Meinung

Nur ein "schmutziges Abkommen" mit Moskau könnte die Ukraine retten – Teil 1

Nur eine schmutzige Verhandlungslösung mit den Russen, in der sich die scheinheiligen "Tugendbolde" der westlichen Regierungen demaskieren müssten, könnte die Ukraine vor noch größeren Tragödien bewahren. Aber die westlichen Polit-Eliten haben andere Prioritäten.
Nur ein "schmutziges Abkommen" mit Moskau könnte die Ukraine retten – Teil 1Quelle: Gettyimages.ru © Grafissimo / DigitalVision Vectors

von Rainer Rupp

Vor Kurzem gab es in US-Medien einige sehr gute und kritische Analysen zum Ukraine-Komplex, die aufhorchen ließen. Darunter waren zwei Beiträge des bekannten geopolitischen Experten Dr. Gordon Hahn, die wir uns heute näher ansehen wollen. Der erste war auf der Webseite von "Russian and Eurasian Politics" unter dem Titel "Thoughtless Think Tanks and Ukrainian War 'Analysis'" ("Stumpfsinnige Thinktanks und die 'Analysen' des Ukraine-Kriegs") erschienen. Der zweite war am 4. Juli in der "Free Republic" herausgekommen unter dem langen Titel: "Avoiding a Russian Quagmire, the Improbable Ukrainian Peace, and the Risk of Direct Russo-NATO War" (Vermeidung einer russischen Zwickmühle, der unwahrscheinliche ukrainische Frieden und das Risiko eines direkten Krieges zwischen NATO und Russland).

Dr. Hahn ist einer der leider immer noch viel zu wenigen integren, kritischen Wissenschaftler, die sich weder aus finanziellem noch aus politischem Opportunismus haben verdrehen lassen. Zur Strafe für diesen ungeheuerlichen "wissenschaftlichen" Starrsinn wurde er natürlich als Russland-Versteher aus allen US-Denkfabriken, akademischen Institutionen und Talkshows des westlichen Mainstreams verbannt, obwohl er in der Vergangenheit durchaus auch als Kritiker der Politik des russischen Präsidenten aufgefallen war. Aber offensichtlich waren die negativen Aspekte von Dr. Hahns Arbeit, nämlich seine strenge Kritik der NATO-Osterweiterung und der Hochrüstung der Ukraine durch die NATO, ausreichend, um ihn im medialen Gedächtnisloch zu entsorgen, aus dem er jetzt wieder aufzutauchen scheint.

Die Beiträge von Dr. Hahn heben sich von der aktuellen Masse der russophoben westlichen Hetz- und Propaganda-Artikel dadurch ab, dass sie, ohne zu moralisieren, die Lage in der Ukraine nüchtern analysieren und realistisch die gemachten US-Fehler einschätzen. Davon ausgehend zeigt Dr. Hahn dann Wege auf, wie die Regierung in Washington in der Ukraine noch größerer Schaden für die Vereinigten Staaten, für die Menschen in der Ukraine und für die ganze Welt verhindert könnte. Dies traut er allerdings den aktuell in Washington regierenden "Polit-Eliten" nicht zu, da sie trotz ihrer humanitären Lippenbekenntnisse eine höchst menschenfeindliche Agenda verfolgen.

In seinem oben zuerst erwähnten Beitrag über die stumpfsinnigen Analysen der US-Thinktanks des Ukraine-Kriegs schrieb Dr. Hahn: "Das amerikanische Volk wird von einer Vielzahl von Regierungsbeamten, Medien und akademischen Veröffentlichungen in die Irre geführt. Als eines von Hunderten ähnlicher Beispiele, die man anführen könnte, um diese Aussage zu untermauern, sei das in Washington ansässige 'Institute for the Study of War' (ISW) (Institut für Kriegsstudien) genannt, das von der Frau des bekannten amerikanischen Neokonservativen Frederick Kagan geleitet wird."

