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Mikrobiologin findet brisante Hinweise auf Laborursprung des Coronavirus

Bereits relativ früh gingen Wissenschaftler davon aus, dass SARS-CoV-2 auf natürlichem Wege entstanden ist. Die Mikrobiologin Rossana Segreto der Universität Innsbruck fand nun Hinweise darauf, dass das Virus womöglich doch aus dem Labor stammt und kritisiert, dass man dies bisher ausschloss.
Mikrobiologin findet brisante Hinweise auf Laborursprung des CoronavirusQuelle: Reuters © Stringer

Bisher gingen die meisten Experten davon aus, dass das Coronavirus durch natürliche Selektion entstanden ist. Aber eine Forschergruppe um die Mikrobiologin Rossana Segreto der Universität Innsbruck fand nun Hinweise darauf, dass es womöglich doch aus dem Labor stammt. Segreto forschte bereits vor der Corona-Krise an der Entstehung von Virusmutationen. Als dann die ersten Fälle von COVID-19 in Wuhan auftraten, sei sie neugierig geworden. Seitdem hat sie Indizien gesammelt, die auf einen Ursprung von SARS-CoV-2 aus dem Labor hindeuten.

Die Mikrobiologin wünsche sich, sie hätte diese Zusammenhänge nie gefunden, denn die Suche nach dem Ursprung des Virus sei "politisch brisant". Als Wissenschaftlerin möchte sie auch keinen "Verschwörungstheoretikern" in die Hände spielen, denn der Ursprung des Virus aus dem Labor sei nicht nur eine Verschwörungstheorie, erklärte sie gegenüber der APA. Vieles in ihren Untersuchungen deute darauf hin, dass SARS-CoV-2 aus einem Labor kommt.

Die Forscherin kritisiert, dass Wissenschaftler diese Möglichkeit relativ früh als "Unsinn" abtaten. Es gebe nach wie vor keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass sich der Erreger auf natürliche Weise entwickelte und nicht aus einem Labor stammt. Dennoch habe man einen Laborunfall durch menschliches Versagen, bei dem das Virus möglicherweise freigesetzt wurde, frühzeitig ausgeschlossen.

Dabei gebe es auffallend viele Hinweise, die für diese Theorie sprechen: Das Institut für Virologie in Wuhan befindet sich zum Beispiel in direkter Nähe zum exotischen Tiermarkt in der chinesischen Provinz Hubei, in der im Januar 2019 die ersten Fälle der zuvor unbekannten Lungenkrankheit gemeldet wurden:

"In diesem Labor wird seit Jahren an mutierten Corona-Viren geforscht", erklärte Segreto gegenüber der APA.

Es sei auch beunruhigend, dass ein solches BSL-4-Hochsicherheitslabor in einem Ballungszentrum gebaut wurde. Weiterhin moniert die Wissenschaftlerin, dass das Labor nach der weltweiten Zunahme von COVID-19-Fällen nie untersucht wurde. Erst am 14. Januar – nach fast einem Jahr – durfte ein Expertenteam der WHO China besuchen, um sich auf die Suche nach dem Ursprung des Virus zu begeben. Außerdem seien einzelne, zuvor öffentlich zugängliche Datenbanken des Instituts gelöscht worden.

Einen Laborursprung des Virus auszuschließen, sei zudem fahrlässig, denn weltweit arbeite man in Laboren mit mutierten Erregern. Auch in China werde mit dem Ziel geforscht, gefährliche Viren zu erkennen und zu bekämpfen. Bei diesen "Gain of Function"-Experimenten werden die Viren dabei so stark verändert, dass sie noch ansteckender und tödlicher werden. Dabei geht aber nicht um biologische Kriegsführung, sondern vor allem darum, potenzielle Pandemien zu erkennen und durch Medikamente und Impfstoffe effektiv bekämpfen zu können. Doch auch in der Wissenschaft stehen solche Experimente stark in der Kritik, denn sie gelten als sehr riskant, da die Erreger aus dem Labor leicht durch menschliches Versagen freigesetzt werden können. Dabei könne viel schiefgehen, gibt Segreto zu bedenken.

Bereits in der Vergangenheit habe es zahlreiche solcher Ausbrüche gegeben: Der bekannteste Vorfall, den die Mikrobiologin erwähnte, ist der Ausbruch des H1N1-Influenza-A-Virus aus einem Labor in China, der eine weltweite Pandemie verursachte.

Auch bei der Forschung am SARS-Virus kam es zu Laborunfällen, bei denen das Virus freigesetzt wurde, beispielsweise im Sommer 2003 in Singapur, im Dezember 2003 in Taiwan und in zwei Fällen im Frühjahr 2004 in China. Die jüngsten Fälle, die sich im November 2019 ereigneten, waren die Ausbrüche von Brucella-Bakterien in zwei Forschungsinstituten in den chinesischen Städten Lanzhou und Harbin. Dabei infizierten sich etwa hundert Mitarbeiter und Studenten mit dem Erreger. Laut Nature besteht der Verdacht, dass eine lasche Handhabung der Sicherheitsvorschriften zu dem Ausbruch führte.

