Meinung

"Hier gibt es nichts zu sehen": PR von westlichen Journalisten für ukrainische Neonazis

Schlendrian bei der Berichterstattung oder der Eifer, eine einseitige Story zu verkaufen, hat Rechtsextreme in den Mittelpunkt gerückt – in den Mittelpunkt der Berichte durchaus zentristischer Medien, die nun Lobeshymnen an Neonazis in der Ukraine singen.

Ein Kommentar von Tarik Cyril Amar

Trotz häufig gegenteiliger Behauptungen ist die extreme Rechte in der Ukraine heute quicklebendig. Von militanten Nationalisten bis hin zu White-Power-Neonazis – die Extremisten sind schon sehr präsent. Und selbst wenn sie das Land nicht regieren, so üben sie doch einen beunruhigenden politischen und kulturellen Einfluss aus. Insbesondere das Militär und die Sicherheitskräfte haben sie infiltriert. Und mit ihrer Art von Geschichtsrevisionismus und tagesaktueller Kriegslust sind sie international gut vernetzt, äußerst medienwirksam und liegen voll im Trend. Und sie verkaufen sich mit großem Geschick weit über die Ukraine hinaus.

Ein gutes Beispiel dafür ist die derzeitige Kriegsangst (oder in Wirklichkeit Hysterie?) infolge von Behauptungen, die die USA über eine vermeintlich bevorstehende groß angelegte Invasion Russlands in die Ukraine hinausposaunen. So machten sich viele westliche Medien zu nützlichen Idioten um den Neonazismus verdient, als das Asow-Bataillon, eine mächtige und berüchtigte rechtsextreme Organisation, ein Medienspektakel veranstaltete, unter dem Vorwand, Zivilisten in militärischen Grundfertigkeiten zu schulen. Anstatt das Spektakel zu ignorieren oder über die ihm zugrunde liegende üble Politik aufzuklären, fielen sie darauf herein.

So wurde in der New Yorker Sendung "Eyewitness News" auf ABC7NY Filmmaterial von der Ausbildung gezeigt. Darin ist deutlich das Armabzeichen eines Ausbilders mit dem Symbol der "Wolfsangel" zu sehen – einer germanischen Rune, die von der Waffen-SS verwendet und auch als Symbol des vom Asow-Bataillon angetretenen ideologischen Erbes der SS von diesem übernommen wurde. Jedoch wurde in der Sendung keinerlei Kommentar zu diesem wirklich erschütternden und empörenden Bild abgegeben.

Derweil weicht die britische Daily Mail diesem Thema aus. Fast schon geniert erwähnt die Redaktion nur am Rande, dass Asow "schon früher von westlichen Journalisten beschuldigt wurde, eine Neonazi-Gruppe zu sein", und konzentriert ihren Bericht auf eine der zivilen Teilnehmerinnen, Valentina Konstantinowskaja, eine rüstige Oma von 79 Jahren, die lernt, mit einer Kalaschnikow umzugehen.

Die Illustrationen, darunter auch Screenshots aus den sozialen Medien, überwiegen den Text. Dennoch erfährt der Leser, dass die Nachbarn besagter Oma und die Ukrainer im Allgemeinen sie als Heldin und "Vorzeige-Ukrainerin" betrachten. Was könnte überhaupt niedlicher und, nennen wir die Methode beim Namen, "menschenlnder" sein? Der bemerkenswerte Umstand, dass die "Vorzeige-Ukrainerin" keinerlei Bedenken hat, sich von Ausbildern unterrichten zu lassen, die nachgemachte SS-Attribute zur Schau stellen, darunter etwa die Wolfsangel-Rune, die früher vor allem Kriegsgerät der SS-Panzerdivision "Das Reich" zeichnete, wird von den Autoren in keiner Weise kritisch hinterfragt.

Weitere westliche Berichte über dasselbe Ereignis sind jedoch noch schlimmer. Anstatt objektiv zu erörtern, was das Asow-Bataillon überhaupt ist, wird das Thema einfach gänzlich weggelassen. So war auch auf Sky News das Runen-Ärmelabzeichen gut sichtbar. Aber die Zuschauer bekommen die gleiche rührende Geschichte über eine ältere patriotische Dame mit einer Kalaschnikow aufgetischt und ihre Ausbilder werden lediglich als Mitglieder einer "ukrainischen Sondereinheit" vorgestellt. Nun, die Formulierung ist gar nicht so verkehrt, doch man sollte vielleicht trotzdem lieber eine präzisere nehmen: Wie wäre es mit "Sonderdienst"?

Man würde ja meinen, dass wenigstens die Redaktion der Times of Israel durch die Symbole und die Ideologie des Asow-Bataillons ein wenig mehr aufgewühlt wäre. Doch weit gefehlt. Auch dort bekommen Mutti Valentina Konstantinowskaja und ihre Ausbilder einen kurzen Gastauftritt als "79-Jährige, die während einer Grundkampfausbildung für Zivilisten, die von der Spezialeinheit Asow der ukrainischen Nationalgarde organisiert wird, eine Waffe hält". Was könnte daran denn falsch sein?

