Wirtschaft

Boom nach Corona? Keine Chance …

Eine wirtschaftliche Erholung nach Corona stößt auf unerwartete Hindernisse: eine Mischung aus Mangel und Teuerung, die nicht nur Automobilfabriken stillstehen lässt. Auch in den Supermärkten dürften höhere Preise aufschlagen.
Boom nach Corona? Keine Chance …© Christian Ohde/face to face

von Dagmar Henn

Die Lockdowns haben die Ladenstraßen der deutschen Innenstädte in unbelebte Zonen verwandelt und viel ist vom kulturellen Leben erst einmal nichts übrig geblieben. Die meisten hoffen darauf, irgendwann zur Normalität zurückkehren zu können. Normalität nicht nur in Hinsicht auf Kontaktverbote und Maskenzwang, sondern auch auf die alltägliche wirtschaftliche Aktivität. Mehrere Bundesländer haben Programme auferlegt, um die Innenstädte wiederzubeleben (zum Beispiel Bayern und Hessen). Aber das ist nur eine und nicht die größte der ökonomischen Herausforderungen.

Gelegentlich erreicht eine der Meldungen über die augenblicklichen Verwerfungen sogar die Tagesschau. Die Produktionsstillstände in Automobilfabriken haben es beispielsweise bis dorthin geschafft. Allerdings bleibt es dann bei einer einzelnen Meldung und frühestens, wenn die nächste Automobilfabrik eine Produktionsstraße für einige Wochen schließt, ist erneut etwas darüber zu hören.

Es wird davon ausgegangen, dass in diesem Jahr weltweit bis zu vier Millionen Autos weniger produziert werden als im vergangenen Jahr. Zum Vergleich: Die weltweite Jahresproduktion von BMW und von Daimler liegt bei je ungefähr 2,5 Millionen Fahrzeugen. Auslöser ist ein Mangel an Chips, die in jedem Fahrzeug benötigt werden. Ein Brand in einer Halbleiterfabrik in Japan wird vielfach als Ursache des Mangels genannt, ein Artikel in der Wirtschaftswoche verwies aber auf die Verantwortung der Automobilproduzenten selbst. Diese hätten im vergangenen Jahr aufgrund der Corona-Krise Aufträge oft sogar rechtswidrig gestrichen und damit viel Vertrauen verloren.

Aber es ist viel mehr aus dem Gleichgewicht geraten als nur die Automobilproduktion. Auch die Produktion anderer elektronischer Geräte leidet unter dem Mangel an Chips – von Servern bis hin zu Waschmaschinen. Und das Problem ist nicht mal eben schnell behoben. Nach Aussage des IBM-Präsidenten Jim Whitehurst soll es noch einige Jahre anhalten. Der Wirtschaftskrieg zwischen den USA und China spielt dabei natürlich ebenfalls eine Rolle. Zumindest wird behauptet, China lege Vorräte an Halbleiterelementen an, um mögliche Sanktionen vorzubeugen. Der größte Chiphersteller Intel hat die Gelegenheit bereits genutzt und erklärt, er wäre bereit, Werke in Europa zu errichten, so man ihm denn acht Milliarden Euro Förderung dazu auf den Tisch legte.

Doch auch da, wo keine Chips benötigt werden, gibt es Probleme. Holz und andere Baustoffe sind zurzeit ebenfalls Mangelware: Dämmstoffe, Baustahl, Farben, Metalle, Rohre, Schrauben und Dachpappe. Nicht nur Neubauten, auch energetische Sanierungen stehen damit vor einem Problem und könnten sich erheblich verzögern – und verteuern. In einer Umfrage des Institutes der deutschen Wirtschaft unter 23 Branchenverbänden sahen über 40 Prozent der Befragten kurzfristig eine starke Beeinträchtigung durch in- oder ausländische Vorleistungsengpässe, also durch das Fehlen von Vorprodukten verschiedenster Art. Weniger als die Hälfte erwartete mittelfristig nur noch eine geringe Beeinträchtigung.

Das Spektrum der Befragten zeigt, wie weit gestreut die momentanen Schwierigkeiten sind. Sie reichen von der Automobil- und Kunststoffindustrie über Maler und Lackierer sowie das Baugewerbe bis hin zu Maschinen- und Anlagenbauern – vom Handwerk bis hin zur großen Industrie. Es gibt also kaum einen Bereich, der nicht mit betroffen ist. Aus dem Bundesverband der Deutschen Industrie wurde bereits ein europäisches Eingreifen gefordert, weil diese Lieferengpässe einen Aufschwung nach der Corona-Krise verhindern könnten. Der Zentralverband des Elektrohandwerkes forderte unter anderem eine Verlängerung des Kurzarbeitergeldes und eine Aufhebung von Vertragsstrafen wegen durch Engpässe ausgelöster Verspätungen.

Die Endverbraucher dürften das Steigen der Agrarpreise noch deutlicher zu spüren bekommen. Getreide- und Pflanzenölpreise liegen höher als in den vergangenen acht Jahren. Nur ein Teil dieser Steigerung entstammt tatsächlich dem Agrarsektor. An einem Ende drücken die Öl- und Düngerpreise die Kosten nach oben, am anderen Ende sind die Schiffstransportkosten, ob für Schüttgut oder als Containerfracht, so hoch wie schon lange nicht mehr.

Der Containerfrachtindex Harpex hat sogar das Maximum des Jahres 2008 übertroffen. Ehe diese Preissteigerungen in den Einkaufstaschen ankommen, mag zwar, dank langfristiger Lieferverträge, noch etwas Zeit vergehen, aber noch dieses Jahr dürften Brot, Getreideprodukte und Speiseöle, aber auch Fleisch deutlich teurer werden.

Die Löhne allerdings sind im vergangenen Jahr gesunken und die ersten Tarifabschlüsse dieses Jahres lassen wenig Hoffnung auf Besserung. Die IG Metall hat im April für NRW einen Tarifvertrag nur mit Einmalzahlungen, ohne prozentuale Erhöhung, abgeschlossen, mit einer Laufzeit von zwei Jahren. Nachdem Renten- und Grundsicherungserhöhungen von der Lohnentwicklung abhängen, wird also bei vielen in diesem Land die Preissteigerung auf breiter Front auf zunehmend leerere Geldbeutel treffen. Eine weitere Erhöhung der CO2-Steuer dürfte dann endgültig dafür sorgen, dass "nach Corona" ein "vor Corona" für Arme wird.

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