Sechs große Geschichten im Jahr 2022 – nur eine hoffentlich nicht

Von entscheidenden Wahlen bis hin zu den Wettrennen im Weltraum, bei Olympischen Winterspielen und auch bei Weltmeisterschaften. Das Jahr 2022 wird ein weiteres Jahr voller Wendungen sein.
Sechs große Geschichten im Jahr 2022 – nur eine hoffentlich nichtQuelle: www.globallookpress.com © Rene Traut via www.imago-images.

Ein Kommentar von Damian Wilson

Kommt das Jahr 2022, kommt auch die Abrechnung. Nach zwei Jahren einer lästigen Pandemie, dem Versagen von Gesundheitsbehörden weltweit und den endlosen Beschränkungen unserer individuellen Freiheiten, wird eine Reihe nationaler Wahlen auf der ganzen Welt den Menschen endlich die Möglichkeit geben, die Hausaufgaben ihrer Staatslenker zu bewerten.

Hereinspaziert zur Nummer eins: Die Zeit ist abgelaufen

Die Bürger in Kolumbien, Bosnien und Herzegowina, Costa Rica, Ungarn, Kenia, Mali, auf den Philippinen, in Portugal, Südkorea, Schweden und Tunesien haben dieses Jahr alle die Möglichkeit, herrschende Inkompetenz loszuwerden und etwas Neues auszuprobieren. In zwei Ländern auf den entgegengesetzten Seiten der Welt sollten derzeit amtierende Staatsführer jetzt sicherlich ihre weitere Karriere jenseits der Politik planen.

In Brasilien hat der rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro seinen Kredit bei der Wählerschaft aufgebraucht, nachdem er die Verantwortung für die zweithöchste Zahl weltweit an Todesopfern durch das Coronavirus trägt, während er sich über mögliche Maßnahmen zur Eindämmung lustig machte und entschieden hatte, sich selbst nicht impfen zu lassen. Sein Umgang mit der COVID-19-Krise in seinem Land war so ungeschickt, dass eine sechsmonatige Untersuchung des brasilianischen Senats zum Pandemiemanagement des Präsidenten und seiner Regierung zu dem Schluss des Tatbestands eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit durch verübte Fahrlässigkeit kam. Das kann man als gescheitert betrachten.

Darüber hinaus ergab eine im September durchgeführte Meinungsumfrage, 54 Prozent der Brasilianer würden Bolsonaro nicht wiederwählen wollen und viele wünschen sich, dass er angeklagt wird. Für einen Wahlkampf ist das kein guter Start. Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, Vorsitzender der Arbeiterpartei und Bolsonaros Hassfigur, hat die besten Chancen auf einen Sieg bei den Wahlen im Oktober, obwohl den Wählern noch weitere Kandidaten mit ihren Positionen zur Auswahl stehen. Es würde ein Wunder – oder einen Militärputsch – erfordern, damit Bolsonaro seine Macht behalten kann.

Sex und U-Boote: Es reicht, Scotty vom Marketing

Auf der anderen Seite des Globus wird der äußerst unbeliebte australische Premierminister Scott Morrison noch etwas früher zur Verantwortung gezogen – die australischen Wähler werden noch vor Ende Mai zu einem noch festzulegenden Datum in die Wahllokale gehen.

Scotty vom Marketing – wie die Australier den ehemaligen Werbemanager nennen – stolperte durch eine ganze Serie von Krisen, darunter die schrecklichen Buschbrände im "Black Summer" 2019/2020, die heftig umstrittene Schließung der Landesgrenzen bei Ausbruch der Pandemie, die viele Australier im Ausland stranden ließ, und die Schließung von innerstaatlichen Grenzen, was zu Spannungen zwischen Nachbarn geführt und tiefste Verärgerung ausgelöst hat.

Hinzu kamen schockierende Berichte über Vergewaltigungen und sexuelles Fehlverhalten im australischen Parlament gegenüber dort tätigen Frauen, was zu einer Untersuchung führte, wonach festgestellt wurde, dass etwa jede dritte weibliche Angestellte des Parlaments bereits sexuelle Belästigung erlebt hatte.

Auf der internationalen Bühne spielte Morrison gegenüber China den harten Kerl und überrumpelte Frankreich, indem er ein U-Boot-Geschäft im Wert von 50 Milliarden australischen Dollar zunichtemachte und den USA im Rahmen der neuen Dreier-Allianz AUKUS, zu der auch Großbritannien gehört, ein neues U-Boot-Geschäft im Wert von über 70 Milliarden australischen Dollar in die Werft zuschanzte. Während er noch über den Zeitpunkt der Wahlen nachdenkt, sollte er eine Umfrage der Tageszeitung The Guardian vom vergangenen November bedenken. Darin stimmten 47 Prozent der Befragten zu, dass "das Verhalten von Scott Morrison Australiens Ruf auf der Weltbühne 'untergraben' hat."