Als Beispiel für die Arbeitsweise des ISW stellt Dr. Hahn einen Bericht einer führenden ukrainischen Nachrichtenagentur über die hohen ukrainischen Verluste und die mangelnde Versorgung der Soldaten im Feld der täglichen Übersicht des ISW über die Situation an der russisch-ukrainischen Front gegenüber, die nur wenige Stunden nach dem Bericht der ukrainischen Nachrichtenagentur erschienen war. Im ISW-Bericht gewinnt immer die ukrainische Armee ganz eindeutig, und die Russen haben extrem hohe Verluste in Form von Toten und Verwundeten, weil sie sich angeblich wie Tölpel anstellen und ihre Waffen auch nicht funktionieren. Besonders schlimm ist, dass diese Art von gezielter Desinformation von einer sehr großen Zahl der US- und sonstigen westlichen Mainstream-Medien-Experten als Analysen des ISW verbreitet werden und auch die Meinungen der Politiker formen.

Wörtlich schreibt Hahn:

"Das ist wohlgemerkt keine Inkompetenz. Dies ist ein vorsätzliches Fehlverhalten, insbesondere im Fall des ISW, das darauf abzielt, die Wahrheit vor dem US-amerikanischen Volk und den Entscheidungsträgern zu verbergen. Berichte erwecken immer den Eindruck, dass ukrainische Streitkräfte angreifen und russische Streitkräfte nicht vorankommen, obwohl man nur die Lagekarten über den Kriegsverlauf vergleichen muss, um Russlands territorialen Gewinne in der Ostukraine erkennen, überall außer im Norden."

Diesen Artikel beendet er mit der resignierenden Feststellung:

"Diese Art verzerrter Darstellung wäre schockierend, wenn sie nicht seit Jahrzehnten in allem was Russland betrifft gang und gäbe wäre, in der Ethnologie, in den Politikwissenschaften, in den internationalen Studien, Universitäten, Medien und in den Regierungsapparaten in unserem zunehmend korrupten und moralisch bankrotten Land. Wenn Sie (das US-Establishment) ohne unaufhörliches, absurdes Lügen nicht gewinnen können, dann werden Sie es wahrscheinlich auch nicht und sie verdienen es auch nicht. Bald werden wir womöglich die Russen beneiden."

Seinen zweiten Artikel "Vermeidung einer russischen Zwickmühle, der unwahrscheinliche ukrainische Frieden und das Risiko eines direkten Krieges zwischen NATO und Russland" leitet Dr. Hahn mit folgender bemerkenswerten Zusammenfassung ein:

"Die Ukraine verliert und wird ihren Krieg mit Russland verlieren. Damit Moskau den Frieden nicht verliert, ist es leider so, dass selbst eine Rumpfukraine in russischen Augen immer noch nicht die nötige Sicherheit vor der Bedrohung durch die NATO bieten würde. Die Zeit wird knapp, um einen größeren, wahrhaft die ganze Ukraine umfassenden Krieg abzuwenden. Der kann von Moskau erfolgreich auch in die antirussischen westlichen Regionen des Landes und nach Kiew getragen werden. Das wäre das Ende des ukrainischen Staates, und damit wäre auch der militärischen Intervention der NATO ein Ende gesetzt."

"Eine von Russland besetzte Ukraine wird jedoch noch einige Zeit mit Partisanenkriegen und neofaschistischem Terrorismus zu tun haben, sodass das Risiko eines größeren Krieges bestehen bleibt, falls der Westen darauf bestehen sollte, Moskaus Feinde in der Ukraine (die Neonazi-Terroristen) zu bewaffnen. Wenn die westliche Diplomatie, allen voran die US-Politik, nicht bald auf Hochtouren läuft und bereit ist, die notwendigen Kompromisse mit Moskau einzugehen, wird die Ukraine wahrscheinlich als unabhängiger Staat von der Weltbühne verschwinden, und ein größerer Russland-NATO-Krieg wird zu einer unmittelbaren Perspektive werden, die nicht nur Europa und Russland, sondern auch die Welt mit einem nuklearen Flächenbrand bedroht."

Deshalb sei es notwendig, so Dr. Hahn, auf einen Vorschlag von Edward Luttwak einzugehen, einem bekannten konservativen US-Geo-Strategen, der kürzlich forderte, mit Russland ein "schmutziges, verachtenswertes Abkommen" über die Ukraine abzuschließen.