Beispiele für derartige Berichterstattung um Oma Valentina und ihre Ausbilder die Neofaschisten ließen sich mühelos noch- und nochmals so viele anführen. Wer mehr davon braucht, wird ihren durch beherzten Einsatz der Internetsuchmaschine des Vertrauens sehr einfach habhaft. Aber sie folgen alle einem gemeinsamen Muster, das inzwischen klar und geläufig sein sollte: Eine rechtsextreme paramilitärische Einheit, die sich erfolgreich im ukrainischen Militär eingenistet hat, genießt im Westen einen spektakulären PR-Erfolg. Und der war einfach zu erhaschen: Anscheinend interessiert das ja fast niemanden. Denn schließlich ist es nicht schwer, einen Ärmelaufnäher zu bemerken, der die folgende Botschaft in die Welt hinausschreit: "Ich habe eine SS-Vergangenheit." Diese Botschaft ist übrigens genau so gemeint. Außerdem ist es nicht schwer, ein paar einfache Nachforschungen über Asow anzustellen. Aus ihrer Ideologie und Politik macht die rechtsextreme Schlägertruppe auch gar keinen Hehl, sodass eine ganz einfache, schnelle Internetrecherche völlig ausreicht. Und erst recht wird man, wenn man sich an ein paar leicht zu identifizierende Experten zu diesem Thema innerhalb und außerhalb der Ukraine wendet, auch von ihnen eine ganze Menge zu hören bekommen.

Als sei der NSU in die Bundeswehr integriert worden

Worin besteht also das Problem? Ja, vielleicht unter anderem darin, dass Asow es geschafft hat, Teil der ukrainischen Nationalgarde zu werden? Allein das sollte bei jedem Journalisten, der etwas auf sich hält, den Alarm schrillen lassen. Dass eine derartige Einheit in die offiziellen Streit- und Sicherheitskräfte des Staates eingegliedert wurde und ihre rechtsextreme Identität bewahren konnte, ist ein Anzeichen für etwas äußerst Beunruhigendes.

Oder ist vielmehr grenzenlose Trägheit der Journalisten das Problem? Händigen da vielleicht irgendwelche Strippenzieher oder, wer weiß, wortwörtliche PR-Agenten oder -Büros nette Portraitartikel und Reportagen an Interessierte aus? Und alle übernehmen sie einfach, ohne sie vorher zu überprüfen?

Ich weiß es natürlich nicht. Aber für dieses Fiasko gibt es eigentlich nur zwei Erklärungen: Entweder liegt eine Absprache westlicher Medien mit den PR-Strategien der ukrainischen Rechtsextremen vor oder die westlichen Medien sind bei diesem Thema völlig inkompetent.

Die Berichterstattung wie die zum oben angeführten Anlass ist übrigens keine Ausnahme. Im Gegenteil können wir ein Muster über lange Jahre hinweg beobachten. Seit Jahren schon erhält die ukrainische extreme Rechte zwei entscheidende Arten von Hilfe: Innenpolitisch, in der Ukraine, kam es in der Krise des Jahreswechsels 2013/14 zum fatalen Schulterschluss zwischen den selbsternannten Liberalen und Demokraten einerseits und den Rechtsradikalen andererseits. Dem lag eine einfache und opportunistische Logik zugrunde: Der Feind meines Feindes muss, wenn schon nicht mein Freund, so doch zumindest eine Art Verbündeter sein. Und da sowohl die Mainstream- als auch die rechtsextremen Demonstranten gegen dasselbe alte Regime unter dem damaligen Präsidenten Janukowitsch waren, entstand eine De-facto-Koalition. In dieser dominierten zwar die Rechtsextremen noch nicht unbedingt, übten jedoch – sehr gut organisiert, aggressiv und entschlossen wie sie nun einmal sind – großen, manchmal sogar entscheidenden Einfluss aus.

Wenn ukrainische oder ausländische Kritiker diesen Teufelspakt in Frage stellten, kamen die heftigsten Beschimpfungen von Intellektuellen, Experten und in der Tat auch von freiwilligen "Informationskriegern". Alle drei Gruppen erkannten klar, dass die rechtsextreme Verbindung totgeschwiegen und bei Bedarf möglichst heruntergespielt werden musste, um seitens des Westens eine maximale Unterstützung für die Ukraine zu ermöglichen. Folgerichtig wurde jeder, der auf diese unbequeme Tatsache hinwies, als russischer Handlanger irgendeiner Art diffamiert.

 

Der andere große Teil der Unterstützung kam den ukrainischen Rechtsextremisten nicht aus der Ukraine selbst zu, sondern aus dem Ausland. Die beiden Hauptformen hiervon waren Ignoranz und bewusste Täuschung. Oft durch Unterlassung wie in der rührenden Geschichte von Valentinas Kalaschnikow-Training bei den netten Jungs mit der Wolfsangel-Rune auf dem Ärmel.

Vielleicht sind die westlichen Journalisten und Redakteure, die sich an dieser Schönfärberei beteiligen, einfach nur unvorsichtig. Vielleicht glauben sie auch, dass sie im großen "Informationskrieg" mit Russland lediglich das Feuer erwidern. Vielleicht haben sie auch das Gefühl, dass sie der Ukraine zuliebe ein Auge zudrücken müssen. Doch was auch immer sie über ihr Handeln glauben, sofern sie überhaupt darüber nachdenken: Sie liegen damit falsch. Rechtsextreme verdienen niemals und nirgendwo einen Freifahrtschein. Und nicht zuletzt wollen auch viele Ukrainer nicht, dass in ihrem Land Rechtsextreme überhaupt irgendeinen Freibrief bekommen.

Mehr zum Thema – Ukrainische Truppen hissen Hakenkreuz-Fahne an Frontlinie – BILD-Röpcke relativiert dies als "Humor"

Übersetzt aus dem Englischen

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Tarik Cyril Amar ist Historiker an der Koç-Universität in Istanbul, befasst sich mit Russland, der Ukraine und Osteuropa, der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, dem kulturellen Kalten Krieg und der Erinnerungspolitik. Er twittert unter @tarikcyrilamar.

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