Für eine Nation, die überempfindlich darauf reagiert, wie sie vom Rest der Welt wahrgenommen wird, ist Morrison eine Belastung. Er sollte sich demnächst eine Telefonnummer für den Umzugswagen suchen. Innenpolitische Angelegenheiten und ein selbstgefälliger Boykott werden den australischen Staatsführer zudem daran hindern, eines von zwei wichtigen Sportereignissen des Jahres 2022 zu genießen: die Olympischen Winterspiele in Peking, die am 4. Februar beginnen.

Große Sportereignisse: Erstens

Die USA, Großbritannien, Kanada und Australien haben einen diplomatischen Boykott des Gastgeberlandes vereinbart, um laut dem Weißen Haus gegen "die ungeheuerlichen Menschenrechtsverletzungen und Gräueltaten der Volksrepublik China in Xinjiang" zu protestieren. Das bedeutet, dass die betroffenen Nationen keine Minister oder offizielle Regierungsvertreter entsenden werden.

Jetzt könnte man sagen: "Na und?" Die Athleten selbst dieser Länder – die allein dabei von Bedeutung sind – werden weiterhin in Mannschaftsstärke antreten.

Ich erinnere mich an die Olympischen Spiele in London im Jahr 2012, als die Straßen im Zentrum der Hauptstadt exklusive Überholspuren bekamen, damit Würdenträger und ausländische Gäste herumsausen konnten, während wir anderen, die armen kleinen Würstchen, im erstickenden Verkehr festsaßen. Es war, als ob man im eigenen Land ein Bürger zweiter Klasse ist, und viele Bürger lehnten diese zwiespältige Idee ab, sich den großen Mächtigen und Rampenlicht-Süchtigen des Internationalen Olympischen Komitees anzudienen.

Die Sportfanatiker werden zweifellos zu Tausenden zu den Spielen kommen, die Athleten werden Rekorde brechen, Transgender-Athleten werden wieder für große Debatten sorgen und niemand wird merken, dass da ein zweitrangiger Diplomat aus Kanada seinen Zugangspass in die Arenen oder sein Willkommensgeschenk nicht abgeholt hat.

Große Sportereignisse: Zweitens

Das Lustige daran ist, dass es diesen prinzipientreuen Nationen – noch rechtzeitig bis zur Fußball-Weltmeisterschaft in Katar – zum Ende des Jahres gelungen sein wird, von ihrem hohen Ross auch wieder abzusteigen.

Wir werden wohl nie erfahren, was genau zu der fragwürdigen Entscheidung geführt hat, das weltbeste Fußballturnier an eine Wüstennation zu vergeben, die in der Fußballweltrangliste auf Platz 48 steht. Aber lassen Sie uns das für den Moment vergessen und die Tatsache betrachten, dass seit 2010 mehr als 6.750 Wanderarbeiter in diesem Land ums Leben gekommen sind, und zwar hauptsächlich beim Bau der Stadien und der wichtigsten Infrastrukturprojekte, die für das Turnier benötigt werden.

Es sollte auch daran erinnert werden, dass Katar noch 2017 ein Paria in seiner eigenen Nachbarschaft war, nachdem es bis Anfang 2021 von den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien, Ägypten und Bahrain sanktioniert worden war, weil behauptet wurde, das Emirat unterstütze über die Muslimbruderschaft den Terrorismus und sei viel zu freundlich zu Iran.

Wo bleibt die Empörung? Wo bleibt diesmal der diplomatische Boykott? Ich bin mir dessen nicht sicher, aber dafür weiß ich, wo die Heuchelei geblieben ist. Vielleicht hat es etwas mit Katars strategischer Schlüsselrolle im Nahen Osten und den 858 Billionen Kubikfuß Erdgasreserven zu tun, das sind 12 Prozent der weltweiten Gasreserven insgesamt. Oder aber das ist auch bloß ein Zufall. Es ist wahrscheinlich nur eines dieser großen unlösbaren Rätsel der Menschheit. Auf eine Sache jedoch kann man wetten, und zwar, dass England – sollte es im Dezember das Finale erreichen – im Elfmeterschießen scheitern wird.

Das Gold der Sterne

Das Wettrennen im Weltraum wird uns auch 2022 faszinieren, wobei Elon Musk, der König aller Sonderlinge, im Rahmen seiner fünfjährigen Zusammenarbeit mit der US Air Force ab Oktober weitere Starts plant. Aber die große Neuigkeit des Jahres wird wohl im August der Start der Sonden-Mission der NASA zu (16) Psyche sein, einem Asteroiden mit etwa einem Sechzehntel des Durchmessers unseres Mondes, der sich derzeit in einer Umlaufbahn zwischen Mars und Jupiter "nur" 2,4 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt aufhält.