Leider sieht Hahn in den Korridoren der Macht weder in Washington noch in Brüssel noch anderswo in den westlichen Hauptstädten politische Kräfte, die zu einem solchen Abkommen mit Russland über die Ukraine bereit wären. Im Gegenteil: Überall in den Hauptstädten des Westens hätten sich die Positionen gegenüber Russland verhärtet, entweder

  • "aus Rachegelüsten" gegenüber dem unbotmäßigen Kreml,

  • oder weil sie "weiter die Hoffnung hegen", dass irgendwie die Ukraine doch noch siegt und Russland ruiniert wird; ein Ziel, in das die Polit-Eliten der westlichen Welt sehr viel politisches Kapital investiert haben.

Es gibt sicherlich auch noch einen dritten Grund für die starre Haltung der West-Eliten, den Dr. Hahn nicht erwähnt hat, nämlich Angst. Sie haben Angst, dass sie mit ihrer Zustimmung zu einer "schmutzigen" Verhandlungslösung mit Russland ihre Maskerade als moralische Tugendbolde verlören, was zu einem Absturz ihrer persönlichen politischen und wirtschaftlichen Karrieren führen würde.

Aus welchen Gründen auch immer, laut Dr. Hahn haben die westlichen Polit-Eliten und Medien die Ukraine "in dieser völlig unrealistischen Haltung (auf einen Sieg) bestärkt, was völlig losgelöst von jeglicher Realität vor Ort ist". Für Washington und die NATO gehe es im Krieg nur darum, "'Putins Regime' ein Ende zu setzen" und "ihren verblendeten Träumen von einer 'Entkolonialisierung' Russlands (der Aufteilung Russlands in mehrere, vom Westen abhängige kleinere Staaten) nachzuhängen". Tatsächlich würden "die US-Regierung und die NATO den ukrainischen Staat und das ukrainische Volk als Rammbock gegen Russland benutzen" und zugleich "die nationalistischen Fantasien Kiews befördern, Russland zu besiegen und zum Retter des Westens zu werden", so die bemerkenswerte Feststellung Dr. Hahns.

Nun ist es aber ganz anderes gekommen als vom Westen geplant. Aus der traumtänzerischen Provokation Russlands zum Ukraine-Krieg ist für die West-Eliten ein Albtraum geworden. Die Ukraine hat im Donbass verloren und wird auch den ganzen Krieg mit Russland verlieren. Die West-Eliten stehen vor dem Scherbenhaufen ihrer Russland-Politik. Dabei haben sie die Bevölkerung ihrer eigenen Länder als Geiseln genommen, die die schweren wirtschaftlichen und sozialen Kosten der undurchdachten Sanktionen gegen Russland tragen muss, während Politiker und Medien für alles "Putin" verantwortlich machen. Die mit Dummheit gepaarte Arroganz der westlichen Eliten hat uns an diesen Abgrund gebracht.

Das alles hätte nicht so kommen müssen. Der schreckliche Krieg in der Ukraine hätte leicht vermieden werden können, meint Dr. Hahn. Alles, was dazu notwendig gewesen wäre, sei "die Zustimmung des Westens zu einer neutralen Ukraine gewesen – eine Option, die seit zwei Jahrzehnten zur Verfügung stand, aber die in Washington und Brüssel stets als nicht verhandelbar abgelehnt wurde".

Als Kiew sich bei den Verhandlungen mit den Russen in Istanbul im März dieses Jahres in einem schriftlich präsentierten Papier in Schlüsselfragen zum Thema Ukraine zum ersten Mal kompromissbereit zeigte, indem es anbot, nicht länger die NATO-Mitgliedschaft anzustreben und die Neutralität zu akzeptieren, schrillten bei der NATO die Alarmglocken.

Sprichwörtlich einen Tag, nachdem die ukrainischen Unterhändler bei den Verhandlungen in Istanbul die Bereitschaft zur Neutralität ihres Landes gezeigt hatten, stand der britische Premierminister Boris Johnson in Kiew auf dem Teppich, um Präsident Wladimir Selenskij diese "dumme Idee" auszureden und stattdessen unbegrenzte NATO-Hilfe mit Waffen und Finanzen zu versprechen. Schließlich hatten die Hauptkriegstreiber der NATO dem eigenen Bekenntnis zufolge die Ukraine seit acht Jahren für diesen Krieg gegen Russland aufgerüstet und vorbereitet, von einer 8.000-Mann-Armee auf eine Streitmacht von 250.000 im Februar 2022, bereit, die Krim und die Ostukraine mit Gewalt zurückzuholen. Diese mächtige ukrainische Armee ist inzwischen nach eigenem Bekenntnis aus Kiew zum Großteil von den Russen vernichtet worden, aber das offizielle Kriegsziel der Regierung in Kiew ist völlig unrealistischerweise unverändert die Rückeroberung der Krim und des gesamten Donbass. Dazu will Kiew eine neue, eine Million starke Armee aufstellen – darunter 200.000 Frauen, weil die Männer fehlen.

