Russland

"Ich konnte nichts sehen": Polizist entschuldigt sich für folgenschweren Einsatz bei Nawalny-Demo

Ein Vorfall in Russland wirkte zunächst wie ein typisches Beispiel für Polizeibrutalität: Ein Polizist trat während einer nicht genehmigten Pro-Nawalny-Demonstration eine Frau zu Boden und ging weiter. Das Opfer wurde in ein Krankenhaus eingeliefert - und bekam umgehend Besuch.

Am 23. Januar haben sich in Sankt Petersburg bis zu zehntausend Menschen zur Unterstützung des russischen oppositionellen Politbloggers Alexei Nawalny versammelt. Die Protestaktion war nicht genehmigt, was in Zeiten der Pandemie allerdings absehbar war. Auf den zentralen Straßen der Stadt kam es zu Gedränge und kleineren Zusammenstößen mit der Polizei. Die Demonstranten verhielten sich weitgehend friedlich, mehrere Hundert Personen wurden dennoch kurzzeitig festgenommen.

Ein Vorfall bei einer Festnahme sorgte landesweit für Aufsehen. Eine Demonstrationsteilnehmerin protestierte gegen die Festnahme eines jungen Mannes und stellte sich einer Gruppe Polizisten in Weg. Einer der Beamten trat ihr hierbei in den Bauch und die Frau fiel zu Boden. Die 54-Jährige Margarita Judina wurde in ein Krankenhaus eingeliefert. Über ihren Zustand machten die Medien widersprüchliche Angaben, bis am Sonntag die Notfallklinik mitteilte, dass ihr Befund zufriedenstellend sei und sie kurz vor Entlassung stehe.

Mehrere Medien machten die vermeintliche Polizeibrutalität am Samstag zum Thema. Ein Rechtsanwalt sagte in einem Interview des oppositionellen TV-Kanals Doschd, dass der Name des Polizisten leicht zu ermitteln sei und er zur Verantwortung gezogen werden könne. 

Doch hierzu musste es nicht kommen. Oberst Sergei Musyka, Leiter der Abteilung für die Organisation des Schutzes der öffentlichen Ordnung in Sankt Petersburg, besuchte das Opfer am Sonntagmorgen aus eigenem Antrieb. Er entschuldigte sich für den Vorfall persönlich sowie im Namen der Leitung des Hauptbüros und des gesamten Personals.

"Das sind nicht unsere Methoden. Wir führen eine Überprüfung durch, um das zu klären, die Gründe herauszufinden und wer es war, und ergreifen harte, angemessene Maßnahmen. Nehmen Sie es uns nicht übel", sagte der Oberst laut dem Telegramkanal Mash, der die Audioaufnahme des Gesprächs veröffentlichte.

Er bot dem Opfer jegliche Hilfe an. Die Frau nahm die Entschuldigung an. 

Später fand sich auch der vermeintliche Täter bei der verletzten Frau ein. Der Polizist, ein junger Mann, brachte ihr Blumen und entschuldigte sich mehrmals:

"Es tut mir leid. Ich war fünf Minuten zuvor mit Gas besprüht worden, mein Visier war beschlagen, ich konnte nicht sehen, was vor sich ging. Ich schwöre Ihnen, es war eine schockierende Situation für mich. Als ich herausfand, was passiert war, war es eine persönliche Tragödie für mich."

Judina nahm die Entschuldigung an und sagte, dass sie Verständnis hat: "Es ist das Adrenalin. Machen Sie sich keine Sorgen. Alle sind am Leben. Es sind so schöne Blumen, Chrysanthemen."

Das Gespräch wurde von Anwesenden offenbar mit einem Smartphone heimlich gefilmt und auf dem Telegramkanal Mash veröffentlicht. Im Krankenzimmer befand sich eine weitere Frau, offenbar eine Mitarbeiterin der Polizei. Sie betonte, dass die Entschuldigung aufrichtig sei. Judina entgegnete:

"Es ist o.k., es ist keine große Sache. Gott segne Sie."

Ob dem Polizisten trotz der Entschuldigung ein Disziplinarverfahren droht, ist derzeit nicht bekannt.

Die Moskauer Gesundheitsbehörde teilte mit, dass am Samstag 29 Personen in Zusammenhang mit den Unruhen medizinisch versorgt werden mussten. Stationäre Behandlungen seien nicht notwendig gewesen, hieß es. 

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