Asien

Biden verteidigt Abzug aus Afghanistan und gibt Afghanen Schuld für Niederlage

US-Präsident Joe Biden erklärte in einer Ansprache am Montagabend, dass er hinter seiner Entscheidung stehe, die US-Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Selbst aus den eigenen Reihen seiner Partei wurde die Kritik angesichts der chaotischen Bilder aus Kabul und der Machtübernahme durch die Taliban immer lauter.
Biden verteidigt Abzug aus Afghanistan und gibt Afghanen Schuld für NiederlageQuelle: AFP © Brandon Smialowski

Tausende von Menschen, die verzweifelt aus Afghanistan fliehen wollten, drängten sich am Montag auf dem Flughafen von Kabul, nachdem die Taliban die Hauptstadt des Landes eingenommen hatten. Die Vereinigten Staaten brachten den ganzen Flughafen unter ihre Kontrolle, um die Evakuierung ihres diplomatischen Personals und den ihrer Verbündeten durchzuführen.

Zu den chaotischen Szenen auf dem Flughafen gehörte ein Vorfall, bei dem eine Gruppe von Menschen sich an ein US-Militärtransportflugzeug klammerte, als dieses auf der einzigen Startbahn rollte. Fernsehbildern zufolge schien eine Person während des Starts vom Flugzeug zu fallen.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete mit Verweis auf einen ungenannten US-Beamten, dass US-Soldaten in die Luft geschossen hätten, um die Menschen abzuschrecken, die versuchten, sich gewaltsam Zutritt zu einem Militärflugzeug zu verschaffen, das US-Diplomaten und Botschaftsmitarbeiter evakuierte.

Mindestens fünf Menschen sollen bei dem Chaos getötet worden sein. Ein Zeuge stellte laut Medienberichten fest, dass es unklar sei, ob sie erschossen oder in einer Massenpanik getötet wurden. Ein ungenannter US-Beamter sagte Reuters, dass zwei bewaffnete Männer von US-Kräften getötet worden seien, nachdem sie offenbar in die Menge geschossen hatten.

Ein Pentagon-Sprecher erklärte, es gebe Hinweise darauf, dass ein Mitglied des US-Militärs verwundet worden sei.

US-Behörden teilten mit, dass die Evakuierungsflüge am Montagabend wieder aufgenommen wurden, nachdem es zu einer mehrstündigen Verzögerung gekommen war, als ein deutsches Flugzeug in die usbekische Hauptstadt Taschkent umgeleitet wurde und ein anderes über der Stadt kreisen musste.

Die rasche Eroberung Kabuls durch die Taliban folgte auf Bidens Entscheidung, die US-Streitkräfte nach 20 Jahren Krieg – dem längsten für das Land – abzuziehen, der Washington nach seinen Worten mehr als eine Billion US-Dollar gekostet habe.

US-Geheimdienste sagten voraus, dass Afghanistan möglicherweise innerhalb von Monaten an die Taliban fallen werde. Doch die afghanischen Städte und Provinzen fielen innerhalb von Tagen. Es machte sich die Furcht vor einem harten Durchgreifen der Taliban gegen die Meinungsfreiheit und die Menschenrechte, insbesondere die Rechte der Frauen, breit.

In einer Fernsehansprache am Montagnachmittag verteidigte Biden seine Entscheidung, die Truppen abzuziehen. Der US-Präsident betonte, er habe sich entscheiden müssen, ob er die US-Streitkräfte bitten wolle, "endlos in dem afghanischen Bürgerkrieg zu kämpfen", oder ob er die von seinem Vorgänger Donald Trump ausgehandelte Abzugsvereinbarung einhalten wolle. Biden hob hervor:

"Ich stehe voll und ganz hinter meiner Entscheidung."

"Nach 20 Jahren habe ich auf die harte Tour gelernt, dass es nie einen guten Zeitpunkt für den Abzug der US-Truppen gab. Deshalb sind wir immer noch dort."

Er machte die afghanischen politischen Führer, die aus dem Land geflohen sind, und die mangelnde Kampfbereitschaft der afghanischen Armee für die Machtübernahme durch die Taliban verantwortlich.

Der Demokrat sah sich einer Flut von Kritik ausgesetzt, sogar von seinen eigenen Diplomaten, die sein Vorgehen beim Abzug der US-Truppen und den anschließenden Einsatz von Tausenden von Soldaten bei der Evakuierung kritisierten.

Der Vorsitzende der Republikaner im Senat Mitch McConnell verkündete vor Reportern:

"Afghanistan ist verloren ... jeder Terrorist auf der Welt jubelt."

Einer von Bidens Demokraten-Kollegen, Senator Mark Warner, der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, forderte Antworten auf die Frage, warum Washington nicht besser auf ein Worst-Case-Szenario vorbereitet gewesen sei.