Kiew erwartet von der NATO, diese Riesenarmee mit modernen Waffen auszurüsten und die Million zum Wehrdienst gezwungenen Ukrainer zu tüchtigen Soldaten auszubilden, damit noch im Herbst dieses Jahres die Großoffensive zur Rückeroberung der Krim und Ostukraine beginnen kann. Fakt ist jedoch: Selbst wenn die NATO-Staaten wollten, könnten sie auf die Schnelle kein Millionen-Heer ausstatten, geschweige an den neuen Waffen ausbilden. Aber niemand in der NATO hat den Ukrainern ihre surrealen Hirngespinste ausgeredet und empfohlen, schleunigst wieder mit den Russen Kontakt aufzunehmen, um eine Verhandlungslösung mit Moskau zu finden und wenigstens eine unabhängige Rumpf-Ukraine zu retten.

Tatsächlich hat Kiew seit dem Abbruch der Verhandlungen im März dieses Jahres in Istanbul unter dem Druck Londons und Washingtons jegliche weitere Gespräche mit Moskau über eine diplomatische Beilegung dieses menschenfressenden Konfliktes abgelehnt. Es herrscht Funkstille zwischen Kiew und Moskau, und US-/NATO-Politiker tun alles, damit dies so bleibt, weshalb in der Ukraine weiter hauptsächlich ukrainische Soldaten sterben. Für die USA/NATO ist jedoch nur wichtig, dass auch Russland leidet.

Solange im Westen dieselben nach Hegemonie strebenden Eliten für ihre Ziel über die Leichen ganzer Völker gehen, solange den Polit-Verbrechern das Prestige der NATO über das Wohlergehen ihrer eigenen Bevölkerung geht, stehen die Chancen für einen vom Westen mitgetragenen Verhandlungsfrieden in der Ukraine allerdings schlecht. Denn die West-Eliten wehren sich mit Zähnen und Klauen dagegen, dass nach dem kläglich verlorenen Krieg in Afghanistan, nach allem Hype um eine angebliche Niederlage Russlands in der Ukraine nun auch noch ein weiterer verlorener Krieg in der Ukraine auf ihr Konto geht. Diese menschenverachtenden Politiker in den Schaltstellen von USA/NATO werden es daher vorziehen, den Krieg in der Ukraine so lange wie möglich am Brennen zu halten.

Vor diesem Hintergrund scheint die Gefahr durchaus real, dass die Selenskij-Regierung im Herbst mit dem Segen der westlichen Polit-Eliten Hunderttausende von militärisch schlecht ausgebildeten Männern und Frauen in Uniformen steckt und für die NATO in den Fleischwolf der haushoch überlegenen russischen Artillerie schickt, obwohl die Ukraine durch diese unsinnigen Opfer nichts gewinnen, sondern nur sehr viel verlieren wird.

Allerdings steckt Russland aus der Sicht von Dr. Hahn trotz seiner beeindruckenden militärischen Siege in der Ukraine in einer Art politischer Zwickmühle. Russland braucht einen Verhandlungsfrieden, um die Gefahr eines US/NATO-Krieges abzuwenden. Mit einem Diktatfrieden wäre Moskaus Ukraine-Problem nicht gelöst, stattdessen kämen neue Probleme hinzu, wie die Bekämpfung neofaschistischer Terror- und Sabotage-Gruppen in "Banderistan", in den Brutstätten des ukrainischen Faschismus im Westen des Landes.

Wo und wann sollte Russland seine militärische Sonderoperation in der Ukraine am besten beenden? Diese und weitere von Dr. Hahn aufgeworfene Fragen werden in Teil 2 dieses Artikels diskutiert.

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