Russland

Skandal mit totem Elch: Russischer Oppositionspolitiker wird der Wilderei beschuldigt

Der Moskauer Vorsitzende der Kommunisten und Duma-Abgeordnete Waleri Raschkin ist in den letzten Jahren zu einem Anführer von Straßenprotesten avanciert. Nun wird er der illegalen Jagd in seiner Heimatregion Saratow verdächtigt. Die Anzahl belastender Indizien ist erdrückend.
Skandal mit totem Elch: Russischer Oppositionspolitiker wird der Wilderei beschuldigtQuelle: Sputnik © Michail Woskresenski

Mit einem Stimmengewinn von 19 Prozent bei der letzten Dumawahl ist die Kommunistische Partei Russlands (KPRF) die stärkste oppositionelle Kraft im russischen Parlament geworden. Dabei hält sich der langjährige KPRF-Chef Gennadi Sjuganow, der bei den Wahlen im Jahr 1996 beinahe Boris Jelzin das Präsidentenamt streitig gemacht hätte, aus der Tagespolitik zunehmend zurück. Der 77-Jährige verbringt seinen Alltag als leidenschaftlicher Imker und Buchautor, jedoch nicht als aktiver Politiker.

Zudem gibt es bei den Kommunisten viel Führungspersonal, das an die Spitze drängt. Dazu zählt das langjährige Mitglied des Parteipräsidiums und zugleich der Vorsitzende des Moskauer Stadtkomitees Waleri Raschkin. Der 66-Jährige ist einer der umtriebigsten Politiker aus der Führungsriege der Kommunisten – allerdings auch einer der umstrittensten.

So brach er beispielsweise das Versprechen seiner Partei, nicht mit der Nawalny-Bewegung zu kooperieren, und wandelte sich in den letzten Jahren zum Anhänger des derzeit inhaftierten Kremlgegners Alexei Nawalny. Raschkin ist nun derjenige, der in der russischen Hauptstadt die Straßenproteste organisiert. Auch haben er und seine Unterstützer vieles von Nawalnys Rhetorik übernommen und sprechen unter anderem von gestohlenen Wahlen. Für seine ablehnende Haltung zum Corona-Impfstoff Sputnik V steht er in der Kritik der Medien. 

Raschkins politische Heimat liegt in Saratow an der Mittleren Wolga. Auch diesmal wieder wurde er in einem Saratower Wahlbezirk in die Duma gewählt. Nun hat die Polizei in Saratow ein Strafverfahren gegen Raschkin eingeleitet, das den Politiker am Ende sogar sein Mandat und sonstige Ämter kosten kann.

Es begann in der Nacht zum 29. Oktober, als Jagdinspekteure zusammen mit der örtlichen Polizei bei einer Streifenfahrt im Jagdgebiet der Saratower Regionalgesellschaft der Jäger und Fischer gegen 23 Uhr Schüsse hörten. "Inspektoren und Polizisten gingen in die Richtung der Schüsse und fanden ein Auto mit zwei Personen darin, eine davon war Waleri Fjodorowitsch Raschkin", teilte das russische Ermittlungskomitee am nächsten Tag mit. Sofort gingen Videos dieser nächtlichen Kontrolle viral. 

Wie einer der Inspekteure später gegenüber RT äußerte, fand die eigentliche Festnahme gut zwei Stunden nach den Schüssen statt. Den Beamten ging es wohl darum, dass die mutmaßlichen Täter ihre Tat zu Ende bringen. Was aber taten Waleri Raschkin und sein Begleiter? Laut den Inspekteuren zerlegten sie einen Elch-Kadaver und luden die Fleischstücke ins Auto. 

"Mit dem Fleisch luden sie das eigentliche Beweisstück einer kriminellen Tat ein. Wir haben mit einer Wärmebildkamera beobachtet, wo sie verladen haben, in welches Auto, und dieses Auto wurde anschließend kontrolliert", sagte der Gesprächspartner.

In dem Auto, das dem Saratower KPRF-Komitee gehört, fanden die Kontrolleure Teile des zerlegten Tieres, dessen Leber, zwei Messer und eine Axt. Ein Jagdgewehr war nicht dabei. Waleri Raschkin, der auch am Steuer saß, hielt sich bei der Festnahme nach Beschreibung eines Polizisten "unsicher" auf den Beinen, sein Gesicht war blutbespritzt und die Haare verschwitzt. Er war sichtlich bedrückt. Einen Alkoholtest hat er später abgelehnt. 