Warum diese Aufregung? Nun, Wissenschaftler glauben, dass dieser Brocken mit einem Durchmesser von etwa 226 Kilometern, der erstmals 1852 entdeckt wurde, aus Metall besteht und allein Eisen im Wert von etwa 10.000 Billiarden Dollar sowie erhebliche Mengen an Nickel und sogar Gold liefern könnte. Natürlich müssten wir einen Weg finden, all das Kostbare irgendwie zur Erde zu transportieren, aber das ist im Moment nur ein Detail. Kein Zweifel, Elon Musk entwirft sicher bereits einen Plan.

In der Zwischenzeit plant erst einmal die NASA, im August ihre Raumsonde auf eine dreieinhalbjährige Reise zu schicken, um den kartoffelförmigen Asteroiden aus einer Entfernung von 700 Kilometer zu kartographieren. Und man kann sagen, dass dies weitere atemberaubende Fortschritte im Verständnis unserer Galaxis erbringen wird.

Auf die andere Seite?

Optimistisch betrachtet, könnte 2022 das Jahr sein, in dem wir unsere Zaghaftigkeit gegenüber einer Pandemie abschütteln, durch die weltweit 5,5 Millionen Menschen ums Leben kamen und die für fast 290 Millionen Fälle von COVID-19 verantwortlich war. Obwohl jeder Todesfall auch den Verlust eines geliebten Menschen bedeutet, zeigen die Zahlen, dass sich weit mehr Menschen von dem Virus erholen konnten als daran gestorben sind.

Das ist eine einfache Tatsache, und im Vergleich zur Pandemie vor 100 Jahren, als die Spanische Grippe  50 Millionen Todesopfer forderte und bei der 500 Millionen Erkrankungen gemeldet wurden, hätte das Coronavirus in Bezug auf vergleichbare Auswirkungen noch einen langen Weg vor sich. Gedämpft wird diese Wahrscheinlichkeit einer Pandemie im Umfang der Spanischen Grippe durch die veränderte Art und Weise, wie wir persönliche Hygiene beachten, durch die große Anzahl von Menschen, die im Homeoffice arbeiten, und durch das Aufkommen neuer Impfstoffe zur Behandlung von COVID-19 in den verschiedenen Varianten. Also bitte – vielleicht ist es nicht zu gewagt zu glauben, dass wir das Schlimmste in diesem Sturm überstanden haben.

Die öffentlichen Gesundheitssysteme und das individuelle Verhalten haben sich wahrscheinlich für immer – und zum Besseren – verändert, während zugleich Volkswirtschaften zerstört und uns persönliche Freiheiten ganz nach Belieben von schlecht vorbereiteten Regierungen im Panikmodus genommen wurden. Die meisten Menschen erholen sich innerhalb von 10 Tagen von COVID-19. Aber der Schaden, der den Volkswirtschaften zugefügt wurde, wird 2022 und darüber hinaus noch andauern, und  das Misstrauen und die Wut auf die Regierenden wird in der Öffentlichkeit, für die Ausüben der Demokratie und individuelle Freiheiten bis dahin Selbstverständlichkeiten waren, werden noch länger anhalten, noch viel länger.

China gegen USA

Nein, am Ende leider kein weiteres sportliches Ereignis, sondern das anhaltende Aufeinanderprallen zweier Supermächte, einer aufsteigenden gegen eine absteigende, was das ganze Jahr über die Schlagzeilen bestimmen wird. Was wird 2022 in dieser großen und weiter anwachsenden Rivalität bringen? Wird der neue Kalte Krieg noch kälter oder kommt es zu einer Art Annäherung, damit die Welt nachts wieder ruhiger schlafen kann?

Der Optimist in mir hofft auf letzteres, aber der Pessimist in mir vermutet ersteres, weil die USA tatsächlich immer aggressiver und provokativer werden. Nachdem sie gerade Milliarden für die Stationierung von Langstreckenraketen in der sogenannten First Island Chain, der ersten Inselkette direkt vor Chinas Haustür bereitgestellt haben, befürchte ich, dass bald aus dem kalten Krieg ein heißer wird. Und das ist definitiv keine Geschichte, die ich 2022 erleben möchte.

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Übersetzt aus dem Englischen.

Damian Wilson ist ein britischer Journalist, ehemaliger Herausgeber in der Fleet Street, Berater der Finanzbranche und Sonderberater für politische Kommunikation in Großbritannien sowie der EU.

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