Aber auch in den USA gab es schon entsprechende Vorfälle: Im August 2019 wurden in einem Hochsicherheitslabor am medizinischen Forschungsinstitut für infektiöse Krankheiten der US-Army in Fort Detrick sämtliche Forschungsarbeiten eingestellt, nachdem es zu einer Verletzung der Sicherheitsvorschriften gekommen war. Besorgniserregend ist auch, dass es laut Washington Post bereits im Jahr 2018 Bedenken bezüglich der Sicherheitsvorkehrungen im besagten Hochsicherheitslabor des Virologischen Instituts in Wuhan gab.

Der Aufbau von SARS-CoV-2 zeuge außerdem davon, dass das Virus möglicherweise nicht durch natürliche Selektion entstanden ist, sondern künstlich im Labor erzeugt wurde. Die Indizien dafür veröffentlichte sie zusammen mit dem Biotech-Unternehmer Yuri Deigin in einer Abhandlung im Fachjournal BioEssays, nachdem zuvor sieben Fachzeitschriften die Veröffentlichung des Beitrags abgelehnt hatten.

Im Erbgut von SARS-CoV-2 gebe es zum Beispiel einen bestimmten Abschnitt in der Gensequenz, der für die Ausbildung der sogenannten "Furin-Spaltstelle" im Virus zuständig ist, die dafür sorgt, dass verschiedene Organe von der Infektion betroffen sein können und das Virus sich rasch ausbreitet. Bei den nächsten Verwandten von SARS-CoV-2, die beispielsweise in Fledermäusen oder in Schuppentieren entdeckt wurden, komme diese Sequenz jedoch nicht vor. Es sei unwahrscheinlich, dass sich diese Sequenz innerhalb kürzester Zeit ausgebildet habe und es SARS-CoV-2 ermöglicht, verschiedene Arten wie Menschen und unterschiedliche Gewebe zu befallen. Denkbar sei jedoch, so die Forscherin, dass diese Gensequenz durch sogenannte ortsgerichtete Mutagenese-Experimente entstanden ist.

Außerdem sei die Rezeptor-Bindungs-Domäne (RBD) des Spike-Proteins von SARS-CoV-2 perfekt geeignet, um menschliche Lungenzellen zu befallen, indem es sich an den menschlichen ACE2-Rezeptor heftet. Theoretisch sei es zwar möglich, dass die RBD durch eine Rekombination verschiedener Coronaviren entstand. Doch dies sei sehr unwahrscheinlich, denn dazu müssten zwei verschiedene Arten von Coronaviren gleichzeitig dieselbe Zelle im selben Organismus befallen haben.

Der Wissenschaftlerin zufolge gebe es verschiedene Szenarien, wie das Virus möglicherweise aus dem Labor entwich: Ein infiziertes Versuchstier könnte einen Labormitarbeiter gekratzt oder gebissen haben. Es sei auch möglich, dass sich ein Mitarbeiter durch Unachtsamkeit an einer kontaminierten Nadel einer Spritze gestochen habe. Denkbar sei aber auch, dass es bei Versuchen zur Übertragung des Virus durch Aerosole in der Luft ein Leck im Labor zur Infektion eines Labormitarbeiters gekommen sei, die lange unbemerkt bleiben konnte.

Einer der Gründe, warum der Ursprung des Coronavirus aus einem Labor von vornherein ausgeschlossen wurde, liegt Segreto zufolge wohl auch an einem Beitrag in The Lancet, bei dem es sich aber nicht einmal um einen wissenschaftlichen Artikel handelt, sondern eher um einen recht kurzen Meinungsbeitrag. In diesem wird für die Wissenschaftler und Gesundheitsexperten Chinas Partei ergriffen, die angeblich durch "bemerkenswerte Bemühungen" ihren Wissensstand "transparent mit der globalen Gemeinschaft" teilten. In dem Meinungsbeitrag vom 19. Februar 2020 werden Theorien, die einen anderen als natürlichen Ursprung von SARS-CoV-2 nahelegen, direkt als Verschwörungstheorien gebrandmarkt, da eine "Vielzahl an Untersuchungen auf einen tierischen Ursprung des Virus hinweisen".

Weiterhin heißt es darin, dass man "fest zusammenstehe, um Verschwörungstheorien, die nahelegen, dass COVID-19 keinen natürlichen Ursprung hat, scharf zu verurteilen":

"Verschwörungstheorien tun nichts anderes, als Angst, Gerüchte und Vorurteile zu erzeugen, die unsere globale Zusammenarbeit im Kampf gegen dieses Virus gefährden."

Zu den Autoren des Beitrags gehören neben dem bekannten deutschen Virologen Christian Drosten auch der britisch-amerikanische Zoologe und Experte für Infektionsepidemiologie Peter Daszak. Dieser ist ebenfalls Teil des eingangs erwähnten Expertenteams der WHO, das nun den Ursprung des Coronavirus im chinesischen Wuhan untersuchen darf. Segreto zufolge ist Daszak jedoch ein enger Kooperationspartner des Instituts für Virologie in Wuhan, sodass ein Interessenkonflikt nicht auszuschließen sei:

"Wir können uns nicht darauf verlassen, dass hier eine neutrale Untersuchung stattfinden wird."

Mehr zum Thema - WHO-Experten treffen in Wuhan ein: Fachleute suchen nach Coronavirus-Ursprung

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