschschir nördlich der Hauptstadt weiter Widerstand gegen die Taliban-Milizen. Angeführt werden sie von Afghanistans bisherigem Vize-Präsidenten Amrullah Saleh und von Ahmad Massoud, dem Sohn des bekannt gewordenen Mudschahedin-Kämpfers Ahmad Schah Massoud. Allerdings sorgte der jüngste Kommentar von Ahmad Massoud in der Washington Post für Verwirrung, da er sich in diesem Artikel dem Westen zuwandte, um ihn bei der Bekämpfung der Taliban zu unterstützen – an gerade jenen Westen, der schon die Ghani-Regierung im Stich gelassen hatte.

Schon vor der Wiedereinsetzung des islamischen Emirats haben die Taliban sorgfältig gute Beziehungen zu wichtigen eurasischen Akteuren gepflegt – zu Russland, China, Pakistan, Iran und den zentralasiatischen Staaten. Dabei spielt Russland eine entscheidende Rolle, da es sich bemüht, regionale Akteure unter dem Konzept der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) zusammenzubringen. Russland hat mehrfach die vom Westen erfundene "regelbasierte Ordnung" kritisiert, da sie dem erstarkenden Multilateralismus in der Weltpolitik eklatant widerspricht. Es ist für Russland einerseits entscheidend, innerhalb von internationalen Organisationen wie der UNO zu arbeiten, in denen das gesamte Spektrum von Meinungen, manchmal eben auch gegensätzlicher Meinungen, präsent ist, und anderseits regionalen Plattformen mehr Gewicht einzuräumen. In diesem Zusammenhang erklärte Lawrow, dass Russland bereit sei, das sogenannte "Moskauer Format" der Gespräche über Afghanistan wieder aufzunehmen. Iran steht inzwischen durch eine aktive russische Initiative kurz davor, der SOZ als Vollmitglied beizutreten, um die regionalen Kooperationen weiter zu verstärken.

Was die Taliban mutmaßlich anstreben, um überhaupt regierungsfähig zu sein, ist eine  Konföderation von Stämmen und ethnischen Gruppen unter einem Taliban-Emir. Zu erwarten ist insofern, dass die Taliban sich schrittweise von ihrer bisherigen Struktur einer klaren paschtunischen Dominanz entfernen müssen. Dabei kommt für Afghanistan die Rolle seiner Nachbarländer ins Spiel, um deren Beitrag zu Beilegung der ethnischen Konflikte in Afghanistan zu nutzen. Russland und China sowie weitere regionale Akteure sollen deshalb alles daransetzen, der Lage Herr zu werden und das von Westen jüngst entfesselte Chaos im Nahen Osten einzudämmen.

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