Asien

Jean Bricmont: Umgang des Westens mit humanitärer Krise in Afghanistan "unfassbar heuchlerisch"

Der belgische Publizist Jean Bricmont sieht die Schuld für die jetzige Flüchtlingskrise in Afghanistan vollständig beim Westen. Die nun geforderte "Hilfe für die Afghanen" nach zwanzig Jahren Krieg und einem chaotischen Abzug richte sich dabei nur an die ehemaligen Kollaborateure.
Jean Bricmont: Umgang des Westens mit humanitärer Krise in Afghanistan "unfassbar heuchlerisch"Quelle: AFP

Der belgische Physiker, Intellektuelle und politische Publizist Jean Bricmont hat in einem Interview mit RT die fehlende Verantwortung des Westens in der humanitären Katastrophe in Afghanistan kritisiert. Die Schuld an der Flüchtlingskrise, die sich gerade in Afghanistan abspielt, sieht er vollständig auf der Seite der USA und der NATO, sagte der 69-Jährige. Obwohl der Westen kurz nach seinem Einmarsch 2001 die Taliban stürzte, zog man die Truppen nicht etwa ab, sondern blieb zwanzig Jahre in dem Land.

"Jetzt zieht man ab – und die Taliban sind stärker und populärer als jemals zuvor. Tonnenweise überließ die sogenannte afghanische Armee den Taliban ihre Waffen, mit denen sie die USA erst ausgerüstet haben."

Bricmont ist Professor für theoretische Physik an der Katholischen Universität Löwen in Belgien. Seine Kritik am westlichen Imperialismus ist vom amerikanischen Linguisten Noam Chomsky inspiriert. Zusammen mit dem amerikanischen Physiker Alan Sokal veröffentlichte Bricmont 1997 ein Buch, das 1999 unter dem Titel "Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften missbrauchen" auf Deutsch erschienen ist.

Humanitäre Krise durch Flüchtlinge

Bricmont zufolge müsse man anerkennen, dass viele der Flüchtlinge wahrscheinlich Kollaborateure der Besatzerarmeen sind. Wenn also jetzt offiziell die Rede davon ist, dass man "den Afghanen" helfen müsse, so sind eigentlich die ehemaligen Helfer unter den Afghanen gemeint. So wie beispielsweise Nazi-Deutschland während des "Dritten Reiches" Philippe Pétain und Pierre Laval geholfen hatte, 1944 aus Frankreich zu fliehen, hilft der Westen nun seinen Kollaborateuren unter den Afghanen.

In Europa wisse man zudem aus Erfahrung, was mit den Betroffenen passieren kann. Nach dem Ende der deutschen Besatzung wurden in Frankreich Kollaborateure gejagt und erschossen. Das Gleiche passierte mit den algerischen Harki, die mit den Franzosen kollaboriert hatten, und auch in Südvietnam.

Die Situation werde dadurch komplizierter, dass sich unter die Afghanen, die nun das Land verlassen wollen, auch terroristische, islamistische Gruppen mischen können. All das zusammen sei Bricmont zufolge ein riesiges Problem, das der Westen selbst verursacht hat. Daher sei es das Mindeste, dass der Westen seine Verantwortung anerkennt und die Schuld für die Flüchtlinge nicht Russland oder Weißrussland in die Schuhe schiebt.

Putin habe zu Recht auf Flüchtlinge hingewiesen, die dann aus den mittelasiatischen Staaten wie Turkmenistan oder Usbekistan ohne Visum nach Russland weiterreisen könnten. Die Forderung des Westens, dies zuzulassen, da man die Flüchtlinge ja später durchleuchten könne, hält Bricmont bestenfalls für Arroganz: 

"Sie [im Westen] verstehen nicht, dass sich die Welt verändert, sie haben eine bedeutende Niederlage in Afghanistan erlitten, und die Zeit ist nun reif, sich zu entschuldigen und etwas bescheiden in Hinblick auf die übrige Welt zu sein."

Dass der Westen weiterhin die moralische Überlegenheit für sich beansprucht und sich als Verteidiger der Menschenrechte sieht, ist für Bricmont vollkommen inkonsistent und unfassbar heuchlerisch. Nicht nur hat man einen langen Krieg geführt und ihn am Ende auch noch verloren. Die Art, wie man die Truppen abgezogen hat, verursachte zusätzlich Chaos.

"Sie sind so arrogant, dass sie ihren Abzug noch nicht einmal geplant haben."

So hätten die Amerikaner ihre Staatsbürger aus dem Land herausholen können und sollen, bevor sie ihre Truppen abzogen. Das habe man aber nicht getan.

"Es sind also eine Menge Amerikaner dort gestrandet, natürlich auch Kollaborateure, und die fliehen auf jede mögliche Weise."

Undenkbare Lösungen zur "Verbesserung" der Lage

Wenn es dem Westen jetzt wirklich darum geht, den Schaden unter den Afghanen zu begrenzen, könnte man zum Beispiel Sanktionen gegen Iran aufheben, schlussfolgert Bricmont. Insgesamt 800.000 afghanische Flüchtlinge hat dieses Land bislang aufgenommen.

"Wird man das machen? Es ist undenkbar. Es wird nicht einmal diskutiert. Stattdessen veranstaltet man einen riesigen Rummel um die afghanischen Frauen und die Mädchen, die jetzt nicht zur Schule gehen. Aber es ist ihre Schuld!"

Ebenfalls könnte der Westen das Geld der afghanischen Zentralbank wieder freigeben, das von amerikanischen Banken verwaltet wird und unmittelbar nach der Machtübernahme der Taliban konfisziert wurde.

Stattdessen werden die Amerikaner versuchen, Afghanistan die Luft abzuwürgen – so, wie sie das mit Venezuela, Kuba, Iran und all diesen Ländern versucht haben – und sogar mit Russland, wo man aber nichts ausrichten konnte, sagte Bricmont.

Man helfe im Westen also nicht "den Afghanen", sondern nur den ehemaligen Kollaborateuren. Das sei etwas anderes.

"Die meisten Afghanen sind Bauern. Und sie sind arm und sie unterstützen wahrscheinlich die Taliban."

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