Wirtschaft

Asiatische Flüssiggas-Käufer – das unfreiwillige Energiekartell der Zukunft

Die weltweite Nachfrage nach verflüssigtem Erdgas wird bis zum Jahr 2040 auf 700 Millionen Tonnen jährlich ansteigen. Dies prognostiziert der Energiekonzern Shell in einem neuen Bericht. Bis zu 75 Prozent dieses Nachfragewachstums werden aus Asien kommen.
Asiatische Flüssiggas-Käufer – das unfreiwillige Energiekartell der ZukunftQuelle: Reuters © Issei Kato

Die asiatischen Volkswirtschaften sind schon seit Jahren ein wichtiger Markt für Flüssigerdgas. Der Brennstoff gewinnt als saubere und kostengünstige Alternative zu Kohle zunehmend an Bedeutung. Diese Rolle wird mit den Netto-Null-Verpflichtungen zur CO2-Verringerung weiter zunehmen, stellte der Energiekonzern Shell in seinem LNG Outlook 2021 fest. Dieses Wachstum könnte zur Bildung eines Kartells unter den LNG-Käufern in Asien führen.

Anna Shiryaevskaya, Berichterstatterin über den Gasmarkt bei Bloomberg, schrieb kürzlich in einem Artikel über LNG, dass die asiatische Nachfrage nach LNG die traditionellen Preismodelle für diesen Rohstoff auf den Kopf stellt. Der jüngste Beweis dafür, dass die Fundamentaldaten besser sind als angenommen, ist, dass Asien in diesem Winter die LNG-Preise diktierte. Man trieb die Preise in der kältesten Jahreszeit in die Höhe und drückte sie anschließend wieder auf ein normales Niveau, sobald das Wetter wärmer wurde. Und das alles angesichts des traditionellen Preisfestsetzungsmodells, das auf Europa ausgerichtet ist und im Grunde darin besteht, die LNG-Preise an den Benchmark-Preis für Rohöl zu binden.

Europa ist nach wie vor ein großer Verbraucher von verflüssigtem Erdgas und wird dies auch in absehbarer Zukunft bleiben. Aber angesichts der Shell-Prognose, dass 75 Prozent der zukünftigen LNG-Nachfrage aus Asien kommen wird, wirkt Europa eher wie ein kleiner Käufer auf einem boomenden Markt. Shiryaevskaya zitierte in ihrem Artikel den Analysten Andy Sommer der Schweizer Handelsfirma Axpo Solutions. Dieser erklärte:

"In den kommenden Jahren werden die europäischen Gaspreise immer weniger europäisch und immer mehr global beeinflusst sein."

Asien wird hierbei den größten Einfluss haben, wie der jüngste Preisanstieg im Winter gezeigt hat. Es ist gut möglich, dass dieser Einfluss mit langfristigen Lieferverträgen einhergeht, die ihre eigenen Auswirkungen auf die LNG-Preise haben werden. Der Spotmarkt war die erste Adresse für den Kauf von LNG in Asien, bis die Preise zu Beginn dieses Jahres um mehr als 1.000 Prozent stiegen. Jetzt erscheinen langfristige Lieferverträge den Käufern wirtschaftlicher.

Die Verkäufer teilen diese Einschätzung. Im vergangenen Monat riet der Energieminister von Katar, dem weltweit größten LNG-Produzenten und -Exporteur, großen Verkäufern, sich langfristige Verträge zu sichern, um eine Wiederholung des Preisanstiegs vom Januar zu vermeiden.

Auf der einen Seite wächst also die Nachfrage, der Großteil dieses Wachstums kommt jedoch aus einer einzigen Region, die von drei großen Verbrauchern dominiert wird, China, Indien und Südkorea. Die beiden Erstgenannten sind besonders bedeutend. Im vergangenen Jahr waren China und Indien laut Shell für den Großteil des weltweiten Wachstums der LNG-Importe verantwortlich, während Japan und Südkorea, die beiden anderen großen LNG-Importeure, in Asien Rückgänge verzeichneten.

Andererseits sehen langfristige Lieferverträge wieder attraktiver aus als der unbeständige Spotmarkt, sodass große Abnehmer niedrige Preise festschreiben könnten, solange dies möglich ist. Das bedeutet aber auch, dass der Spotmarkt sogar noch volatiler werden könnte, falls Katars oberster Energieexperte Saad al-Kaabi mit seiner Prognose Recht behält, wonach das Angebot tatsächlich knapper wird. Diese Trends zeichnen das Bild eines im Entstehen befindlichen Käuferkartells.

Es ist sicherlich ein unfreiwilliges Kartell, zumindest im Moment noch. Bei LNG achten die asiatischen Staaten auf sich selbst, nicht auf ihre Nachbarn, nicht zuletzt wegen nachbarschaftlicher Spannungen wie zum Beispiel zwischen China und Indien. Aber selbst ein unfreiwilliges Kartell könnte und würde die globalen LNG-Ströme und -Preise beeinflussen, das Angebot anderen LNG-Märkten reduzieren und die Preise in die Höhe treiben.

Wenn sich die großen Energiehändler in China den Großteil des benötigten LNGs aus Katar, Australien oder den USA im Rahmen langfristiger Verträge sichern, wird weniger LNG außerhalb Chinas zur Verfügung stehen. Das bedeutet in der Regel höhere Preise, sowohl auf dem Spotmarkt als auch auf dem Markt für langfristige Lieferverträge. So könnte Asien, obwohl politisch gespalten, die globalen LNG-Preise in den kommenden Jahrzehnten diktieren.

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