Raschkin teilte seine Version des Geschehens mit – den toten Elch hätten sie gefunden. Doch selbst dann hätten sie das Tier nicht zerlegen und wegbringen dürfen, sondern hätten es den Behörden melden müssen. Die Elchjagd ist derzeit im Saratower Gebiet wegen des kleineren Tierbestands untersagt. 

In jener Nacht konnte Raschkin auch keine Jagderlaubnis vorlegen. Am nächsten Tag übernahm das Föderale Ermittlungskomitee das bereits vom Saratower Innenministerium wegen illegaler Jagd eröffnete Strafverfahren. Die Beamten durchkämmten das Gelände und wurden schnell fündig.

In einem Waldstreifen fanden sie den Jagdschein von Raschkin, ein akkurat verpacktes Gewehr, das auf seinen Namen zugelassen ist, mit einer Wärmekamera für die Nachtsicht und ein Dreibein. Ein Überwachungsvideo zeigte, wie Raschkin am hellichten Tag das Haus seiner Mutter mit einem Gewehr und sonstigen Utensilien verlässt und in den weißen Lada steigt. Im Gepäckraum dieses Autos wurde später das zerlegte Tier gefunden.

Nun muss die Expertise klären, ob Waleri Raschkin den Elch tatsächlich erschossen hat. In der Regel droht den Tätern in solchen Fällen eine Geldstrafe von bis zu einer Million Rubel und der Entzug des Jagdscheins. Bei erschwerenden Umständen ist auch Freiheitsentzug möglich.

Es ist bekannt, dass der Politiker ein leidenschaftlicher Jäger ist und über gute Beziehungen in der Saratower Jagdaufsichtsbehörde verfügt. Eine Lizenz für die Elch-und Hirschjagd hat er in diesem Jahr nicht beantragt. Nur einen Kilometer von der Tatstelle entfernt liegt das Grundstück eines Farmers. Mit ihm war der Abgeordnete befreundet und zusammen gingen sie öfters auf die Jagd. Auf dem Gelände fanden die Ermittler viele abgeschossene Hülsen. 

Inzwischen zählen die russischen Naturschutzbehörden den Schaden. Sie seien irreparabel. "Speziell in diesem Jagdgebiet wurde die Seilwinde für das Zerlegen der Tiere nicht aufgestellt, das heißt es darf überhaupt nicht gejagt werden, weil es nur zwei Elche gibt", sagte Leiter der Saratower Regulierungsbehörde für Wildtiernutzung Sergei Schukow im russischen Fernsehen. Erschwerend sei zudem, dass ein zweieinhalbjähriges Weibchen abgeschossen wurde, das im nächsten Jahr für Nachwuchs gesorgt hätte. 

Waleri Raschkin und seine Begleiter sind inzwischen nicht zu erreichen. Noch am 29. Oktober legte er den Medien seine Version der Geschichte dar, wonach er bei einem "Spaziergang" im Wald Lärm gehört hätte. In der Abenddämmerung habe er Unbekannte verscheucht, die das Elch-Kadaver zerlegt hätten. Danach hätte er mit seinen Freunden beschlossen, das Kadaver zur Polizei zu bringen. 

"Jetzt fühle ich mich so, wie sich ein Mensch fühlt, wenn er verfolgt wird."

Viele seine Parteifreunde sprachen zunächst von einer Provokation der Behörden und einer politischen Kampagne gegen Raschkin. Nach den langen Feiertagen, die erst in der zweiten Novemberwoche enden, wird der Ethikausschuss der Staatsduma zur Causa Raschkin tagen. Sollten sich die Vorwürfe erhärten, könnte ihm auch die Abgeordnetenimmunität entzogen werden. 

Wie Parteichef Gennadi Sjuganow den Fall bewertet, ist derzeit nicht klar. Er gab bisher kein offizielles Statement ab. "Ich gebe noch keinen Kommentar zu diesem Vorfall ab. Es muss noch vieles geklärt werden", sagte er.

Am Sonntag erzählte ein Mitarbeiter der Saratower Jagdaussichtsbehörde RT von den vorläufigen Ergebnissen einer Vorort-Expertise. Für ihn gilt der Fall inzwischen als rekonstruiert. Es wurden sowohl die tödliche Kugel als auch deren Hülse aufgefunden. Sie konnten dem Gewehr des Politikers zugeordnet werden. Die Schusslinie lag über einem Feldstreifen, in deren Mitte der Elch stand. Die Kugel durchschoss das Tier und prallte in einen Baum. Der Schütze hat das Gewehr in einem Bewässerungsgraben unweit der Schussstelle versteckt. Die Waffe unmittelbar nach der Tat zu verbergen ist eine typische Masche von Wilderern. 

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