Der chinesische Außenminister Wang Yi erklärte gegenüber US-Außenminister Antony Blinken, dass der überstürzte Abzug der US-Truppen "ernsthafte negative Auswirkungen" habe. Außerdem erklärte Wang die chinesische Bereitschaft, mit Washington zusammenzuarbeiten, um die Stabilität zu fördern.

Blinken sprach am Montag auch mit dem pakistanischen Außenminister Shah Mahmood Qureshi und dem russischen Außenminister Sergei Lawrow über die Sicherung der regionalen Stabilität, so das US-Außenministerium.

Neues Regime

Der afghanische Präsident Ashraf Ghani floh am Sonntag, als die islamistischen Kämpfer praktisch ungehindert in Kabul einmarschierten. Er verkündete, er wolle somit Blutvergießen vermeiden. Sein Aufenthaltsort war am Montag nicht bekannt, und das US-Außenministerium weigerte sich zu sagen, ob es ihn noch als Präsidenten betrachte.

Währenddessen rief der UN-Sicherheitsrat zu Gesprächen über die Bildung einer neuen Regierung in Afghanistan auf, nachdem Generalsekretär António Guterres vor "abschreckenden" Menschenrechtsverletzungen und Verstößen gegen Frauen und Mädchen gewarnt hatte.

Der frühere afghanische Premierminister Gulbuddin Hekmatyār teilte mit, er sei auf dem Weg nach Doha, um sich am Dienstag mit einer Taliban-Delegation zu treffen. Ihn würden der ehemalige afghanische Präsident Hamid Karzai und der Leiter des Hohen Rates für nationale Aussöhnung begleiten, berichtete Al Jazeera.

Tage vor der Einnahme Kabuls durch die Taliban hatten sich Abgesandte der Vereinigten Staaten, Chinas und anderer Länder mit Unterhändlern der afghanischen Regierung und Vertretern der Taliban in Katar zu Friedensgesprächen getroffen.

Viele Afghanen befürchten, dass die Taliban zu den harten Praktiken der Vergangenheit zurückkehren werden. Während ihrer Herrschaft von 1996 bis 2001 durften Frauen nicht arbeiten, und es wurden Strafen wie öffentliche Steinigung, Auspeitschen und Hängen verhängt.

Taliban-Sprecher Suhail Shaheen erklärte gegenüber Dunya News, dass die Miliz die Sicherheit in Kabul verbessern und "die Rechte von Frauen und Minderheiten gemäß den afghanischen Normen und islamischen Werten respektieren" werde.

Shaheen fügte hinzu, dass das neue Regime die Vertretung aller Ethnien sicherstellen werde und dass die Taliban sehr daran interessiert seien, mit der internationalen Gemeinschaft zusammenzuarbeiten, um das Land wiederaufzubauen.

Afghanische Soldaten auf der Flucht

Die Taliban brauchten nur etwas mehr als eine Woche, um die Kontrolle über das gesamte Land zu erlangen, nachdem die Regierungstruppen, die jahrelang von den Vereinigten Staaten und anderen Ländern ausgebildet und ausgerüstet worden waren, in Windeseile geflüchtet waren.

US-Offiziere hatten lange darauf hingewiesen, dass die Korruption die Entschlossenheit der schlecht bezahlten, schlecht ernährten und unregelmäßig versorgten afghanischen Frontsoldaten untergraben würde.

Hunderte von afghanischen Soldaten flohen am Wochenende mit 22 Militärflugzeugen und 24 Hubschraubern nach Usbekistan. Ein Flugzeug stieß bei der Flucht mit einem begleitenden usbekischen Kampfjet zusammen und wonach beide abstürzten, wie usbekische Behörden mitteilten.

Pentagon-Sprecher John Kirby teilte mit, dass US-Verteidigungsminister Lloyd Austin die Entsendung eines weiteren Bataillons nach Kabul genehmigt habe, womit die Zahl der Truppen, die die Evakuierung bewachen sollen, auf etwa 6.000 steigen würde.

Gleichzeitig verkündete Shaheen auf Twitter, die Kämpfer der Miliz hätten den strikten Befehl, niemanden zu verletzen. Er erklärte:

"Leben, Eigentum und Ehre von niemandem dürfen verletzt werden, sondern müssen von den Mudschahedin geschützt werden."

Mehr zum Thema - Ironie der Geschichte? Geflüchteter Präsident beschrieb 1989 Sturz von "Marionettenregime in Kabul"

Sehr geehrte RT DE-Leser,

wir sind auf einen neuen Dienst für die Kommentarfunktion umgestiegen.

Da wir die Privatsphäre unserer Leser respektieren und Ihre Daten nicht an eine Drittplattform übermitteln werden, müssen Sie sich erneut registrieren. Wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeit und hoffen, dass sie sich weiterhin mittels der Kommentarfunktion über aktuelle Themen austauschen und informieren können.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre RT DE-Redaktion